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Juli 2017

Lässige Brille, mäh!

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Lässige Brille, mäh!

Koch Oskar Messner bringt die seltenen Villnösser Brillenschafen wieder auf die Weiden. Nicht nur wegen des Lammfleisches.

Sie sind wohl die rockigsten Weidenbewohner Südtirols – stets gut gelaunt, gutaussehend mit dieser schwarzen Brille und sehr gesprächig; wenn Futter im Spiel ist. Dass wir die Villnösser Brillenschafe wieder häufiger in den Dolomitentälern antreffen, hat einen Namen: Oskar Messner. Der Koch sicherte das Überleben der aussterbensbedrohten Haustierrassen; mit einem Gesamtkonzept, das immer mehr Bauern überzeugt.

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discover Herzensangelegenheit

Oskar Messer ist tief verwurzelt in seinem Heimattal, dem Villnösstal. Anfangs interessierte ihn als Koch vor allem das Lammfleisch, mittlerweile geht es ihm um viel mehr: die Wolle, das Fleisch und vor allem das Wohl der Tiere.

#1

Weidenbewohner

Ich stehe inmitten der Wiese vor dem Galreidhof in St. Magdalena im Villnösstal, ein Bein angewinkelt, das andere gestreckt und sehe den Hang hinunter. Kein Schaf ist weit und breit in Sicht. Oskar Messner, Besitzer des Restaurants „Pitzock“, klopft an den Futtereimer, bis ich ein Rascheln höre. Einige Augenblicke später spazieren die Schafe hinter den Bäumen am Wiesenrand hervor und steuern direkt auf den Eimer zu. Braune Schafe, zwei Esel dazwischen und einige weiße mit dieser unübersehbaren schwarzen Brille. Aber nur keine Eile. Es ist ja schließlich warm. Anders als auf den meisten Höfen im Villnösstal, wo die Schafe den Sommer auf der Alm verbringen, bleiben diese hier das ganze Jahr über am Hof. Trotz der Hitze lässt es sich im Schatten gut aushalten.

Es werden immer mehr…

1989 wurde das Villnösser Brillenschaf als eigenständige Rasse anerkannt. Als Oskar Projekts vor zehn Jahren startete, waren 250 Muttertiere eingetragen. Brillenschafe sind für viele Bauern wieder eine Option, den Hof zu bewirtschaften, ohne jedoch den großen Arbeitsaufwand wie bei Milchkühen zu haben. Heutzutage gibt es wieder über 600 Muttertiere, die zwei Mal im Jahr zwei bis drei Lämmer gebären. 

Ich streichle eines der Schafe, das gerade versucht, Oskars Futtereimer zu leeren. Das Fell fühlt sich weich an. „Anfangs hielten nur zehn Bauern aus dem Tal Villnösser Brillenschafe“, erzählt mir Oskar. Er wollte das ändern. Neun Jahre sind mittlerweile vergangen, als er mit seinem Freund Kurt Niederstätter, Besitzer des Dorfladens Vontavon, das Unternehmen Furchetta gründeten. Das Projekt „Regionalentwicklung rund ums Villnösser Brillenschaf“ der Furchetta wurde vom Europäische Sozialfond (ESF) genehmigt – und unterstützt. Schwarze Zahlen schrieb man in den ersten Jahren trotzdem nicht. Oskar verlor jedoch nie den Mut, weiterzumachen. „Mittlerweile halten 50 Bauern aus dem gesamten Dolomitenraum die Schafrasse“, erzählt er mir strahlend. Am Funkeln seiner Augen merke ich, dass er liebt, was er tut. 

„Wir möchten den Leuten zeigen, wo die Schafe herkommen.“ Oskar Messner

#2

Messer weg

Der Weg führt steil nach unten, vorbei an der Geisler Gebirgskette ins Tal. Unweit des Hauses, in dem der ehemalige Extrembergsteiger Reinhold Messner aufgewachsen ist, befindet sich das Restaurant „Pitzock“, wo Oskar seinem eigentlichen Beruf nachgeht – dem des Kochs. Bereits in den Anfangsjahren hielt er große Stücke vom Lammfleisch. Und stand damit alleine da. „Es ist butterweich, aber lass dich selbst davon überzeugen“, macht er mich neugierig. Gespannt blicke ich auf den prächtig aussehenden Teller, den er mir serviert, nehme das Messer in die Hand, um es sogleich wieder zur Seite zu legen. Das Fleisch lässt sich mit der bloßen Gabel teilen. Köstlich, beginne ich zu schwärmen. Nicht umsonst trägt das Fleisch das Prädikat „Presidio Slow Food“, was für die hohe Qualität und für genussvolle, bewusste und regionale Spezialitäten steht. Von dem bockigen Geschmack, den das Wort Lammfleisch in meinem Kopf auslöst, merke ich nichts. „Die halbstarken Tiere werden nach vier bis sechs Monaten geschlachtet, noch bevor sie geschlechtsreif sind. Deshalb ist das Fleisch so zart“, erklärt mir der zweifache Familienvater. „So wie dir ging es in Vergangenheit auch vielen weiteren Gästen. Sie waren allesamt positiv überrascht“. Es schmeckte eben. Die Nachfrage nach Lammfleisch steigt ständig – bei den Gästen und auch bei Restaurants. 

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discover Internationale Gäste

Den Mehrwert des Projektes verspürt Oskar in seinem Restaurant. Gäste, mittlerweile aus der ganzen Welt, kommen zu ihm, um das Lammfleisch zu probieren.

#3

Lockenkopf

Für die Entsorgung der Wolle bezahlen müssen? Als Oskar dies hörte, wollte er es nicht wahrhaben: „Das Villnösser Brillenschaf ist eine Wollrasse. Deren Wolle ist hochwertig.“ Vor allem Kleidungsstücke wurde früher daraus gemacht. Als in den 60er Jahren viele Bauern auf die Milchwirtschaft umstiegen, ließ die Wollproduktion nach. Die Produktionswege wurden weiter, es lohnte sich nicht mehr. Doch die Talbewohner hängen an „ihrer“ Schafrasse. Auch Valentin Niederwolfsgruber, der in seinem Unternehmen, dem „Naturwoll“, die Wolle wieder verarbeitet. 

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discover Wollproduktion

Das Haus, in dem sich „Naturwoll“ befindet, ist urig; ebenso wie die Maschinen für die Wollverarbeitung. Die Älteste ist 250 Jahre alt, die Neueren sind 80 Jahre alt – und ja, alle sind noch voll funktionsfähig.

Nun bin ich neugierig, was heutzutage aus Wolle gemacht wird. Im Ausstellungsraum, einer umfunktionierten Stube, reihen sich Kissen an Handschuhe, gefilzten Utensilien, Decken und Socken. Alles in Naturfarben. Ich verspüre plötzlich das Bedürfnis, über die Wolle zu streichen. Sie ist so weich! „Die Schafswolle gleich Körpertemperatur aus und reguliert Feuchtigkeit. Und das Wollfett hat dazu eine heilende Wirkung“, erklärt mir Valentin und hält stolz eine seiner Decken hoch, „das alles hilft zum besseren Schlaf.“ Ich lehne mich daran, schließe die Augen und würde nun gerne einschlafen; vielleicht auch die Schäfchen zählen. Und hoffen, dass die mit der lässigen Brille immer mehr werden.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Alex Filz
Video: Miramonte Film – Andreas Pichler