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November 2017

Ich, Tamara Lunger

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Ich, Tamara Lunger

Die Extrembergsteigerin weiß, was sie Stück für Stück dankbarer macht und zufrieden sein lässt. Und wie ist es mit Ihnen?

Ganz Südtirol hat bei ihrer großen Expedition zum Nanga Parbat 2015 mitgefiebert. Eine Winterbesteigung war das Ziel. Erneut hätte Tamara Lunger einen Rekord gebrochen. Sie wollte den gewaltigen Riesen des Himalayas, in den der höchste Berg Europas, der Mont Blanc, 40 Mal hineinpasst, bezwingen. Der Aufwand für Expeditionen ins Reich der Achttausender ist gigantisch: 50 Stunden Anreise, 60 Tage vergehen zwischen Akklimatisierung, Aufstieg in die verschiedenen Basislager, Warten auf günstiges Wetter, Leben auf engstem Raum in Zelten, Eintönigkeit, Kälte, Absturzgefahr beim Gang auf die Freilufttoilette. Doch gleichzeitig ist es auch ein Eintauchen in eine andere Welt, frei von Alltagszwängen; sich selbst näherkommen als kaum sonst wo - und seinen Frieden finden.

#1

Wenn Aufgeben belohnt wird

Dann kommt DER Tag. Wenige Höhenmeter trennen das Basislager vier vom Gipfel. Tamara bricht nach den Expeditionskollegen auf – hinein in die Dunkelheit. Es hat 34 Grad minus, der Wind pfeift ihr mit 45 Kilometern pro Stunde um die Ohren und sie merkt: Heute ist nicht mein Tag. Die sonst so Kräftige fühlt sich nicht gut, jeder Schritt fällt noch schwerer als sonst in dieser Höhe. Sie erbricht - immer wieder. Doch sie macht weiter, betet, dass die ersten Sonnenstrahlen rauskommen. Sie bleibt immer öfter stehen, um Kraft für den nächsten Schritt zu sammeln; bis sie plötzlich, laut und deutlich, eine innere Stimme hört, die zu ihr sagt: „Wenn Du jetzt weitergehst, kommst Du nie mehr zurück“.

Sie steht 70 Meter vor dem Ziel. Dabei ist ihr klar: Sie würde die drei Männer ihrer Seilschaft in Gefahr bringen. In diesen Höhen, bei diesen Bedingungen, kann einem niemand mehr helfen. Sie kehrt um. Der Abstieg ist steil und gefährlich, jeder Fehltritt unverzeihlich. Sie springt über eine Gletscherspalte, rutscht aus. Es geht rasant nach unten. „Das ist das Ende“, denkt sie sich, bevor sie durch einen Schneehaufen gebremst wird, der ihr das Leben rettet.

Später abends im Zelt, nachdem sie den anderen zur Gipfelbesteigung gratuliert hat, kommen die Enttäuschung und die Traurigkeit hoch. Normal. Doch dann, unerwartet, wandeln sich diese Gefühle in Dankbarkeit um. Sie ist dankbar dafür, sich auf die innere Stimme verlassen zu können. Zufriedenheit steigt auf, die Bergkollegen nicht in Gefahr gebracht zu haben. Und schlussendlich freut sie sich mit ihren Teamkollegen über deren Erfolg.

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discover Die Kämpferin

Klare Worte einer Kämpferin: „Ich sehe das Umkehren auf dem Nanga Parbat nicht als eine Niederlage, denn es hat mich menschlich weitergebracht. Erfolg ist für mich viel mehr als das Erreichen eines Gipfels.“

#2

Sich selbst treu bleiben

Es ist angenehm warm, als ich Tamara in der Nähe ihres Heimatdorfes Gummer im Eggental treffe. Wir setzen uns auf die Schaukeln eines Spielplatzes, umgeben von einem fantastischen Bergpanorama. Hier, inmitten der Dolomiten, wo sie aufgewachsen ist. Ich kenne Tamara schon lange und bin immer wieder von der Fröhlichkeit und Stärke fasziniert, die sie ausstrahlt. Jedes Mal wenn ich sie treffe, bringt sie mich dazu, über mein Leben nachzudenken und zu überprüfen, ob ich tatsächlich tue, was mir entspricht und mich glücklich macht.

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discover Gewinnertyp

Athletischer Körperbau, natürliche, herzliche Ausstrahlung, das Lächeln einer Gewinnerin - so würde ich Tamara beschreiben.

#3

Der schwierigere Weg

Tamara sagt von sich selbst, dass es ihr in die Wiege gelegt wurde, immer den schwierigen Weg zu gehen: Radfahren lernen ohne Stützräder, beim Skitourengehen ging sie nicht den Spuren ihres ebenfalls sportfanatischen Vater Hansjörg nach, sondern abseits davon. Und schließlich begann sie mit 14 davon zu träumen, einmal auf einem Achttausender zu stehen. Es war weniger die Liebe zu den Bergen damals, die ihr diesen Traum bescherte, als vielmehr die Überzeugung, dies sei etwas vom Schwierigsten und genau deshalb wert, verfolgt zu werden. Irgendwann.

Wer ist Tamara?

1986 in Bozen geboren, wuchs Tamara mit ihren Eltern und zwei jüngeren Schwestern in Gummer auf. Die Leidenschaft für das Bergsteigen hat ihr Vater Hansjörg weitergegeben, selbst ein begeisterter Bergsteiger und Radfahrer. Nach dem Abitur am Realgymnasium für Sport in Sterzing studierte sie Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck. Seit 2002 ist sie ein erfolgreiches Mitglied der italienischen Nationalmannschaft im Skibergsteigen. 

#4

Schlüsselbegegnungen

Mit 18 lernt Tamara auf ihrem Maturaball einen der besten Bergsteiger Italiens kennen: den Alpinisten und Schriftsteller Simone Moro aus Bergamo. Er ist es, der sie auf die höchsten Berge der Welt mitnahm. Konstitution und Kondition passten zusammen. Es galt noch herauszufinden, ob Tamara höhentauglich war. Bald stand fest: Sie war es. Und heute ist sie süchtig danach.

„Das ist das Leben, das ich will. Und nichts Anderes.“ Tamara Lunger

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discover Vom Vorbild zum Teamkollege

Mit Simone Moro hat Tamara einen Kollegen gefunden, der „perfekt“ zu ihr passt: „Wenn du oben auf dem Berg in einem kleinen Zelt über längere Zeit zusammenlebst, wirst du wie Bruder und Schwester.“ Die Harmonie im Team stimmt.

Beide empfinden ihre Abenteuer als Privileg, das Scheitern als Möglichkeit, etwas über sich selbst zu erfahren und als Vorbereitung, um zum Erfolg zu gelangen. Beide sprechen von einer Beziehung zum Berg, von einer Seele, mit der man als Bergsteiger in Beziehung tritt, vom Moment, in dem man sich in den Berg verliebt und anschließend an nichts Anderes mehr denken kann. Nach der ersten Expedition mit Moro war für Tamara klar: „Dieses Leben ist viel intensiver. Selbst wenn es einmal dann vorbei sein sollte, kann ich mir nichts vorwerfen. Ich habe jeden Tag so gelebt, wie ich es wollte. “ Ein Satz der provoziert oder inspiriert, je nachdem. Wie auch immer: Wie viele Menschen können das von sich behaupten?

Die Jüngste auf dem Lhotse

Als Tamara mit 23, als jüngste Frau der Welt, den 8.516 Meter hohen Lhotse erklimmt, stellt sich kein wirkliches Gefühl der Zufriedenheit ein. Sie hatte Sauerstoff dabei. Dieser nahm ihr die Genugtuung und die Zufriedenheit. Das wollte sie fortan nicht mehr. Seither gilt: kein Sauerstoff, keine Träger.

#5

Kompromisslos und einfach

Tamara Lunger gehörte zur Weltspitze im Skitourenrennen, merkte dann aber am Himalaya, dass Bergsteigen ihr Lebensinhalt ist. Es geht ihr nicht um Rekorde und Vergleiche. Die sind ein angenehmer Nebeneffekt und ermöglichen, besser von dieser Leidenschaft leben zu können. Sie ziehen Sponsoren an. Die jahrelange intensive Beanspruchung des Körpers hinterlässt aber ihre Spuren. Immer wieder zwingen sie anhaltende Knieschmerzen zu Zwangspausen. Jedoch hat Tamara keine Zweifel, dass sie immer wieder Herausforderungen findet, die zu ihr passen. Und mit dem Hubschrauber-Pilotenschein in der Tasche, liebäugelt sie damit, irgendwann mal Rettungspilotin in den geliebten Himalaya-Bergen zu werden. Noch trennen sie viele Flugstunden von diesem Traum.

Tamaras „schönste Expedition“

Es ist bezeichnend, dass Tamara eine Expedition in Pakistan, wo sie mit ihrem Vater 150 Kilometer an den Gletschern zurückgelegt hat, als „die schönste Expedition “ beschreibt: wochenlang in der Einsamkeit, mit knappem Proviant, die Gletscherspalten allgegenwärtig. Die Naturerlebnisse, Grenzerfahrungen und die Ruhe sind das, was Tamara sucht. Sie sieht vom kommerziellen Rummel, der mittlerweile bei vielen Achttausendern im Himalaya herrscht, ab.

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discover Auf der Suche nach Ruhe und Freiheit

„Ich möchte lieber einen Achttausender auf einem anderen Weg erreichen, vielleicht auch im Winter, wenn weniger Leute unterwegs sind – oder ansonsten einen ruhigeren Fünf- oder Sechstausender besteigen“, formuliert sie ihre nächsten Ziele.

Die Sonne geht langsam hinter den Bergen unter und ich verabschiede mich von Tamara. Auf der Rückfahrt kreisen die Worte ihrer inneren Stimme immer wieder in meinem Kopf herum: „Wenn Du jetzt weitergehst, kommst Du nie mehr zurück“. Ein paar Meter haben darüber entschieden, Alpingeschichte zu schreiben oder nicht. Erinnert oder vergessen zu werden.

Eines bin ich mir nach dem Treffen sicher: Trotz des Umdrehens ist sie eine Gewinnerin – dankbarer und zufriedener als zuvor.

Text: Barbara Prugger
Fotos: Ivo Corrà / Archiv Tamara Lunger
Video: Miramonte Film und Andreas Pichler

Tamaras Gipfelbesteigungen

# 2014: K2 8.611m – Karakorum/ Pakistan: Als zweite Italienerin überhaupt erreicht Tamara den Gipfel - ohne Sauserstofflasche und Träger.

# 2011: Khan Tengri 7.010m - Kasachstan: Tamara schafft die Besteigung des höchsten Berges von Kasachstan.

# 2010: Lhotse 8.516m - Himalaya: Tamara erreicht ihren ersten Gipfel auf dem Himalaya und ist dabei die jüngste Frau, die ihn jemals erreicht hat.

# 2009: Island Peak, 6.189m - Himalaya: Tamara schafft bei ihrer ersten wichtigen Expedition die Gipfelbesteigung.