Oktober 2015

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Nimm mal die Maske ab!

Berge tun der Seele gut. Das wissen wir. Pauli Trenkwalder geht mit Ihnen in die Berge, damit Sie da auch Ihre Probleme loswerden.

Wenn Sie Wunder erwarten, sind Sie hier falsch. Diese verspricht Ihnen Pauli Trenkwalder auch gar nicht. Er ist vielleicht der ehrlichste Psychologe und Bergführer, den wir bisher kennengelernt haben. So hält er Angebote, in denen Büroteams über Bergabenteuer zusammengeschweißt werden sollen, für Humbug. Und dass Sie am Berg etwas fürs Leben lernen, passiert sicher nicht von heute auf morgen. Etwas geschieht am Berg trotzdem. In der Bewegung. Und das kann sich bei jedem einstellen.

Das erste, was ich von Pauli Trenkwalder zu Gesicht bekomme, ist sein Hund: Lulu. Ein lebhafter, wuschliger Knäuel mit einer Frisur, die jener von Pauli ähnlich ist. Nicht zu bändigen. Es ist richtig kalt an diesem Morgen, und in Gossensass nahe am Brenner, wo Pauli Trenkwalder lebt, ist der Himmel deshalb besonders blau, die Zacken der Berge stehen wie gezählt, die Luft scheint durchsichtig in HD. Pauli empfängt uns in kurzen Ärmeln. Dafür hat er Tee und Kaffee gekocht. Wir setzen uns in die Küche, und es ist sofort nett.

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Pauli Trenkwalder mit Hündin Lulu. Der Bergführer und Psychologe ist ein Beziehungskünstler: "Das Verhältnis zwischen Therapeut und Mensch muss stimmen."

Beziehung aufbauen. Das kann Pauli Trenkwalder im Nu. Als Psychologe und Bergführer ist er Menschen zugetan und erfahren in menschlichen Eigenheiten. „Die Beziehung zwischen mir als Therapeut und dem Menschen, der zu mir kommt, muss stimmen. Das ist das Wichtigste“, sagt Pauli. So kann er seine Klienten auch auf Wege bringen, die ausgesetzt sind, oder beschwerlich, oder bisher verschlossen schienen. Paulis Arbeitsfeld liegt draußen in der Natur. Er ist auf psychologische Coachings im Gebirge spezialisiert. „Körperliche Anstrengung in einer starken Natur öffnet die Menschen“, sagt Pauli, „da steht dann jemand ohne Maske vor dir, so, wie er ist.“ Job-Probleme, Ängste, schwierige Entscheidungen lassen sich dann am besten besprechen. Nackt sozusagen und weit weg vom Alltagsgewusel. Berge sollte man halt mögen, wenn man zu Pauli Trenkwalder will. Und den Willen, an sich zu arbeiten. Für schnelle Tipps ist Pauli nicht zu haben. „Das bringt nichts. Du musst an dir arbeiten. Das ist ein ganz langsamer Prozess.“

Deswegen sagt uns Pauli im Interview auch gleich, was funktioniert und was nicht. Wir würden sagen: Wenn Sie jemanden suchen, mit dem Sie die Tiefen Ihres Innenlebens ergründen wollen, um zu einer Entscheidung zu finden, mit ihm können Sie gehen. Er lässt Sie nicht abstürzen. Sicher nicht! Das ist schon viel, um heil herauszukommen. Nicht?

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Pauli Trenkwalder führt niemanden bewusst an seine Grenzen. Er sieht seine Aufgabe als Psychologe und Bergführer darin, die Menschen sicher zu führen, wie hier im Pfitschertal bei Sterzing.

Gehst du in die Berge, wenn du Probleme hast?
Pauli Trenkwalder: Ja, ich kann in den Bergen gut entspannen und über Dinge nachdenken. Ich fahre das System besser hinunter.

Du fährst das System hinunter? Was passiert denn am Berg?
Viele Menschen sagen, in den Bergen fühle ich mich frei. Ein schwieriges Wort für mich. Aber etwas passiert tatsächlich da oben. Der Glücksforscher Czikszentmihalyi nennt es Floweffekt, also ein Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man eine Extremsituation überstanden hat. Der Neurobiologe Arne Dietrich, den ich sehr gut kenne, hat diesen Ansatz weiterentwickelt. Er sagt, es gibt in uns ein implizites und explizites Hirnkastl. Durch die Tätigkeit beim Wandern oder Klettern fährt das explizite System herunter, übrig bleibt der Autopilot und es beginnt eine kreative Phase, in der sich Lösungswege aufzeigen. Man könnte sagen, ich strenge mich nicht mehr an zu denken. Ich muss beim Gehen nicht nachdenken, wie ich meinen Fuß nach vorne setze. Diese Bewegung ist automatisiert, deshalb kann ich mich auf andere Sachen konzentrieren und dann spüre ich, jetzt fließt es…

Wer kommt zu dir? Was sind das für Menschen?
Wir bieten keine Psychotherapie an. Wir machen Gesundheitsförderung. So nennen wir das. Da gab es zum Beispiel eine Friseurin, die in einem anderen Beruf noch einmal neu beginnen will? Oder Führungskräfte, die sich weiterentwickeln möchten. Oder eben ein Klient, der es nie länger als drei Jahre schafft, eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten. Es sind Menschen, die vor einem Problem stehen und das anschauen möchten.

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Wandern, Klettern, Skitourgehen. Bei Pauli Trenkwalder dauert eine Therapiesitzung einen ganzen Tag.

Berge sind gut, wenn Ihnen darin das Herz aufgeht

Bringst du auch Menschen in die Berge, die vorher nie eine Beziehung zum Berg gehabt haben?
Nein. Die melden sich gar nicht. Wer zu mir kommt, der will nicht klettern lernen. Der sucht eine „Kulisse“, in der er sich gut fühlt. Mit einer Klientin war ich auf Skitour, es war super Pulverschnee und schlechtes Wetter, aber sie hat gesagt, ihr geht da das Herz auf. Klar, wenn ihr das Herz aufgeht, ist es für mich leichter, mit ihr zu arbeiten, weil dann auch etwas ins Herz hinein geht. Ich bin am Berg ja in einer Doppelfunktion unterwegs. Als Psychologe bin ich nahe dran am Menschen, als Bergführer bin ich auch einmal 30 bis 50 Meter weit weg. So kann sich mein Gast aufs Klettern konzentrieren und auf die Gedanken, die sich dabei einstellen. Ich setze dann nur einige Nadeln.

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Automatisierte Bewegung aktiviert den Autopilot. So können Menschen ihre Gedanken neu ordnen. Etwa bei einer geführten Skitour auf der Plose bei Brixen.

Von welchen Nadeln sprichst du?
Ich kann dir eine Frage stellen, mit der ich spiegle, was du gesagt hast, dann rattert das in deinem Hirnkastl. Und das geht den ganzen Tag lang. Eine Therapiesitzung im Tal dauert normalerweise 50 Minuten, wenn ich als Coach einmal nicht weiterkomme, dann rette ich mich über diese Stunde schon drüber. Wenn ich hingegen den ganzen Tag ausgesetzt bin, ist das viel effektiver, aber natürlich auch anstrengender.

Psychologe und Bergführer ziehen am gleichen Seil

Wie wichtig ist das Thema Grenzen annehmen, ausloten oder überwinden?
Bei Führungskräften, die exponiert sind, mag es sinnvoll sein, daran zu arbeiten. Aber sonst führe ich niemanden bewusst an seine Grenzen. Als Bergführer habe ich die Aufgabe, den Menschen zu sichern, damit er nicht abstürzt. Als Psychologe habe ich den gleichen Auftrag. Ich muss ihn in seine geistigen Welten gut hinein und wieder herausführen. Einen Menschen psychisch zu exponieren, finde ich nicht richtig. Ich führe auch Kinder nicht mit der Hand auf die heiße Herdplatte, damit sie verstehen, dass das wehtut.

Was kann ich also am Berg lernen, wenn ich mit dir unterwegs bin?
Huh, da kommen wir jetzt in den Bereich der großen Versprechen. Wir kennen alle diese Angebote zum Teambuilding, wo Mitarbeiter einer Firma zusammen auf den Berg gehen, ein Floss bauen und gemeinsam den Fluss hinunterfahren, und alle erwarten, danach werdet ihr besser zusammenarbeiten. Man weiß, evidenzbasiert, dass das Humbug ist. Die haben ein tolles Erlebnis, ganz sicher, aber der Effekt wird aus meiner Sicht überhöht.

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Ausgesetztheit ist ein Gefühl, das Menschen am Berg spüren können, wie hier am Ortler Hintergrat im Vinschgau, wo das Leben schnell am seidenen Faden hängt.

Ich kann also gar nichts lernen am Berg?
Doch, wenn du in der „Wildnis“ unterwegs bist, fühlst du dieses Ausgesetztsein, du musst Entscheidungen treffen und spürst Hunger, Durst, Kälte, Müdigkeit, Hitze. Das sind die wirklichen Werte von diesem Erlebnis, nicht, ob du einen Transfer vom Berg ins alltägliche Leben herstellen kannst oder nicht. Ich als Pauli Trenkwalder kann das sicher nicht leisten. Ich werde dich begleiten, ich werde dich dorthin führen, wo es für dich unangenehm ist, und mit dir Verhaltensmuster aufdecken, die sich im Lauf des Lebens bei dir eingeschlichen haben. Darum geht es ja. Du kommst zu mir, weil du dich weiterentwickeln willst. Ich sichere dich mit dem Seil, wie es ein Bergführer auch tut. Und ich habe den Kompass, ich weiß, wie weit ich gehen kann. Auch bei dir. Und ich gehe so weit, wie du es mir sagst. Aber arbeiten an dir musst du.

Niemand muss auf den Gipfel

Und wenn der Gast nicht auf den Gipfel kommt, kommt er halt nicht hinauf…
Ja, in Bergsteigerkreisen heißt es oft, der Gipfel ist das Ziel. Andere sagen: Das Ziel ist der Weg. Ich sage: Oft ist das Ziel im Weg. Der Gipfel ist nicht so wichtig. Wichtig ist das Unterwegssein. Es ist wichtig, dass du innerlich in deinen Themen unterwegs bist, dann wird sich etwas ändern.

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Pauli Trenkwalder ist überzeugt: "Die Fähigkeit, da draußen Anstrengung wegzustecken, kann ich auf mein tägliches Leben übertragen, wenn ich mich durchbeißen muss."

Kann ich ein Muster erlernen? Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie ich am Berg eine schwierige Situation gemeistert habe?
Ein wesentlicher Bestandteil psychischer Gesundheit ist die Selbstwirksamkeit, also wenn ich etwas gegen Widerstand mache und Erfolg habe. Am Berg handle ich oft gegen Widerstände: jetzt muss ich die Zähne zusammenbeißen, jetzt muss ich durchhalten, muss mich in Geduld üben, auch einmal demütig sein, auch einmal scheitern. Diese Selbstwirksamkeit kann man von den Bergen in sein Berufsleben – oder auch Privatleben – übertragen. Wenn ich gesehen habe, ich habe das ausgehalten am Berg, obwohl ich müde war und Durst hatte, dann bin ich stolz auf mich. Das sagen mir die Menschen auch: Ich bin stolz auf mich, ich habe durchgehalten.

Arbeitest du eher an den Stärken oder an den Schwächen deiner Klienten?
Richtig ist, die Stärken zu stärken und sich nicht lange bei den Schwächen aufzuhalten. Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen hat einmal gesagt, wenn du ein Pinguin bist, wird aus dir auch nach sieben Jahren Therapie nicht eine Giraffe werden. Und die Stärke des Pinguins ist halt das Schwimmen und nicht der Marathonlauf.

Wie sehr muss man sich am Berg plagen, dass es mir im Alltag nützt.
Wenn man sich nicht plagen will, wird man halt nicht Vorstandsvorsitzender werden. Einige Führungskräfte, die ich schon lange begleite, haben eine hohe Leidensfähigkeit, die klagen nie, die sind demütig und geduldig, und die halten durch, auch wenn man genau sieht, dass es jetzt anstrengend für sie ist.

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Schon immer war der Berg ein zentrales Thema in Pauli Trenkwalders Leben.

Etwas auszuhalten am Berg ist gut für den Alltag

Kann man sich ans Leiden gewöhnen, um mehr auszuhalten…
Die Qualität, etwas auszuhalten da draußen, Anstrengung wegzustecken, das kann ich übertragen auf mein Leben, da kann ich mir sagen, jetzt muss ich mich einfach mal durchbeißen. Ich bin aber der Meinung, dass man sich entspannen darf am Berg. Manchmal reicht es, einfach hinauszugehen. Das allein tut schon gut. Wir in Südtirol haben diese Qualität! Der eine braucht den Spaziergang rund um den Montiggler See, der andere muss die Drei Zinnen besteigen, aber was beide tun müssen, ist, sie müssen hinausgehen. Sie müssen es machen.

Haben wir viele Probleme deshalb, weil wir zu wenig draußen in der Natur sind?
Du musst nur schauen, wie viele Leute unbewusst in die Natur gehen. Und wenn sie zurückkommen, sagen sie, das hat mir gut getan. In der Natur passiert irgendwas mit ihnen. Dieses Hinausgehen machen die meisten intuitiv, es ist etwas, was Menschen treibt. Wenn unsere Vorfahren nicht hinausgegangen wären, um Himbeeren zu suchen und den Säbelzahntiger zu erlegen, würden wir ja noch immer in der Höhle hocken.

Interview: Gabriele Crepaz und Valentina Casale

Pauli Trenkwalder

ist Bergführer und Psychologe. Schon immer war der Berg ein zentrales Thema in seinem Leben. Er hat Berge in der ganzen Welt bestiegen, auch einige Erstbegehungen sind dabei, bis er entschied, den Berg zu seinem Berufsfeld zu machen. Gemeinsam mit seinem Partner Jan Mersch bietet er für Einzelpersonen, Führungskräfte und Gruppen strategische und systemische Coachings im Gebirge an, um berufliche und private Themen zu beleuchten.