November 2017

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Einer auf Schiene

Die zitronengelben Bachmann-Rodeln waren Kult im Spitzensport. Jetzt rüstet Otto Bachmann Freizeitsportler und Familien aus.

Mit den Händen schiebe ich mich an, fahre zuerst geradeaus, nehme Fahrt auf, schwenke nach rechts und blinzle kurz. Die Sonne reflektiert sich im Schnee, der Wind bläst in mein Gesicht. Noch einige Kurven und ich lasse meine Rodel an der Talstation des Skigebietes Helm ausfahren.

Otto Bachmann, einst einer der besten Naturbahnrodler der Welt und heute Rodelbauer, wartet bereits auf mich. Freundlich begrüßt er mich. Sein Blick wandert  zu den zitronengelben Kufen. Es war seine Idee, seine Kennfarbe, es ist eine seiner selbstgebauten Rodeln. Er hat aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht, baut mittlerweile seit mehr als 30 Jahren Rodeln. Wir fahren dorthin, wo alles begann… und die Rodeln noch heute hergestellt werden.

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discover Die Kennfarbe der Bachmann Rodeln

„Jetzt kommt die Gelbe. Das ist eine Bachmann Rodel“, riefen die Leute oftmals im Ziel. Otto Bachmann erinnert sich gerne daran zurück.

Einige wenige Kilometer vom Skigebiet Helm entfernt wohnt Otto. Von Winnebach /Innichen ist es nicht mehr weit bis zur Grenze nach Osttirol. Ein schmaler Weg führt zum Haus, das abgelegen am Berghang liegt. Gerne betrete ich den Eingangsbereich, denn draußen ist es schattig und kalt. Unzählige Pokale im Regal erzählen stillschweigend von seiner erfolgreichen Zeit als Rodler. Mit funkelnden Augen sieht er diese an, ist heute aber vor allem eins: bescheiden.

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discover Erfolgreiche Zeit

Otto Bachmann gewann zahlreiche Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften. Doch die größten Erfolge feierte er nach seiner aktiven Karriere: Er baute Rennrodeln für Spitzensporter ... und diese siegten auf seinen Rodeln.

#1

Von null auf hundert

Alles begann mit einem Rennen, das hinter dem Haus vorbeiführte. Als Kind nahm Otto daran teil. Er hatte Talent und war schneller als alle anderen Kinder im Dorf. Der Innicher Rodelverein wurde auf ihn aufmerksam. Er schaffte es zuerst in die Jugendnationalmannschaft, dann in jene der Erwachsenen. Doch nur vom Rodeln konnte und wollte er nicht leben. Eine Lehre als Koch brach er nach kurzem wieder ab. Es folgt die Arbeit bei der Spedition, welche sich gut mit den Trainingseinheiten und den Rennen am Wochenende vereinbaren ließ. Doch Otto hatte eine ganz andere Idee.  

#2

Das Stallele wächst

Ottos Rodeln, mit denen er seine Rennen bestritt, wurden meist in Österreich hergestellt. Er aber träumte davon, sie nach seinen eigenen Vorstellungen zu bauen. Er war 25, als er seine Leidenschaft zum Beruf machte; einen Beruf, den es bis dahin kaum gab: der Rodelbauer.

Gerne erinnert er sich an das Stallele, dem Stall neben seinem Elternhaus, zurück, wo er sich einnistete. Er war weder gelernter Tischler, noch Schlosser, wusste aber, was eine gute Rennrodel ausmachte. Er holte sich Hilfe aus der Umgebung und aus dem nahe gelegenem Österreich. Das Stallele baute er stetig aus, bis er 1998 abbrannte. Beim Gedanke daran wird der sonst so fröhliche Rodelbauer nachdenklich: „Die Zeit nach dem Brand war schwierig.“ Er belegte einige angemietete Räume, bis das neue Haus um die Jahrtausendwende fertig gestellt wurde. Seitdem stellt er dort ganzjährig seine Rodeln her. Da er diese nur etwa zwei Monate im Jahr verkauft, vertreibt er im Sommer Fenster.

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discover Der Verkauf der Rodeln

Vor einigen Jahren verkaufte das Unternehmen Bachmann noch 4.000 Rodeln jeden Winter, nun etwa die Hälfte. Die letzten beiden Winter gab es wenig Schnee.

#3

Herumgetüftelt

Otto revolutionierte die Rodeln und war anderen Herstellern stets einen Schritt voraus. Er ging beim Material des Sitzes von den traditionellen Gurten weg, probierte Segeltücher und LKW-Planen aus; und er verwendete hochwertiges Holz. Was heute alles als so selbstverständlich klingt, war vor einigen Jahren noch eine Neuheit. Ein benachbarter Bauer sprach ihn eines Tages an, ob er denn wohl genug Arbeit hätte. Zufrieden nickte Otto. Der Bauer blieb aber skeptisch: „Du machst die Rodeln viel zu stabil. Die halten ja ewig.“ Otto beginnt zu schmunzeln.

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discover Die Belagschienen

Erstmals entwarf Otto Belagschienen, die hinten auseinander gehen. Somit bremst die Rodel weniger.

#4

Der Kopf war voll

Bereits nach kurzer Zeit belieferte Otto knapp 90 Prozent der Spitzenrodler, wie die Österreicher Gerhard Pilz und Irene Koch, mit seinen zitronengelben Rodeln. Im ersten Jahr seiner Rodelproduktion setzte er mit dem aktiven Rodeln aus. Ein Jahr später ging er dann mit einer selbst gebauten Rodel an den Start. Die zahlreichen Bedürfnisse und Wünscher der Athleten lenkten ihn aber ab. Mit 29 Jahren, nach der WM 1986, trat er zurück. „Heute arbeite ich nur mehr“, erzählt er und grinst dabei.

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discover Bachmann Rodeln

Eineinhalb Stunden braucht es, um eine klassische Rodel für Hobbyfahrer herzustellen. Bei Rennrodeln kann es mehrere Tage dauern.

#5

Das Zusammenspiel

Otto begleitet mich in das Herzstück seiner Rodelherstellung: die Werkstatt. Vier Angestellte beschäftigt er dort. Sofort fallen mir die unzähligen aneinandergereihten Rodeln ins Auge, die abholbereit sind. Ich höre einen lauten Lärm und nähere mich diesem. Holzspäne liegen auf dem Boden. Verschiedenste Holzstücke stapeln sich neben dem Tischler, der gerade Kufen schleift. Anders als früher, wird heutzutage nicht mehr jeder einzelne Arbeitsschritt in der Werkstatt ausgeführt.

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discover Geschliffene Kufen

Das Holz für die Rodeln wird direkt vor Ort bearbeitet. Aufgrund der sinkenden Nachfrage werden heutzutage einige Teile extern hergestellt oder zum Lackieren weggeschickt.

#6

Der Kufentrend zeigt nach unten

Wehmütig blickt Otto in die Gegenwart. Die Konkurrenz im Rodeln hat nachgelassen. „Früher musste man hart trainieren, um es überhaupt in die Mannschaft zu schaffen.“ Heutzutage gibt es wenige Spitzensportler und die Entwicklung der Rodeln ging in die falche Richtung. Die Produktion der Weltcup-Rodeln stellte er vor etwa zehn Jahren ein; und haderte mit dem Italienischen Verband der Naturbahnrodler, der FISI. 

„Die FISI meinte, eine Formel 1 aus den Rodeln machen zu müssen. Ich wünschte mir jedoch, dass diese Sportart einfach bleibt." Otto Bachmann, Rodelhersteller

Sein Klagen brachte nichts. Die Rodeln wurden immer anspruchsvoller gebaut, mit messerscharfen Kufen und für Eispisten geeignet. Das bedeutet zusätzliche Kosten für die Vereine. „Die Rodel kann sportlich sein, ich möchte sie aber auch auf einer normalen Freizeitpiste verwenden können“, zweifelt Otto an der Entwicklung der Rodeln. 

Unser Gespräch endet vor Ottos Werkstatt. Ein letztes Mal setzte ich mich auf die zitronengelbe Rodel – dieses Mal zusammen mit Otto. Kräftig schiebt er sie an. Wir nehmen Fahrt auf, werden immer schneller, bis wir den Weg hinterm Haus hinunter rasen. Kurz vor einer Kreuzung bremsen wir rüde ab. Lachend plumpse ich von der Rodel in den Schnee. Als ich mich von Otto verabschiede, bemerke ich sein Strahlen im Gesicht. Es mögen zwar all die Jahre vergangen sein, jedoch ist der kleine Junge mit der Rodel nie verschwunden.  

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Alex Filz