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Oktober 2016

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Viel mehr als nur knackfrisch

Sie schmecken unterschiedlich, heißen anders; und nur die Wenigsten wissen, dass sich für einen guten Strudel nicht alle eignen.

Egal ob grün, rot, klein oder groß – bereits Adam konnte dem Apfel nicht wiederstehen. Auch Christine Schönweger und Magdalena Thuile können nicht mehr ohne ihn. Sie sind zwei der zahlreichen Apfel-Bäuerinnen in Südtirol und wissen, dass hinter dem unscheinbaren Obst viel mehr steckt. Als ich die beiden Apfel-Bäuerinnen besuche, merke ich, dass ihr Paradies, ihre Höfe, unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Apfel-Bäuerinnen unter sich: Magdalena Thuile und Christine Schönweger.

#1

Vergangenheit trifft auf Gegenwart

Gleich hinter dem Eingangstor beginnt das Geräusch der knirschenden Kieselsteine. Präzise geschnittene Hecken und ein Brunnen vermitteln die innere Ruhe dieses Ortes. Der Gaudenzhof in Partschins ist Christine Schönwegers Paradies – das Reich einer Frau, die Mode in Mailand studiert hatte, deren Schicksal sie jedoch hierher brachte.

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Willkommen am Gaudenzhof: Eine kleine Steinmauer trennt den dornröschenhaften Garten vom Weg ab.

23 Jahre ist dies mittlerweile her. Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt sie mich. Sie wirkt zufrieden und natürlich. Das verrät mir mein Blick nach unten. „Ich liebe den Kontakt mit der Natur“, erzählt sie mir, während ich ihre Zehenschuhe, eine Art Handschuhe für die Füße, ansehen.
Das Wohnhaus am Hof strahlt einen altertümlichen Charme aus. 1348 wurde es erbaut, war anfangs als Aussichtsturm gedacht. Reben umgeben es. Doch wo sind eigentlich die Äpfel?

Apfelanbau in Südtirol

Über 7.000 Südtiroler Apfelbauern bewirtschaften Höfe mit durchschnittlich 2,5 Hektar Fläche. Das mediterrane Wechselklima in Südtirol, mit regnerischem Frühling und sonnigem Sommer und Herbst mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht, ist ideal für den Anbau einer Vielzahl leckerer Sorten.

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Apfelanbaugebiete in Südtirol.

#2

Jeder Apfel hat seinen genauen Platz

Das Apfelfeld liegt einige Minuten vom Gaudenzerhof entfernt. Ein Baum reiht sich an den nächsten,  die Abstände dazwischen sind immer konstant. Und das über da gesamte Feld. „Wir bauen auf den 2,5 Hektar vier verschiedene Sorten an: Gala, Golden Delicious, Red Delicious und Fuji“, erklärt mir Christine. Sie ist eine von 96 Prozent der Apfelbauern in Südtirol, die integriert anbauen. Dabei werden die Bäume regelmäßig auf Krankheiten kontrolliert und Pflanzenschutzmittel nur bei Überschreiten der Schadensschwelle ausgebracht. Einige wenige Substanzen sind erlaubt.

Bio-Äpfel

In Südtirol werden vier Prozent der Äpfel biologisch angebaut. Das klingt nicht nach viel, ist es aber. Mit rund 40 Prozent ist das Alpenland der größte Bio-Apfel-Lieferant Europas. Erstmals wurden Bio-Äpfel in den 80er-Jahren angebaut.

Ich wundere mich, wieso Christine eine „Klaubbox“, einen sogenannten Pflückkorb, bei sich trägt. Offiziell beginnt die Ernte erst morgen. Eine Apfelsorte folgt auf die nächste, von Gala bis zum Fuji. Gepflückt wird von Mitte August bis Mitte Oktober. Sohn Felix hilft ihr dabei. 

„Wenn wir wollen, können wir heute schon einige Äpfel pflücken“, sieht sie mich an und hält den Korb fest im Arm. Gesagt, getan. Für mich sehen die Äpfel perfekt aus. Sie werden übers ganze Jahr gepflegt. Bei plötzlichem Kälteeinbruch im Frühling bewässert die Teilzeit-Sekretärin die Bäume. Dadurch bildet sich Gefrierwärme als Schutz für die Blüten. Meistens geht es gut aus, nicht immer. Sie zeigt mir einen gefleckten Apfel. „Die Nacht am 27. April hat jede Menge Frostschäden angerichtet. Die Kälte kam aus dem Boden und hat die unteren Reihen der Bäume gekennzeichnet“, erzählt sie mir. Schmecken tun die gekennzeichneten Äpfel trotzdem, „nur will der Markt eben perfekte“, vertraut sie mir an. „Dann verwenden wir sie halt für etwas anderes“. Was, will sie mir noch nicht verraten.

100g eines Apfels enthalten:

kcal

53

Eiweiß

0,3 g

Kohlenhydrate

11,4 g

davon Fruchtzucker

5,7 g

Fett

0,6 g

Ballaststoffe

2 g

Natrium

3 mg

Vitamin C

12 mg

Äpfel bestehen zu 85 Prozent aus Wasser und zu acht Prozent aus Fruchtzucker. Sie enthalten kaum Fette, dafür aber viele wertvolle Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralien und sekundäre Pflanzenstoffe. Mit durchschnittlich 12 mg/100 g deckt der Vitamin-C-Gehalt 15 Prozent des Tagesbedarfs. 

#3

Arbeit ohne Pause

Als ich mich am Tag danach auf die Suche nach dem Sandwiesen-Hof in Gargazon mache, sehe ich weit und breit nur Apfelbäume. Doch dann, versteckt dazwischen, liegt der Hof. Fasziniert vom hochmodernen Haus bleibe ich davor stehen. Ein regenbogenförmiges begrüntes Dach zieht sich vom Boden bis zum Giebel. Es ist der erste ‚KlimaHaus Gold‘-Hof. Lächelnd öffnet mir Magdalena Thuile das Tor. 

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Die Arbeit wartet gleich hinter dem Haus auf Familie Thuile.

Das Grundstück hatte Magdalena von ihren Eltern geerbt. Ihre Festanstellung gab sie auf. Zu sehr reizte es sie, sich ihre Zeiten selbst einzuteilen und sie im Freien zu verbringen. 2010 wurde der Hof gebaut, gleich daneben zwei Ferienwohnungen – ganz nach den Wünschen von Magdalena, ihrem Mann und den zwei Töchtern. Seitdem widmet sie sich voll und ganz den 9.000 Apfelbäumen, die das Haus einkreisen. Drei Hektar sind es. 

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Gelächter erklingt zwischen den Apfelbäumen. Die Ernte scheint Spaß zu machen.

Wir spazieren durch die Apfelreihen. Ich kann mich nur schwer zurückhalten, meinen Arm nicht auszustrecken, einen Apfel zu pflücken und hineinzubeißen. Sie sehen alle perfekt aus. Die Augen der Expertin sehen dies anders. Magdalena  pflückt einen gestreiften Apfel und ist drauf und dran, ihn auf den Boden zu werfen. Ich halte sie davon ab. „Darf ich ihn probieren?“, frage ich sie, während ich meine Hand danach ausstrecke. „Siehst du die Reihen da drüben?“, erkundigt sie sich und zeigt auf kleine Apfelbäume. „Sie mussten rausgenommen werden. Die Leute wollen heutzutage nicht mehr gelb-rot gestreifte, sondern dunkelrote Äpfel.“ Ja, es gibt sie – die Mode bei Äpfeln. Zum Leid der kleinen Betriebe. Und davon gibt es in Südtirol viele.

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Golden Delicious und Gala.

#4

Von der Kiste in die Genossenschaft

Als ich in den Apfel beiße, erfüllt sich mein Gaumen mit einem Mix aus fruchtigem und leicht säuerlichem Geschmack. Für die Genossenschaft wäre dieser Apfel zum Verkauf nicht gut genug, auch wenn er schmeckt. Er eignet sich wohl eher zur Herstellung von Marmelade, Apfelsaft oder Essig.

„Es ist nicht wichtig, immer größer zu werden und mehr zu verkaufen. Die Passion gehört in so einem Familienbetrieb dazu.“ Magdalena Thuile

Zwei Wochen lang darf eine Sorte geerntet werden. Den genauen Starttag gibt die Genossenschaft vor. Einmal dort angekommen, durchlaufen die Äpfel ein Wasserbad – und eine genaue Video-Kontrolle. Je nach Größe, Farbe, Schäden und Schalenreinheit werden sie aussortiert. Danach richtet sich der Auszahlungspreis an die Bauern. 

Das EU-Gütesiegel

13 der über 18 in Südtirol angebauten Apfelsorten tragen das EU-Gütesiegel. Für jeden Geschmack ist etwas dabei: von den säuerlichen Granny Smith, Idared, Topaz und Morgenduft bis zu den aromatischen Gala, Jonagold, Elstar und Pinova. Am saftigsten sind die Sorten Braeburn, Fuji und Winesap, am süßesten Golden und Red Delicious. 

#5

Kuriose Verwendungen

Von beiden Bäuerinnen habe ich gelernt, dass Äpfel vielseitig verwendet werden – auch jene, die kein Qualitätssiegel bekommen. Meistens esse ich sie roh, ab und zu backe ich einen Strudel. „Dafür schmecken Golden Delicious am Besten“, findet Magdalena, auch wenn die Sorte Granny Smith offiziell fürs Strudelbacken angegeben wird. Unser Ausflug zwischen den Apfelbäumen ist vorbei und die Bäuerin lädt mich auf ein Glas ‚Garagen-Sekt‘ ein. Eine traditionelle Kellerei haben sie nicht mehr, wohl aber einen schachtartige Garage, wo der Apfelsekt gelagert wird.

Die Blubbern drängen sich an die Oberfläche des Glases. Der süßliche Duft erfüllt meine Nase. 30 Jahre war ihr Mann Peter Kellermeister. Es ist seine große Leidenschaft. 

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Gegensätzliche Getränke aus derselben Frucht: Apfelsekt und -schnaps.

Auch Christine Schönweger findet Verwendung für die Äpfel, die es nicht in die Kategorie ‚perfekt‘ schaffen. Seit knapp zehn Jahren brennt sie Schnaps, als Nebenerwerb. Der Verkauf am Hof hat sich toll eingependelt, auch wenn „kein Mensch unbedingt Schnaps braucht. Die Leute kommen aber, um die Geschichte dazu zu hören“, erzählt sie strahlend. Eines habe ich gelernt. Der Apfel schmeckt nicht nur, er verbindet auch: Arbeit und Leidenschaft.

Text: Katja Schroffenegger
Foto: Ivo Corrà
Video: Martin Hanni

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Südtiroler Sortenvielfalt.