Design zum Anfassen

Neue Designs begeistern und gewinnen Preise. Doch steckt mehr hinter der schönen Hülle? Designer Alex Terzariol weiß es.

  • Februar 2017

  • Lesedauer: 5'

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Design zum Anfassen

Neue Designs begeistern und gewinnen Preise. Doch steckt mehr hinter der schönen Hülle? Designer Alex Terzariol weiß es.

Da ist es, dieses Ding. Er betrachtet es von oben, rechts und links. Sein Blick ist fokussiert. Dann zerlegt er es und schaut hinein. Seine Augenbraue hebt sich. Er ist hier, um es zu verändern und es anschließend wieder anders zusammenzubauen, etwa mit einer neuen Hülle. Wie diese aussehen wird, kann sich momentan nur er vorstellen.

Der Designer Alex Terzariol hat im Alltag einen etwas anderen Blick auf die Dinge, die wir täglich in den Händen halten. Der Kreativdirektor des Studios MM Design in Bozen ist ein Meister seines Fachs. Seine designten Gegenstände sind international bekannt. Bei seiner Ausstellung im Stadtmuseum in Klausen werfe ich einen Blick darauf. 

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Eine 30-jähriger Prozess

Dreißig Jahre deiner Karriere und Kreationen sind hier heute vereint. War es stets dein Traum, Designer zu werden?
Alex Terzariol: Ja, anfangs war es jedoch ein ferner Traum. Ich habe Objekte immer schon gerne in seine Einzelteile zerlegt, um sie anschließend anders zusammenzubauen. Und ich habe mich immer schon kreativ gefühlt. Das Entscheidende damals war jedoch, zu verstehen, ob ich auch wirklich kreativ bin. Mit diesem Anliegen und einigen meiner Skizzen ging ich zu einem Professor des europäischen Institutes für Design in Mailand.  

…der gleich davon begeistert war?
So war es leider nicht. Er meinte, ich könne so weitermachen und irgendwann die Skizzen meinen Enkelkindern zeigen, oder Ernst machen und die Universität besuchen. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann waren meine Zeichnungen von damals doch sehr naiv.

Dein Traum ist letztendlich wahr geworden…
Genau. Wie es der Titel „Wirklichkeit eines Traumes“ schon sagt, möchte ich mit der Ausstellung diesen Meilenstein als Designer feiern. 

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Vom Kopf in die Hand

Wie und wo entsteht das Design deiner Objekte?
Mein Büro in der Bozner Altstadt ist zweigeteilt. Zum einen zeichnen wir die Pläne am Computer. Eine Tür weiter befindet sich die Werkstatt. Sägen, bohren, schrauben – ich baue zuerst die Objekte, denn um zu verstehen, ob ein Gegenstand wirklich funktioniert, muss ich ihn anfassen können. Eine Zeichnung reicht nicht aus.

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MM Design

Nach seinem Studium und den ersten Berufserfahrungen in Mailand, kehrte Alex Terzariol nach Südtirol zurück und gründete 1991 MM Design. M steht für die römische Zahl Tausend, da er damals ehrfürchtig der Jahrtausendwende entgegenblickte. Mit Betrieben von internationalem Rang arbeitet er in verschiedenen Bereichen, im Sport-, Industrie-, Transport-, Haushalts- und Küchendesign, zusammen. 2013 eröffnete MM Design eine Filiale im medizinischen Bereich in Brasilien.

Du hast vom Kopfkissen für die Badewanne, dem Skistock bis hin zum Türgriff die unterschiedlichsten Gegenstände entworfen. Was war dein bisher erfolgreichstes Projekt?
Da gab es einige. Ein großer Schritt nach vorne ist mir sicherlich mit dem Design des orangen Telefonautomaten gelungen, das ich in meinen ersten Berufsjahren für das Design-Studio von Rodolfo Bonetto in Mailand entworfen habe. 

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Substanz vor Ästhetik

Eines haben all deine Objekte gemeinsam: Sie sehen schön aus. 
Das mag sein, Design geht aber über die Ästhetik hinaus. Ich sehe mich nicht als Stilist, denn Design ist nicht Mode und auch kein Stil. Designer machen keine Hüllen von Objekten, sondern beschäftigen sich mit den inneren Elementen. Ich möchte Dinge verbessern, sie den Anforderungen anpassen und nicht nur verschönern. Bei der Illy Kaffeemaschine ist uns das besonders gut gelungen.

Sie sieht wie ein kleiner Brunnen aus. Wie kam es zu dieser neuartigen Form?
Um ein Design zu entwerfen, müssen oftmals zuerst die inneren Elemente verändert werden. Genau das haben wir gemacht. Wenn wir nicht an einer neuen Form getüftelt hätten, gäbe es nun keine innovative Kaffeemaschine. Was das Auge bereits kennt, haben wir geändert. Ansonsten riskiert man, dieselben Dinge immer gleich aussehen zu lassen. 

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Gehen deine Ideen immer auf?
Leider nicht. Bei der Reise-Kaffeemaschine blieb es bei einem Prototyp. Wahrscheinlich war er zu bahnbrechend, obwohl der Kaffee daraus ausgezeichnet schmeckt. Dafür entstanden aus unzähligen anderen Ideen schöne und funktionelle Objekte. 

Bevor ich mich verabschiede, interessiert mich noch eines. Alex, was macht dich als Meister deines Fachs am meisten stolz?
Der wahre Erfolg ist für mich, wenn die Leute das verwenden und wertschätzen, was ich entworfen habe.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà 

Der „goldene Kompass“

1954 eingeführt, handelt es sich dabei um die weltweit älteste und einflussreichste Auszeichnung des Industriedesigns. Alle drei Jahre verleiht die ‚Associazione Disegno Industriale‘, der Verein des Industriezeichnens, diesen Preis an italienische Designer. Unter den fast 300 Projekten, die bis heute ausgezeichnet wurden, haben unter anderem die erste automatische Nähmaschine und der Fiat 500 die Halbinsel geprägt.