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Mittendrin oder aus der Vogelperspektive - Südtirol in Videos.

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Weinsage: Das znichte Nörgele

Von Karl Felix Wolff: Vom Wein im Etschland. Verlag G. Ferrari, 1926, S. 55 f

Und so lautet die Sage
Manche Nörgelen sind „znicht“, das heißt boshaft, schlimm und „tratzen“ (ärgern, trietzen) einen auch dann, wenn man ihnen nichts zuleide getan hat. Wieder andere sind nicht nur boshaft, sondern auch habsüchtig. Solche Nörgelen kommen wohl selten vor, aber man weiß von einem, das bei Altenburg oberhalb des Kalterer Sees wohnte; es war ein struppiges Löterle (Kerlchen) mit fuchsrotem Haar und kleinen, stechenden Augen. Dieses Nörgele trank für sein Leben gern den guten Kalterer Seewein, ja es scheute vor keiner Missetat zurück, um sich ein Fässchen voll solchen Weines zu verschaffen. Gerade am Waldrande aber, wo das Nörgele oft auf dem Zaune saß und ins Land hinaus schaute, hatte ein Bauer ein schönes Weingut. Das Nörgele ärgerte sich oft grün und gelb, wenn es daran dachte, welch schöne Ernte der Bauer einheimsen würde. Wochenlang zerbrach sich der Zwerg den Kopf darüber, wie er dem Bauer einen Teil der Ernte abjagen könnte. Endlich hatte er einen Einfall. Es war ein glühend heißer Sommertag. Das Nörgele musste bis zum Abend warten, denn, wenn die Sonne scheint – zumal in den Hundstagen – muss das kleine Volk im kühlen Waldesschatten bleiben und darf nur zwischen den Blättern oder durch die Zaunritzen in die Welt hinausschauen. Kaum aber warf das lange Mendelgebirge seinen Schatten aufs Überetsch und auf den Kalterer See, da schlich sich der Zwerg in den Weingarten und fing an, so rasch er konnte, Trauben abzureißen und unter den Pergeln im Grase herumzustreuen. Als unter jeder Pergel ein Dutzend Trauben herumlag, kehrte der schlimme Geselle wieder in den Wald zurück. Am nächsten Morgen kam der Bauer bemerkte mit Verdruss und mit Verwunderung, was in seinem Weinberg geschehen war. Erst glaubte er, böse Buben seien die Übeltäter gewesen, aber dann sagte er sich, dass Buben die Trauben wohl nicht weggeworfen hätten. Obschon er den Zaun und die Wiesenränder sorgfältig absuchte, kam er dem Täter nicht auf die Spur. Der Zwerg aber lachte sich ins Fäustchen, ging abends wieder in den Weingarten und richtete die gleiche Verwüstung an, wie in der Nacht zuvor. Groß war der Schrecken des armen Bauers, als er am folgenden Tage abermals so viele Trauben auf dem Boden fand. Er hatte eine Sichel mitgenommen, weil er das Gras unter den Pergeln wegschneiden wollte, aber die Sichel fiel ihm fast aus der Hand, so verzagt war der Häuter (arme Teufel). Da rief jemand vom Walde herüber: „Sicheltrager, was fehlt denn?“ Der Bauer schaute sich um und sah das Nörgele auf dem Zaune hocken. Hallo, dachte er, das Manndl könnt’s am End’ wissen; die Nörgelen sind gar so viel g’scheid. Drum sagte er: „Ja, siehst wohl! Meine Weimer (Trauben) fallen schier alle ab.“ „Das hab’ ich schon bemerkt“, sagte der kleine Mann, „und ich weiß auch, was man dagegen tun müsste.“ „Sell (das) wär’ gut“, meinte der Bauer, „willst mir’s nicht sagen?“ „Was gibst mir denn dafür?“ fragte der Zwerg. „Lass einmal hören, was du verlangst.“ „Ich möcht’ einen großen Panzen (Fass) voll Wein,“ entgegnete das Nörgele. Das schien dem Bauer zuviel; endlich aber gab er doch nach, denn der Zwerg sagte, es würde sonst aus der ganzen Weinernte in diesem Jahr nichts werden. Sie machten nun miteinander aus, dass der Bauer, wenn alles gut ginge, einen Panzen voll neuen Wein zum Kreuzweg in den Wald hinaufliefern müsse, und zwar abends nach dem Betläuten. Dafür gab ihm das Nörgele den Rat, an jeder Pergel einen Forchenzweig (Föhrenzweig) anzunageln. Der Bauer tat es, und richtig, fand er keine Trauben mehr im Grase. Wie das zusammenhing, wusste der Bauer freilich nicht; er war nur froh, dass er nicht noch mehr Schaden gelitten hatte. Und als nun die Zeit des Wimmens kam, da reute es ihn gar nicht, dass er ein Fass Wein wegliefern musste, denn soviel Praschlet wie diesmal hatte es bei ihm noch nie gegeben. Noch hatten er und seine Leute keinen Tropfen Neuen getrunken, da sagte der Bauer eines Abends zum Josl und zum Jörgl, den zwei Kellerknechten, die er für die Weinarbeit aufgenommen hatte: „Ös Burschen! Packts den Panzen da an und rudelts (rollt) ihn zum Kreuzweg in den Wald hinauf. Der Panzen gehört einem Nörgele.“ Die Knechte machten sich an die Arbeit. Aber der Weg war lang und holperig, so dass sie sich schinden mussten wie die Viecher, um den Panzen auf die bezeichnete Stelle zu bringen. Müde und schwitzend kamen sie bei dem Kreuzwege an, und da sahen sie auch schon den Zwerg stehen, der ungeduldig auf sie wartete. Für ihre Mühen wollte die zwei Knechte vom Zwerg nun zumindest ein Glas Wein zum Lohn, doch davon wollte der Zwerg nichts hören. Als sie so hin und her stritten, kam hinter den nahen Büschen ein landsfremder Mann hervor; der trug schmucke, grüne Jägerkleidung und eine rote Feder auf dem Hute; langsam näherte er sich der Gruppe, wobei er seine stechenden Blicke umherschweifen ließ. Der Jörgl stieß seinen Genossen in die Seite. „Schau, schau!“ sagte dieser, „das ist einmal der Teufel! Aber von mir aus soll mich heute der Teufel holen, wenn ich nur neuen Wein krieg’, soviel als ich dersauf’; und du Jörgl?“ Der Jörgl war derselben Auffassung. „Das sind zwei schneidige Burschen,“ hob der Teufel zu sprechen an, „und du, Nörgele, bist im Unrecht, wenn du ihnen nichts geben willst. Lass uns einmal in deine Höhle gehen; dort werden wir weiter reden.“ Der Zwerg machte ein verdrossenes Gesicht; doch da half kein Sträuben: er musste es ruhig dulden, dass sich die ganze Gesellschaft in seine Höhle begab, wohin auch das Fass geschafft wurde. „Also du Josl“, sagte der Teufel und setzte sich, „verlangst soviel Wein, als du trinken kannst: das sollst du haben! – Und was ist mit dir, Jörgl?“ „Ich verlang schon mehr,“ versetzte der Jörgl, „ich will nicht nur saufen, bis ich genug hab’, ich will auch meinen Rausch in aller Ruhe ausschlafen; wenn ich dann aufwach’, kannst du mich meinetwegen holen.“ „Nicht übel“, meinte der Teufel, „da wären wir also im Handel eins; - jetzt, Nörgele, bring’ Humpen her und schenk uns ein!“ Missmutig gehorchte der Zwerg. Und nun ging ein gewaltiges Trinken an. Auch der Teufel hielt wacker mit; es dauerte nicht lange, da legte sich der Jörgl nieder, zog den Hut übers Gesicht und schlief gemächlich ein. Den hab’ ich einmal, dachte der Teufel. Inzwischen zeigte der Josl nicht die geringste Lust aufzuhören. Er sang trutzige Liedlen und ließ sich den Humpen immer neu füllen. Mit Ingrimm gewahrte das Nörgele, dass sein Wein dahin schwand, doch der Teufel zwang es durch drohende Blicke, fleißig weiter einzuschenken. Und der Josl trank lustig fort, als hätte er gerade erst angefangen. So wurde es Mitternacht. Da warf der Teufel die grüne Jägerkleidung ab und nahm seine richtige, schauderhafte Satansgestalt mit Pferdefüßen und Hörnern an. Allein auch das störte den Josl nicht im Mindesten; er hob den strichgefüllten Humpen auf und trank dem Teufel zu. Und es schlug ein Uhr. Da fürchtete der Teufel allmählich, die Beute könne ihm entgehen, denn der Josl trank noch immer weiter und der Jörgl schlief wie ein Stein. Stunde um Stunde verging. Plötzlich schrie der Zwerg auf: er hatte gerade wieder  einschenken wollen, als er entdeckte, dass der Panzen leer war. Der Josl aber lachte und meinte, er habe noch lange nicht genug. „Ja“, sagte der Teufel, „ich geb’ dir’s zu: Du hast gewonnen und ich kann dir nichts anhaben; aber deinen Freund werd’ ich jetzt in einen Sack stecken und mitnehmen.“ Der Josl protestierte und betonte, man müsse den Jörgl ruhig schlafen lassen; so sei es ausgemacht worden. Der Teufel konnte das nicht in Abrede stelle; es musste sich gedulden. Weil es nun keinen Wein mehr gab, saßen der Teufel, der Zwerg und der Josl einander ziemlich verdrossen gegenüber; der Jörgl aber schlief so unbesorgt, wie wenn er daheim im Heustadl läge und nicht neben dem Teufel. Unterdessen dachte der Josl nach, wie er seinen Freund retten konnte. Als es 4 Uhr schlug und in Kaltern unten die Glocken läuteten, fasste er ihn, hob ihn sich auf die Schultern und schleppte ihn aus der Höhle hinaus. Sofort stand auch der Teufel auf und folgte ihnen nach, während sich der Zwerg, der seinen ganzen Wein eingebüßt hatte, in wütendem Geschimpfe Luft machte. Der Josl aber ging durch den Wald hinunter und trug den Jörgl, der noch immer schlief, auf dem Buckel mit sich. Dicht hinter ihnen kam der Teufel, bereit, den Jörgl zu packen, sobald dieser erwachen würde. Dort, wo der Weg den Wald verlässt und auf die Felder hinausführt, steht eine Kapelle mit einem Heiligenbild. Dort ließ der Josl seine Bürde zu Boden; von dem Sturze erwachte der Jörgl. In demselben Augenblicke erscholl ein entsetzlicher Fluch und der Teufel, der nun über den Jörgl keine Gewalt mehr hatte, schoss in Gestalt eines Albers (Feuerdrachen) blitzschnell durch die Luft davon. Der Josl und der Jörgl aber redeten noch lange über die Geschichte und lachten aus vollem Halse; den Teufel und den Zwerg hatten sie für Narren gehabt: der eine war um die Seelen geprellt und der andere um den Wein.

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