Zwei aus einem Rodeldorf

Sie verbindet die Leidenschaft fürs Rennrodeln – und ihr Heimatdorf. Was sie trennt, sind fast fünfzig Jahre und eine Olympiamedaille. Ein Gespräch mit der Rodellegende Erika Lechner und dem derzeit besten Rennrodler Italiens, Dominik Fischnaller.

  • Januar 2020

  • Lesedauer: 5'

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Zwei aus einem Rodeldorf

Sie verbindet die Leidenschaft fürs Rennrodeln – und ihr Heimatdorf. Was sie trennt, sind fast fünfzig Jahre und eine Olympiamedaille. Ein Gespräch mit der Rodellegende Erika Lechner und dem derzeit besten Rennrodler Italiens, Dominik Fischnaller.

Herr Fischnaller, stimmt es, dass Sie den Rodelsport durch den Bruder von Frau Lechner entdeckt haben?
Dominik Fischnaller: Ja! Wir haben hier in Meransen eine kurze Rennrodelbahn, auf der man das Starten trainieren kann. Da waren wir als Kinder immer und haben Emil Lechner kennengelernt. Irgendwann hat Emil mich, meine Schwester und einen Freund mit zum Eiskanal nach Imst in Tirol genommen. Das hat uns allen gut gefallen, so sind wir zum Rodelfahren gekommen.

 
Hatten Sie keine Angst beim ersten Mal?
Fischnaller: Doch, das macht einem schon Angst, wenn man so eine Bahn zum ersten Mal sieht. Aber wir sind nicht von ganz oben gestartet, sondern haben nur die unteren drei, vier Kurven gemacht und dann ist das Ganze halb so schlimm, sondern hat richtig Spaß gemacht.

 
Und das Rodelfieber hat Sie sofort gepackt?
Fischnaller: Ich habe ja damals auch noch Fußball gespielt und bin Skirennen gefahren, aber Rodeln hat mir am besten gefallen. Das lief von Anfang an super, also bin ich dabei geblieben.

 
Wie sind Sie eigentlich zum Rodeln gekommen, Frau Lechner?
Erika Lechner: Das war im Winter unsere Freizeitbeschäftigung. Viel mehr außer Rodeln und Skifahren gab es damals ja nicht. Wir sind den Weg hinunter ins Tal – eine Straße gab es noch nicht – gerodelt und dann von Mühlbach mit der Bahn oder zu Fuß wieder hinauf.

 
In Meransen gibt es derzeit einige Rodler, die im Weltcup mit dabei sind. Haben Sie da eine Tradition begründet?
Lechner: Es war wohl eher die von Dominik bereits erwähnte Startbahn, durch die einige junge Rodler nachkamen. Mein Bruder hatte sicher einen großen Anteil daran, weil er viele junge Meransner für den Rodelsport begeistert hat.

Fischnaller: Der Emil fertigt heute übrigens immer noch die Spikes für unsere Handschuhe. Der macht das perfekt und er macht es schon ewig.
Lechner: Mein Bruder ist von Beruf Schmied und war zu meiner Zeit auch Rodler. Aber wir hatten damals noch keine Spikes, sondern ganz normale Handschuhe.
 
Wir dachten, die komplette Ausrüstung kommt heutzutage von hochspezialisierten international tätigen Ausrüstern …
Fischnaller: Nein, nein, vieles macht jede Nation selbst.
 
Und wo trainieren Sie heute, Herr Fischnaller?
Fischnaller:
Immer noch hier in Meransen – auf der Startbahn, die auch im Sommer eingeeist wird. Wir haben auch einen Kraftraum und einen Sportplatz. Im Sommer trainieren wir fünf Tage in der Woche von acht Uhr bis ungefähr halb fünf. Ab Oktober trainieren wir dann wieder auf den großen internationalen Bahnen, auf denen auch die Weltcuprennen gefahren werden.

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Rennrodeln früher und heute

Rennrodeln ist heute ein Profisport. Das war zu Ihrer Zeit ganz anders, Frau Lechner.
Lechner:
Ja, ich habe entweder morgens oder abends trainiert, je nachdem, wie es sich zeitlich ausging. Und wenn die Rennsaison zu Ende war, bekam man einen Trainingsplan in die Hand gedrückt. Den sollte man abarbeiten. Wie und wo man das gemacht hat, war jedem selbst überlassen. Wenn man auf sich allein gestellt ist, ist es manchmal schwer, sich zu motivieren.
 
Kann man das Rodeln damals und heute überhaupt vergleichen? Ist das noch derselbe Sport?
Lechner: Dominik würde sicher mit meiner Rodel nicht die Bahn runterkommen – und ich mit seiner nicht.
Fischnaller: Wahrscheinlich!
Lechner: Er mit meiner vielleicht schon, aber ich mit seiner ganz sicher nicht. Wir haben unsere Schlitten damals selbst gebaut. Wir hatten einen Tischler und die Kufen hat zum Teil mein Bruder gemacht. Wir haben auch alles selbst finanziert. Heute werden die Rodeln an den Körper des Athleten angepasst. Unsere Bahnen waren auch noch nicht so vereist, wie sie es heute sind. Erst 1969 gab es in Königssee die erste Kunsteisbahn, wie man sie heute kennt – und auch die wurde in der Zwischenzeit schon zweimal umgebaut. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble waren wir noch komplett vom Wetter abhängig. Wir sind manchmal halb in der Nacht gefahren, damit die Bedingungen einigermaßen gepasst haben. Da waren keine Zuschauer, niemand, nur wir und die Trainer.

 
Wenn man Ihre Olympia-Rodel von 1968 anschaut, Frau Lechner, dann sieht sie nicht viel anders aus als eine Tourenrodel heute …
Lechner: Ja, wir haben noch mit dem Gurt gelenkt und wir haben auch die Bahn noch gesehen.
Fischnaller: Ich kann die Bahn auch sehen, wenn ich will – aber wenn ich sie nicht sehe, bin ich schneller!

 
War das Rodeln damals gefährlicher?
Fischnaller: Heute ist alles so gebaut, dass man kaum noch aus der Bahn fliegen kann. Das war früher anders.
Lechner: Da war in den Kurven oft nur so eine Art Segeltuch drüber. Ich habe einige Rodler sterben sehen neben der Bahn, und viele schwere Verletzungen.
 
Die Deutschen waren schon zu Ihrer Zeit stark beim Rodeln und sind es heute immer noch. Woran liegt das?
Lechner:
Die Deutschen hatten damals schon viel mehr finanzielle Mittel zur Verfügung als wir. Und sie hatten auch Bahnen – die Bundesdeutschen hatten Königssee und Winterberg und die Ostdeutschen hatten ja noch viel mehr.
Fischnaller: Das Gleiche gilt heute immer noch. Jetzt haben sie vier Bahnen – Königssee, Winterberg, Oberhof und Altenburg. Da können sie trainieren, wann immer sie wollen, und auch jederzeit Materialtests machen. Das haben wir alles nicht.

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Olympiagold für Südtirol

Für Olympia 2026 wird nun in Cortina eine neue Bahn gebaut.
Fischnaller: Ja, das wird dem italienischen Rodeln sicher Auftrieb geben.
 
Zunächst kommt aber Olympia 2022 in Peking – und da hoffen Sie vermutlich auf ein Quäntchen mehr Glück als in Südkorea, wo Sie um zwei Tausendstel an Bronze vorbeigeschrammt sind.
Fischnaller: Das war brutal und natürlich steigert das die Motivation noch einmal. Der Hunger ist immer noch da.
 
Wer sind eigentlich Ihre Vorbilder, Herr Fischnaller? Armin Zöggeler, der Südtiroler Ausnahmerodler, oder gibt’s noch andere?
Fischnaller: Das war natürlich Armin Zöggeler, aber auch Georg Hackl aus Deutschland – die beiden, die jahrzehntelang das Rodeln dominiert haben.
 
Und Sie, Frau Lechner, hatten Sie auch Vorbilder?
Lechner:
Mein großes Vorbild war damals Ortrun Enderlein. Das war eines der DDR-Mädchen und galt als die perfekte Rennrodlerin.
 
Ist man mit den DDR-Athletinnen überhaupt in Kontakt gekommen? Die wurden von ihren Aufpassern ja sehr stark abgeschirmt.
Lechner: Für uns als Italiener ging das schon bis zu einem gewissen Grad. Aber die Bundesdeutschen kamen überhaupt nicht an sie ran. Das war der Klassenfeind, da ging gar nichts. Wir haben Ortrun Enderlein einmal offiziell zu einem Besuch in Meransen eingeladen, über den Wintersportverein Brixen, aber sie durfte nicht kommen. Das hat mir damals sehr leidgetan, denn wir hatten eigentlich einen guten Kontakt.
 
Mit Ortrun Enderlein verbindet Sie ja noch eine ganz andere, viel dramatischere Geschichte. Nämlich jene, wie Sie 1968 in Grenoble olympisches Gold gewannen, obwohl Sie im Rennen eigentlich nur Dritte geworden waren …
Lechner: Das war schon eine verrückte Sache! Ich war im Training die Schnellste, aber im Rennen nach drei Läufen nur Dritte hinter den beiden DDR-Rodlerinnen Ortrun Enderlein und Anna-Maria Müller und vor der viertplatzierten Angela Knösel, auch aus der DDR. Doch am Ende wurden die drei DDR-Rodlerinnen wegen angewärmter Kufen disqualifiziert. Sie hatten ihre Schlitten bis kurz vor dem Start im Heizraum stehen. Wir haben das mit den angewärmten Kufen später hier bei uns in Olang auch mal ausprobiert: Das ist am Start ein Vorteil von bis zu einer halben Sekunde, das kannst du auf der Bahn nicht mehr rausholen. Seitdem werden die Kufen vor dem Start immer kontrolliert. Aber für die Mädchen tat es mir im Grunde leid. Ich glaube, dass die Mädchen nicht über alles Bescheid wussten, was da ablief von Trainer- und Betreuerseite.

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Wie die Straße nach Meransen kam

Sie haben nach Ihrem Olympia-Gold zwei Autos geschenkt bekommen.
Lechner: Genau, zwei Fiat 500. Einen vom Sportverein Brixen und einen vom italienischen Wintersportverband.
 
Dabei gab es in Meransen noch gar keine Straßen ...
Lechner: … und ich hatte noch gar keinen Führerschein. Eines der beiden Autos hab ich meinem Bruder gegeben und mit dem anderen bin ich, als ich den Führerschein mit 21 endlich machen durfte, selbst gefahren. 
 
Stimmt es eigentlich, dass es Ihnen und diesen zwei Autos zu verdanken ist, dass eine Straße nach Meransen gebaut wurde?
Lechner: Also, das war so: Es war schon eine Straße in Planung, allerdings nur eine sehr schmale. Und da hat man mich gefragt, ob ich nicht einen Brief an den italienischen Staatspräsidenten schreiben könnte, mit der Bitte, ob nicht vielleicht eine breitere Straße gebaut werden könnte. Na ja, und das habe ich dann gemacht und tatsächlich wurde die Planung geändert und die Straße wurde breiter gebaut.
 
Sie haben wenige Jahre nach dem Olympiasieg aufgehört mit dem Rodeln. Warum? Sie waren erst 24.
Lechner: Ich wollte gerne noch weiter fahren, aber ich habe gemeinsam mit meinen Geschwistern ein Hotel gebaut und musste jede Menge Prüfungen machen, damit ich das Hotel führen durfte. Das alles parallel zum Sport, das ging einfach nicht.
 
Gehen Sie beide eigentlich auch mal einfach so aus Spaß rodeln?
Lechner: Ab und zu schon. Wir haben ja auch eine gute Naturrodelbahn hier in Meransen.
Fischnaller: Mir fehlt die Zeit. Aber einmal bin ich auch schon die Naturrodelbahn bei uns runtergefahren.

 
Wie ist das dann? Nützt da die Erfahrung vom Rodelsport?
Fischnaller: Nein, das ist etwas ganz anderes. Das ist wie wenn man Formel-1-Fahren mit dem normalen Autofahren vergleicht. Da nützt einem die ganze Erfahrung vom Rennsport gar nichts.
 
Was zeichnet den Rodler Dominik Fischnaller aus Ihrer Sicht besonders aus, Frau Lechner?
Lechner: Der Dominik ist sehr fleißig und hat die Qualität, ganz vorne mitzufahren.
 
Und was denken Sie über Frau Lechner als Rodlerin?
Fischnaller: Das war natürlich vor meiner Zeit, aber damals brauchte man sicher einen starken Willen und sehr viel Ehrgeiz, um nach vorne zu kommen. Ohne die ganze Unterstützung, die wir heute haben. Da ziehe ich wirklich meinen Hut davor.

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10 Rodelregeln

So rodeln Sie sicher
 
1.   Rücksicht auf andere Rodler und eventuell entgegenkommende Fußgänger nehmen
2.   Stets die eigene Geschwindigkeit kontrollieren
3.   In der vorgesehenen Fahrspur bleiben und auf Kreuzungen achten
4.   Nur an übersichtlichen Stellen überholen oder halten
5.   Niemals auf Skipisten rodeln!
6.   Hinweisschilder und Markierungen beachten
7.   Bei Unfällen: die Unfallstelle sichern und den Verletzten helfen
8.   Nur mit geeigneter Ausrüstung rodeln, dazu gehören Handschuhe und feste Schuhe
9.   Beim Abfahren immer einen Helm tragen
10.  Nie unter Alkoholeinfluss rodeln
 

Interview: Ariane Löbert
Fotos: Silbersalz - Caroline Renzler
Diese Geschichte ist ursprünglich in COR – The Local Magazine Nr. 2 erschienen. Redaktion: Ex Libris, Bozen