Februar 2016

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Wir bauen so!

Lange baute die Natur in Südtirol. Nicht der Architekt. Dennoch sind Häuser hier mehr als vier Wände und ein Dach. Sehen Sie's?

Die ersten, die sich mit den Haustypologien in Südtirol beschäftigt haben, seien Reisende gewesen, erzählt uns Waltraud Kofler-Engl, noch bevor das Interview beginnt.

Die Direktorin der Landesabteilung Denkmalpflege empfängt uns im Ansitz Rottenbuch in Bozen, einem ehemaligen Weinhof, in dem lokale Stilelemente ebenso zu finden sind wie Formen der italienischen Renaissancearchitektur. Gemeinsam denken wir nach, was die Baukultur in Südtirol ausmacht. Welche Bauten überdauern werden. Wo die Geschichte gebaut hat und wo die Menschen. 

Es gibt Südtiroler Sagen, in denen Menschen ein Haus bauen. Alles geht schief. Erst als Vögel einen neuen Baugrund weisen, geht die Sache gut aus. Was ist denn ein guter Bauplatz in den Bergen?
Vielleicht haben Vögel ja ein besonderes Gespür für gefahrenfreie Bauplätze… Für einen guten Bauplatz waren die Topographie, die geologische Situation, die Aussicht, der Schutz vor Wind und Wetter bestimmend. Und immer wieder ist zu beobachten, dass Häuser dort gebaut wurden, wo der Boden weniger fruchtbar war, weil dieser die Menschen ernährt hat und somit wichtiger war. Es war ein Bauen in und mit der Landschaft und der Natur.

Nun haben die Bauern ja keine Architekten gehabt, sondern ihre Häuser selber gebaut. Worauf haben die Bauern geachtet?
Bauernhäuser sind stark funktionsgebunden. Sie wurden als Wohn- und Arbeitsstätten geschaffen, die über Generationen Menschen und Tieren Schutz gewährten, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben ermöglichten. Bautypologien, Formen und Konstruktion haben sich aus der Funktion, der Topographie, den technischen Möglichkeiten und den vorhandenen Materialien entwickelt und wurden immer wieder angepasst und weiterentwickelt. 

Haben die Bauern voneinander abgeschaut?
Mit Sicherheit. Wenn sich Hausformen, Grundrisse und Techniken bewährt hatten, wurden sie weitertradiert und nur geringfügig angepasst. Beispielsweise hatten die Wohngebäude der Pustertaler Höfe seit dem Spätmittelalter einen durchgehenden Mittelgang, von dem aus die sonnenseitig orientierte Stube, die Küche und gegenüber die Vorratskammer oder Keller erschlossen wurden; die Schlafräume lagen im Obergeschoß. Reichere Höfe hatten gewölbte Mittelgänge, ärmere nur solche mit einfachen Balkendecken.

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Waltraud Kofler Engl ist Direktorin der Landesabteilung Denkmalpflege in Bozen.

Alle haben aber gleiche Materialien verwendet… 
Die Baustoffe stammten aus der Gegend und wurden nur selten von weit her transportiert. Dadurch haben die Bauten einen Bezug zum Ort und unterscheiden sich von denen an anderen Orten. So baute man im Südtiroler Unterland und Überetsch mit Stein und Mörtel und deckte die Dächer mit Steinplatten oder gebrannten Ziegeln, in waldreichen Berggegenden wie im Ahrntal oder im Schnalstal wurde mit Holz gebaut, mit Holz verkleidet und mit Holzschindeln gedeckt.

Achte darauf, wie der Bauer baut

Man hat das Gefühl, alle diese alten Bauernhäuser sind „richtig“ gebaut. Sie wirken harmonisch… Woran liegt das?
Ich denke, Harmonie war kein bewusstes Ziel bäuerlicher Architektur. Wir nehmen das Resultat als harmonisch wahr, weil es in maßvollem Verhältnis zum Leben, zu den Bedürfnissen der Menschen und zur Landschaft steht.

Was genau haben wir in dieser ganzen Zeit gelernt, in der wir schon in den Bergen bauen?
Die Menschen in den Alpen oder in anderen Berglandschaften haben sich jahrhundertelang damit auseinandergesetzt, am Berg zu bauen. Das ist Wissen, aus dem wir für zeitgenössisches Bauen, und ich meine damit nicht einfach Nachahmung, schöpfen können. Der Wiener Architekt Adolf Loos war sich dieses Wissens bewusst und hat 1913 in seinen „Regeln für den, der in den Bergen baut“  ausdrücklich geraten, auf die Formen zu achten, in denen der Bauer baut, und den Grund für die Form der alten Bauweise zu suchen. Anders artikuliert sich städtisches Bauen, das stärker im Kontext mit Gebäuden und Räumen als mit der Landschaft geschieht.

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Weinhof im Überetscher Stil: Italienische Steinbautradition und lokale Baukultur gehen eine Liaison ein.

Von Lauben und Loggien

Ein Phänomen des urbanen Bauens in Südtirol sind die Laubengassen. In Meran, Glurns, Neumarkt. Am markantesten sind sie in Bozen. Dort treffen auch Italiener und deutsche Südtiroler am stärksten aufeinander. Seit wann sind diese beiden großen Kulturen auch im Stadtbild sichtbar?
Bozen war immer eine Stadt, in der beide Kulturen wirksam waren und Spuren hinterließen. Beispielsweise ist das Dominikanerkloster eng mit den Botsch, einer Bankiersfamilie aus Florenz verbunden, in unmittelbarer Nachbarschaft baute eine schwäbische Bauhütte an der Bozner Pfarrkirche. In die Laubenhäuser finden italienische Bautypologien erst in der Renaissance und im Barock verstärkt Eingang. So wurde das Merkantilgebäude, Sitz des Merkantilmagistrats, aus zwei mittelalterlichen Laubenhäusern zu einem palazzoartigen Gebäude gefügt. Im 16. Jahrhundert prägten italienische Steinbautraditionen und Bauformen auch die lokale Baukultur der Weinhöfe und Ansitze im Unterland, Überetsch und in Bozen mit.

Wir haben in der Geschichte häufig gesehen: Wenn jemand ein Haus baut, will er damit nach außen etwas darstellen. In Bozen gibt es die Altstadtlauben, die im Spätmittelalter entstanden sind, und in der verlängerten Achse die Lauben der „città nuova“.  Könnten die Lauben sprechen, was würden sie uns sagen?

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Im Bewusstsein politischer Macht und radikal modern: die Grieser Lauben der „città nuova“ in Bozen.

Die neuen Lauben in der Freiheitsstraße hinter dem Siegesdenkmal wurden zwar bewusst in Bezug zu den Altstadtlauben gesetzt, sind jedoch monumentaler; überhaupt sprechen sie eine völlig andere Sprache. Die Straßenzüge und Plätze der città nuova wurden als via triumphalis für öffentliche Funktionen, Aufmärsche und den Verkehr geplant. Angedacht war sogar eine Fortsetzung über die Altstadt bis zum Bahnhof und die Schleifung der nördlich Laubenhauszeile. Die neue politische Macht, ein neuer Geist und die Italianità sollten für alle spür- und sichtbar manifestiert werden. Dagegen ist die Baugeschichte der Altstadtlauben nicht eindeutig geklärt. Laut neuesten Forschungen hat es zunächst keine Lauben gegeben. Erst im späten Mittelalter wurde eine einheitliche Laubengasse vorgesehen. Dabei sind wir alle mit dem Topos des Bozner Kaufmanns aufgewachsen, der „seine“ Lauben gebaut hat.

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Laubengasse in Bozen mit Merkantilmagistrat (li.): Neue Forschungen legen nahe, dass nicht jedes Kaufhaus „seine“ Lauben gebaut hat.

Was ist eigentlich neu am Klimahaus?

Sprechen wir über einen Aspekt, der heute sehr wichtig ist, aber eigentlich immer schon eine Rolle gespielt hat: Energiesparen. Man sagt, die Laubenhäuser waren frühe Klimahäuser. Was ist da dran?
Früher waren die Menschen viel witterungsabhängiger als heute, also haben sie in der Architektur und in ihrer Kleidung darauf geachtet, sich vor Kälte und Hitze zu schützen. Die Laubenhäuser in Bozen sind auf schmalen, aber tiefen Parzellen gebaut und haben dadurch nur zwei schmale außenliegende Fassaden. Lichthöfe brachten Licht, aber auch Luft in die Häuser. Früher waren diese Höfe offen und hatten eine klimatisierende Wirkung, heute sind sie häufig verbaut.
 
Und wie haben die Bauern sich geschützt?
Wesentliche Faktoren waren die wind- und wettergeschützte Lage der Bauplätze, die Ausrichtung nach der Sonneneinstrahlung und die Kompaktheit der Baukörper. Überlegt wurde zudem die Anordnung der Räume, das Verhältnis von Belichtung und Belüftung. Bei Bauernhäusern in alpinen Lagen hat man sich durch kleine Fensteröffnungen vor der Kälte, in warmen Gegenden wie im Unterland oder Überetsch vor der Hitze geschützt. Die Stube, oft der einzige beheizbare Raum, wurde vertäfelt und damit gedämmt. Wolle, Moos und andere Fasern hinter den Täfelungen und bei Blockbauten zwischen den Balken dienten ebenso der Isolierung. Die dicken Mauern schützten zudem durch ihre Masse vor Kälte und Hitze.

Also hat man früher gut gebaut aus energetischer Sicht?
Man hat sich im Rahmen der Bedürfnisse, der Möglichkeiten und der Erfahrungswerte damit auseinandergesetzt und immer wieder Anpassungen gemacht. Für größer werdende Fensteröffnungen wurden etwa im 19. Jahrhundert Doppelfenster entwickelt. Bei mir daheim hängte man im Winter außen Zusatzfenster ein und legte Stoffwülste und Moos in den Fensterzwischenraum, im Frühjahr wurden dort die Geranien vorgezogen. Heute haben wir andere Bedürfnisse nach Wärme und Energieeinsparung als früher, allerdings dürfen diese nicht auf Kosten der historischen Baukultur befriedigt werden.

Häuser haben Nachbarn, mit denen sie auskommen müssen

5.000 Gebäude stehen in Südtirol unter Denkmalschutz. Reicht das, um historische Baukultur zu erhalten?
Mit Sicherheit nicht. Geschützt ist ja nur eine repräsentative Auswahl an Einzelbauten. Kirchen, Kapellen, Burgen, Schlösser, aber auch Stadthäuser, Gasthöfe, Villen und 1.500 Bauernhäuser. Aber diese allein machen noch kein intaktes Ensemble aus. Schauen Sie, auch Häuser haben Nachbarn, historische und zeitgenössische; die müssen sich untereinander verstehen. Der Ensembleschutz, die Raumplanung, die Baukommissionen und schließlich die Planer sind hier gefragt. Vieles ist dahingehend in Südtirol bereits verloren.

Worauf wird eigentlich geachtet, wenn ein Gebäude unter Schutz gestellt wird?
Der Denkmalbegriff ist grundsätzlich sehr offen angelegt; alle materiellen Zeugnisse, die für die Geschichte der Menschen und ihr Wirken einen bedeutenden Aussage- oder Zeugniswert haben,  im Guten wie im Schlechten, können Denkmäler sein. Allerdings müssen die Objekte laut Gesetz mindestens 50 Jahre alt sein. In Bozen wäre es etwa höchst an der Zeit, die nicht von allen akzeptierte Architektur der Zwischenkriegszeit und eine Auswahl an Bauten der 1950er Jahre unter Schutz zu stellen.

Schauen wir in die Zukunft. Sehen Sie zeitgenössische Bauten in Südtirol, die überdauern sollen?
Nun, das ist eine heikle Frage… Bauten wie die Cusanus Akademie in Brixen und das Seehotel Ambach am Kalterer See von Othmar Barth sind bereits historisch und sollen unbedingt erhalten werden. Herausragende Schul- und Kellereibauten, wenige neue Kirchen, Gewerbebauten sowie einige neue Interventionen an historischen Bauten wie auf Schloss Tirol oder in der Franzensfeste sollten auch in Zukunft für die Baukultur der letzten Jahrzehnte stehen.

Interview: Gabriele Crepaz