Sie hat's im kleinen Finger

Weben und spinnen. In der Winterschule Ulten fand Kostümbildnerin Verena Oppermann heraus, aus welchem Stoff ihr Leben sein soll.

  • Februar 2016

  • Lesedauer: 7'

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Sie hat's im kleinen Finger

Weben und spinnen. In der Winterschule Ulten fand Kostümbildnerin Verena Oppermann heraus, aus welchem Stoff ihr Leben sein soll.

Wichtig ist, dass du früh da bist. Das ist schon einmal ein guter Tipp von Verena Oppermann. Viele wollen in die Winterschule Ulten bei Meran. Viel mehr als genommen werden. Traudl Schwienbacher hat die Schule 1993 gegründet. Es ist eine Schule, in der wir lernen, was unsere Vorfahren im kleinen Finger hatten: Wolle verarbeiten, Holz bearbeiten, Kräuter anwenden, Natur-Kunde auf hohem Niveau. „Wir wissen ja gar nichts mehr“, sagt Verena Oppermann. Die Kostümbildnerin hat sich in Textilverarbeitung eingeschrieben. Ich glaube, jetzt weiß sie, aus welchem Stoff ihr Leben sein soll.

Zum ersten Mal habe ich von Verena Oppermann gehört, da hat sie noch als Kostümbildnerin am Bozner Theater gearbeitet. Ich wusste nur, dass sie aus Hamburg ist. Schöner Beruf, dachte ich damals. Und: eine Stadt, in die ich schon lange will.

Viel später haben unsere Töchter uns zusammengebracht. Sie gehen in die gleiche Klasse. Meine Tochter schwärmte von den schönen Schals. „Die macht sie selber, Mami! Sie kann spinnen und weben.“ Und eine Zeit später: „Ihre Mami hat jetzt ein Spinnrad gekauft. Und sie hat einen Handwebstuhl.“ Das wollte ich sehen. Und ich wollte erfahren, was Verena Oppermann damit vorhat.

Verena empfängt uns barfuß. Es ist mitten im Winter. Aber wenn sie die Socken anzieht, muss sie sie gleich wieder ausziehen. „Ich bin so“, sagt sie. Ja, so ist sie: ein bissl schüchtern am Anfang, aus dem sich drei Sätze später ein starker feiner Eigensinn herausschält.

Bevor wir mit dem Interview beginnen, zieht sie die Socken an. Für uns. Nein, sagt Fotograf Ivo Corrà, zieh sie lieber wieder aus…

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Was kann eine Kostümbildnerin, wie du es bist, in der Winterschule eigentlich lernen? 
Verena Oppermann: Mir gefällt das Bodenständige dort. Als Kostümbildnerin war ich immer in der Weltgeschichte unterwegs. Das wollte ich mit Kindern nicht mehr. Gleichzeitig habe ich mich nach der Geburt meiner Tochter wie ein Tiger im Käfig gefühlt. Im Theater bist du immer auf 180, arbeitest bis spät nachts, und plötzlich kommst du nicht mehr aus dem Haus. Da musste ich etwas für mich tun. Und so habe ich weben und spinnen und färben gelernt. Das war für mich komplett neu, gerade das Weben. Es hat mein Arbeitstempo radikal ausgebremst. Ich musste lernen, diese Langsamkeit zuzulassen. 

Ich kaufe keinen Stoff mehr, der 20 Euro kostet

Hat die Winterschule deinen Zugang zu Stoffen verändert?   
Im Theater benutzt man effektvolle, aber nicht unbedingt hochwertige Stoffe. Die Winterschule achtet sehr darauf, dass man mit natürlichen Materialien arbeitet. Diese Stoffe mache ich für mich, meinen Komfort, fürs Leben. Was den Umgang mit Stoffen aber wirklich verändert, ist das Wissen, wie Stoffe hergestellt werden. Wenn ich einen Stoff webe, kenne ich am Ende jeden Zentimeter. Ich weiß, wie lange ich daran arbeite und wie viel ich verlangen müsste, damit ich etwas daran verdiene. Seit ich selber webe, kann ich keine Stoffe mehr kaufen, von denen ich weiß, dass sie unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Das Leben wird dadurch teuer, aber ich kann nicht anders.

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Wenn du anfängst zu weben, weißt du immer, was herauskommt?
Nein, eigentlich sollte man das wissen… Ich plane ja das Gewebe, rechne den Bedarf aus, kaufe das Material passend und verwebe es dann. Ich improvisiere aber ständig, und beim Arbeiten an einem Projekt kommt mir schon die nächste Idee, die ich am liebsten sofort ausprobieren möchte. Dass ich drei Meter am Stück webe, ohne meinen Plan zu ändern, kann für mich eine echte Herausforderung sein. Ich arbeite oft mit zwei Schiffchen, das geht millimeterweise, Faden für Faden, ist allerdings wunderschön. Nur darf ich mich nicht verzählen… Die Konzentration, die das Weben erfordert, ist wie eine Meditation. Sie hält mich zusammen. 

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Ich trage mehr als einen Schal

Tragen alle aus deiner Familie nur noch Kleidung aus selbst gewebten Stoffen?
Tja, das wäre schön. Das schaffe ich natürlich nie! Auf dem Balkon steht ein ganzer Sack Super-Wolle von einem Bauern, die müsste ich längst waschen… Für meine Tochter habe ich vor kurzem ein Kleid entworfen, da habe ich fast vom Schaf an alles selber gemacht. Das ist ein Luxus-Gefühl.

Vom Schaf bis zum Stoff. Was passiert da?
Wenn ich konsequent bin, nehme ich die Wolle von hiesigen Schafen. Die kratzt mich aber, also kaufe ich oft weichere Qualitäten. Die geschorene Wolle wird gewaschen, anschließend auseinandergepflückt und kardiert, also gekämmt. Das Vlies, das so entsteht, färbe ich und verspinne dann die Fasern. Neulich habe ich eine Seide mit Lindenblättern gefärbt, sie hat drei Wochen lang nach Linde geduftet! Man weiß ja, dass Linde beruhigt; wenn ich also mit Linde einen Schal färbe, überträgt sich auch dieses Gefühl… ich trage da mehr als nur einen Schal. Da steckt meine Zeit und Liebe drinnen, auch die Ruhe, die es beim Weben braucht, dieses ewige Hin und Her der Bewegung. Wenn man einen Schal für 20 Euro kauft, hat der eine ganz andere Energie. 

Wie schaut Lindenfarbe aus?
Sie ist ganz zart. Lindenblüten sind eher gelblich, und die Lindenblätter färben grünlich, ein kühles Grün. Gerne mag ich auch Malve, sie ist auf Seide grau, auf Wolle wird sie grünlich. Das muss man lernen, wie das Material auf die Farben reagiert. Ich erinnere mich, wie wir mit 20 Frauen den Färbekurs gemacht haben. Wir sammelten ganz viele Blätter und steckten sie in große Töpfe, dann diese vielen unglaublichen Farben, das war sehr sinnlich. Danach waren alle ganz aufgedreht.

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In der Küche kleckern ist nur mit Rosenblättern gut

Kann man das auch zu Hause machen?
Man muss das Gebräu stundenlang auf Temperatur halten. In der Badewanne geht das nicht. Geeignet wären große Einwecktöpfe, davon hätte ich gern zwei oder drei, und dann bräuchte ich dringend einen Platz, wo ich rumkleckern kann, in der Küche ist das nicht so gut... ich hab es neulich gemacht, heimlich, aber da hab ich Rosenblätter benützt, die sind nicht giftig, die kann man ja auch essen.

Du hast auch ein Spinnrad gekauft. Heißt das, du spinnst Wolle selber?
Ja, abends meistens. Das ist sehr entspannend. Aber anfangs haben wir im Kurs gestöhnt. Traudl hat immer gelacht, wenn es nicht geklappt hat, sie hat dann gesagt: „Ihr müsst loslassen lernen.“ Man kann sich das wirklich wie früher vorstellen: 15 Frauen sitzen zusammen, spinnen auf dem Spinnrad und dazu spinnen sie auch Geschichten. Wenn meine Tochter am Spinnrad sitzt, dann fängt sie an zu erzählen, es sprudelt nur so aus ihr heraus. Also, wenn du später wissen willst, was für Freunde deine Tochter hat, musst du ein Spinnrad kaufen.

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Am Spinnrad muss man loslassen können

Wie ist denn die Atmosphäre in dieser Winterschule? 
Es ist ein bisschen wie in einer Hexenküche. Aber man arbeitet ja nicht die ganze Zeit. Es gibt immer Frauen, die warten auf Proben, die gerade im Kochtopf sind, oder richten gemeinsam einen Webstuhl ein. Sie haben dann Zeit zum Ratschen. Da werden Kochrezepte ausgetauscht und andere private Sachen. Man hilft sich gegenseitig. Es herrscht eine ganz warme Atmosphäre. Ja, vielleicht ist das das richtige Wort. 

Was machst du anders, seit du die Winterschule besucht hast?
Ich gehe vorsichtiger mit mir selber um. Achtsamer. Schon wenn ich Material aussuche, wähle ich es so aus, wie es für mich passt. Ich möchte ganz bei mir bleiben. Auch für meine Kollektion. Oft dachte ich mir, ich muss weben, was den Leuten gefällt, und ich muss auch gleich zehn Schals in verschiedenen Farben machen, damit ich etwas verkaufen kann. Und dann habe ich mir gesagt, „du machst nur ein Stück, so, wie du es willst“. Ich habe gelernt, sehr genau auf mich zu hören. 

Du hast diese Schule also nicht besucht, um ein Verdienstmodell zu finden… 
Nein, bis jetzt habe ich gesagt, ich mache, was ich will, dadurch sind meine Stücke sehr individuell. Und jedes Stück muss genau seine Käuferin finden. Das macht es extrem schwierig. Ein Geschäftsmodell besteht aus der Verbindung dieser Individualisten mit einer Linie von Kleidern, die ich entwerfe, aus natürlichen und von mir bedruckten Stoffen.

Wie kann ich zerschneiden, was ich webe?

Willst du auch die Stoffe dafür selber weben?
Das habe ich für wenige Modelle vor. Einige Stoffe habe ich ja schon gemacht. Gleichzeitig sind sie mir fast heilig. Wenn ich zwei Meter Stoff gewebt habe, kostet es mich erst einmal Überwindung, ihn zu zerschneiden.

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Wie lange sitzt du am Webstuhl, um zwei Meter Stoff zu weben?
Zwei, drei Tage Arbeit sind es mindestens. Das hängt vom Muster und der Fadenstärke ab. Ich kann auch nicht einfach losweben. Das Herstellen der Kette, das sind die Längsfäden, ist sehr aufwändig. Dann muss der Webstuhl vorbereitet werden. Im Augenblick sind auf meinem Webstuhl bestimmt 800 oder 1.000 Fäden, die nach einem bestimmten Muster abgezählt sind und alle einzeln eingefädelt wurden... 

Klingt kompliziert…
Ist es. Schlimm wird es aber erst, wenn ich experimentiere. Zum Beispiel mit Brennnesseln. Das ergibt einen Wahnsinnsstoff, aber man braucht unglaublich viel davon, man verwendet das Innere des Stängels und verwebt es. Das ist wertvoll wie Gold. Wie bei der Königstochter…

…in Rumpelstilzchen? Hast du noch Kontakt zu anderen Frauen aus der Winterschule?
Ja. Es gibt von dort mittlerweile einige aktive Weberinnen. Wir sind in gutem Austausch. Jede findet ja ihren eigenen Weg, hat eine ganz eigene Art zu weben.

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Es kommt alles in die Tüte

Ist es schwierig, so einen Lebensstil zu leben?
Ich weiß nicht, ob es ein Lebensstil ist. Wir machen ja nicht alles selber, wir konsumieren nur aufmerksamer. Und man fängt an zu suchen. Ich muss immer eine Tüte dabei haben…

Eine Tüte?
Wenn ich in den Wald gehe, für Pilze, Borken, Blätter. Jetzt hatte ich eine Zeitlang die Hosentaschen voller Rosenblätter, die runtergefallen waren vom Regen, die nehme ich mit, bis ich genügend beisammen habe. Ich find’s einfach schöner, über Neues auf der Naturseite zu staunen als auf der Plastikseite. Und das lernt man auch in der Winterschule. Mal sehen, in welchen Kurs es mich als nächstes zieht, vielleicht zum Drechseln?

Interview: Gabriele Crepaz
Fotos: Ivo Corrà
Video: Alexander Schiebel

Was, bitte, ist eine Winterschule?

Traudl Schwienbacher, resolute und ideenreiche Bäuerin am Wegleithof in Ulten, hat die Winterschule Ulten 1993 gegründet. Sie wollte damit zeigen, dass es im Ultental, einem steilen Seitental des Etschtales, attraktive Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten gibt. Wenn man nur genau hinschaut. Mit anspruchsvollen Lehrgängen in den Bereichen Holz, Textil, Permakultur, Pflanzenverarbeitung, Gesundheit machte sie sich daran, altes Handwerk vor dem Vergessen zu bewahren und früher gängigem Wissen über Natur und landwirtschaftliche Rohstoffe wieder zu (auch ökonomischem) Wert zu verhelfen. Es ist gelungen. Die Menschen rennen der Schule die Bude ein. Mit den Händen arbeiten, an Kräutern riechen, Farben aus Pflanzen pressen, kleine Möbel bauen, sich in den Kreislauf der Natur hineinzubegeben macht offenbar glücklich. Wer einen Platz ergattern will, muss früh aufstehen oder sich gut informieren.

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