% extra alt % % extra alt % % extra alt %

September 2016

Teile diese Geschichte

Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien

Die Rückkehr der Regenwürmer

Ein Graf, viele Reben und zwischendrin noch mehr Tiere. Hinter der Biodynamik am Weingut Manincor steckt jedoch viel mehr.

Ich stehe am Hofeingang und blicke auf den Weinberg, der sich vor mir erstreckt. Die Berge öffnen sich weit, das Tal ist breit. Auf die weißen Kieselsteine der Einfahrt folgen grüne Reben. Sie reichen bis zum Kalterer See hinunter, der durch die Sonnenstrahlen glänzt.
Ich wende meinen Blick nicht davon ab, bis mich Hofherr und Graf Michael Goëss-Enzenberg aus meinen Träumen reist. Freundlich begrüßt mich der elegante Herr. Seine Stimme klingt klar, ruhig und sicher. Wie ich, scheint auch er den Anblick zu genießen. Immer wieder aufs Neue. Willkommen in seiner Welt, in der es kribbelt und krabbelt.

suedtirol altoadige manincor 5

discover

Das Weingut Manincor: 400 Jahre Geschichte und eine unsichtbare Kellerei unter den Reben.

Eines wollte der junge Michael Goëss-Enzenberg in seinem Leben schaffen: Den antiken Hof Manincor samt Weingut erwerben. 1991 hatte der in Südtirol geborene und in Österreich aufgewachsene Graf den Hof gekauft.

#1

Tausend und eine Rebe

Es ist ein heißer Spätsommertag. Wir schlendern die Reben entlang und lassen eine Reihe nach der anderen hinter uns. Auf rote Trauben folgen hellrote. Einige Reihen dahinter wiederum sehe ich gelbe. „15 verschiedene Traubensorten wachsen hier; daraus entstehen unsere 15 verschiedene Weine“, erklärt mir Graf Michael Goëss-Enzenberg leidenschaftlich und zugleich bodenständig. Er zupft einige Trauben ab und reicht sie mir. Lecker.

Plötzlich erklingt ein Gackern. Gibt es hier etwa Hühner im Weinberg? Einige Hennen liegen im Schatten der Reben. Küken laufen daneben herum. Wir nähern uns. Graf Michael Goëss-Enzenberg bückt sich und schaut unter ein in den Reben geparktes Auto eines Mitarbeiters. „Hier legen sie oftmals Eier.“ Momentan liegt keines da.

suedtirol altoadige manincor 2

discover

„Hühner sind ganz wertvolle Mitarbeiter. Sie scharren und düngen den ganzen Tag; und das praktisch nur für Essen und eine Unterkunft“, scherzt der Hofbesitzer.

Und es sind nicht die einzigen Tiere hier. "Zeitweise lassen wir auch die Schafe in den Weinberg“,  erzählt er mir. Heute sehe ich keine. „Bis zur Ernte müssen sie vom Weinberg fernbleiben, sonst würden sie zuerst die kleinen Triebe und später die Trauben fressen.“ Sie sollen Wurzeln und die alte Rinde der Reben anknabbern und das Unkraut fressen. Ihre Ausscheidungen sind ein ausgezeichneter Dünger. 

#2

‚Anima‘, die tierische Seele ist zurück

Doch reichen einige Tiere, um von Biodynamik zu sprechen? Graf Michael Goëss-Enzenberg bückt sich, buddelt im Boden und nimmt Erde in die Hand: „Hier befinden sind mehr Mikroorganismen als Menschen, als es auf der gesamten Welt gibt. Wir möchten die Gesundheit der Reben stärken und nicht nur einfach die Krankheiten abtöten.“

suedtirol altoadige manincor 1

discover

Die kleinsten Tiere sind die wichtigsten. Regenwürmer, Ameisen, Insekten, Mikroorganismen – all sie bilden Humus und verarbeiten den Boden.

Lange Zeit konnte sich Graf Michael Goëss-Enzenberg keinen biologischen Anbau am Hof vorstellen. Er wollte keine geringeren Ernteerträge riskieren, schließlich trägt er die Verantwortung über 50 Mitarbeiter; bis ihn 2005 Andrew Lorand, ein Experte der Biodynamik, umstimmte. 2006 war das erste biodynamische Jahr. Drei Jahre später gab es das Zertifikat, zu 100% biodynamisch zu sein.

„Graf, wollen Sie alles zu Grunde gehen lassen?“, fragte ihn sein ältester Mitarbeiter am Hof skeptisch. Bis es dann gut lief. Im Nachhinein betonte er, dass sie es früher doch eigentlich auch so gemacht hatten. Erfunden hat Graf Michael Goëss-Enzenberg die Biodynamik nicht. Aber heute lebt er sie.

Die Biodynamik

Die biodynamische Landwirtschaft ist keine Anbaumethode, sondern eine ganzheitliche Entwicklung des Bauern mit seinem Hof. 

– Der Boden wird mit Kompost revitalisieren und mit Mineralien behandeln, damit er wieder zum Lebensraum vielfältiger Mikroorganismen wird und sich ein natürliches Gleichgewicht einstellt
– Aufgüsse von Kräutern sind ebenfalls sehr positiv für die Reben
– Brennnesseln sorgen für Ausgewogenheit und Harmonie im Weingarten
– die Mondphasen sollen berücksichtigt werden

#3

Die unsichtbare Kellerei

Und die Überraschungen enden nicht hier. Wir gehen eine Rampe hinunter und befinden uns vor dem Herz der Produktion, der Weinkellerei. Ich hatte sie noch nicht gesehen. Umso neugieriger trete ich ein. Es ist kühl. Der Duft nach Wein steigt mir sofort in die Nase. Das historische Gebäude ist nur einige Schritte entfernt. Eine Glasscheibe trennt es von der hochmodernen Kellerei. Drei Etagen ist sie tief. Tief – und nicht hoch, denn sie befindet sich unter dem Weinberg.

suedtirol altoadige manincor 7

discover

Die Weinkellerei ist hochmodern und nicht umsonst so groß: Die Trauben der 500.000 Reben müssen schließlich verarbeitet werden.

„Nur eine Ecke befindet sich über der Erde und hat Tageslicht“, erklärt mir Graf Michael Goëss-Enzenberg. Seine Frau, Gräfin Sophie,  empfängt uns dort mit einem Lächeln. Eine Flasche Wein steht auf dem Tisch, einige Gläser daneben.

suedtirol altoadige manincor 12

discover

Die Terrasse der Kellerei hat einen ähnlich fantastischen Ausblick wie der Hofeingang.
suedtirol altoadige manincor 13

discover

Gräfin Sophie weiß, was aus der Natur hilft, wenn es hier und da mal zwickt.

Die Mutter dreier Kinder, die mittlerweile alle studieren, ist die Kräuterexpertin der Familie. Wenn all die natürlichen Tricks und Tipps bei den Kindern so gut funktionieren, kann es in der Natur nur ebenfalls so sein, ist sie der Meinung. „Mit verschiedenen Tees bringen wir die Pflanzen wieder in Balance“, erklärt mir der Hofbesitzer. Bekommen die Reben etwa Tee gespritzt? „Ja, wir leben in einer Naturapotheke. Viele Kräuter sind versteckt. Wir müssen nur wissen, was wann und in welcher Dosis verwenden.“ Klingt gesund. Und biodynamisch.

Kräutertees für die Reben

#1 Brennessel, um in Schwung zu kommen
#2 Kamille, damit sich die Pflanzen wieder beruhigen
#3 Schachtelhalme, zur Förderung der Wundheilung

Als wir die Kellerei wieder verlassen, verrät mir Graf Michael Goëss-Enzenberg noch, dass er bald Kuhglocken zwischen seinen Reben hören möchte. Ich verabschiede mich und blicke erneut auf die traumhafte Landschaft. Ich werde bald wiederkommen. Dann sind hoffentlich Kühe da – und auch die Schafe zurück.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Veronika Kaserer