Die Früchte der Upcyclerinnen

Müll ist das Ausgangsprodukt. WiaNui ist mehr als ein Geschäft. Zwei Frauen bringen Designer, Künstler und Handwerker zusammen.

  • Juni 2016

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Die Früchte der Upcyclerinnen

Müll ist das Ausgangsprodukt. WiaNui ist mehr als ein Geschäft. Zwei Frauen bringen Designer, Künstler und Handwerker zusammen.

Doris lerne ich im Frühling 2013 kennen. Ihr Strahlen ist einnehmend, ihre Neugier funkelt aus den dunkelbraunen Augen. Zusammen besuchen Doris und ich die Eröffnung einer Vernissage. Es geht um Upcycling. Ich war dort um mein Buch vorzustellen, Doris, eine gebürtige Südtirolerin, treffe ich in ihrer Funktion als Kuratorin der Ausstellung. Ich hatte gerade eine Anleitung zum Upcycling herausgegeben. Doris war es endlich gelungen, in Südtirols drittgrößter Stadt Brixen Künstler und Handwerker aus aller Welt zu vereinen, die eines gemeinsam hatten: aus alt, neu zu machen, Müll anders zu inszenieren. Auf der Ausstellung „Reuse – Design aus recycelten Materialien“ trafen sich unsere Wege, drei Jahr später hatte sich Doris ihren Traum in Brixen erfüllt: WiaNui war eröffnet, ein Geschäft, das sich voll und ganz dem Upcycling widmet.

Manueller Mehrwert

Upcycling geht über das herkömmliche Wiederverwerten von Abfallstoffen hinaus. Upcycling setzt Müll in Szene. 2013, als Doris die Ausstellung nach Brixen holt, gab es schon einige italienische Künstlerinnen, die Müll neu interpretierten. Heidi Ritsch war eine von ihnen. Sie zählt mit ihren Taschen, die sie aus alten Traktorschläuchen zusammenheftet, zur Upcycling Advantgarde. Schon 2003 schafft Heidi mit ihren Händen etwas, was die Leute anspricht. Verzicht auf Neues, Verwendung von schon Gebrauchtem – bewusster Konsum, ästhetisch verpackt. Nähmaschinen braucht die kreative Südtirolerin nicht, ihre Taschen sind handgemacht, sie werden nicht genäht, sondern gesteckt.

Im Zeitgeist

Heidi war die Vorreiterin. Die Christkindlmärkte in Südtirol machten es ihr nach. Und die upcycelten Produkte vervielfachten sich: Kaffeetabs, Fahrradschläuche, Plastikflaschen, LKW-Planen oder Fahrradreifen fanden sich, kaum wiedererkennbar, verdrahtet, zusammengeschrumpft, bedruckt, bestickt oder vernäht zwischen Weihnachtsengeln und Adventkränzen wieder. Die Dinge erregten Aufmerksamkeit.

2012 traf Doris jedoch noch auf viel Vorsicht und Skepsis. Ihre Idee, Upcycling mehreren Menschen in einer Ausstellung zugänglich zu machen, wurde misstrauisch beäugt. Der Applaus und die Begeisterung gaben ihr ein Jahr später schließlich doch recht. „Reuse – Design aus recycelten Materialien“ kam an - Doris suchte die Herausforderung. Ging einen Schritt weiter. In Brixen, der Bischofsstadt, soll etwas Bleibendes geschaffen werden. Ein Geschäft, das ausschließlich upcycelte Produkte vertreibt. Mit drei Freunden gründet die Kunsthistorikerin den Verein re-usus, sucht nach Sponsoren und finanziellen Mitteln um ihr Projekt auf solide Beine zu stellen.

WiaNui – Wie alles begann

Die Ausstellung ist ein Schlüsselerlebnis für Doris. Ihr Instinkt gab ihr Recht, Upcycling wird auch in Sütirol angenommen. Und sie trifft zwei Weggefährtinnen: Camila Hernandez de Alba und Hun Ja aus Seoul. Camila ist Kolumbianerin, geboren in Bogotà, der Liebe wegen verschlägt es sie in den 90er Jahren nach Südtirol. Als Wirtschaftswissenschaftlerin ist Präzision für sie unabdingbar. Hun Ja (einfachheitshalber wird sie Michela genannt) wurde als Kind von einer Südtiroler Familie adoptiert, sie wird in Bozen groß. Zusammen organisieren die drei Frauen 2014 einen Weihnachtsmarkt der etwas anderen Art: Sie trommeln KünstlerInnen und HandwerkerInnen aus Südtiroler zusammen, die nicht mehr gebrauchte Materialien kreativ umgestalten. Mit dabei sind auch die Hand-, Brief-, Handy- und Computertaschen von Doris Niedermayer, Gründerin der Marke „Somstig“. Ausgangsprodukt der Somstig-Taschen sind LKW-Planen.

Doris näht die Taschen in ihrem eigenen kleinen Atelier. Sie lebt in Auer, im Südtiroler Unterland. Das Wiederverwerten trat zufällig in Doris Leben.

Kunst im Regal

Der Weihnachtsmarkt „Stufels“ gibt den drei Frauen in Brixen weiteren Antrieb. Sie wagen den Sprung und gründen 2015 die Sozialgenossenschaft WiaNui, dazu das gleichnamige Geschäft. WiaNui ist dem Südtiroler Dialekt entnommen und bedeutet so viel wie „wie neu“. Zu verstehen ist das Ganze als ein lokaler Vorschlag auf ein globales Problem: die Müllreduzierung oder -vermeidung. Mit anderen Frauen oder Genossenschaften, die Produkte aus Abfallstoffen herstellen, unterhält WiaNui enge Beziehungen. Ästhetische Gründe sind ausschlaggebend für die Auswahl, die Doris trifft um die Regale im Geschäft mit unterschiedlichsten Artikeln und Produkten zu bespielen.

Als ich endlich die Zeit finde, um Doris in Brixen zu besuchen, werde ich im WiaNui herzlich empfangen. Ein langgezogenes Geschäft voll mit Gegenständen, die wie Kunstwerke anmuten, erregen meine Neugier. Hat sie ein Designer geschaffen? Menschen mit Beeinträchtigungen? Ich will stehen bleiben, die Dinge genauer untersuchen, möchte wissen welche Abfallprodukte, welche scheinbar nutzlosen Stoffe verwendet wurden. Ich staune - oft versteht man erst auf den zweiten Blick welches Ausgangsprodukt wie umgestaltet wurde.

Gleich neben dem Eingang, dort wo Camilla die Finanzen im Überblick behält, gibt es einen Korb voller Knopfringe. Eine kleine Knöpfesammlung besitze ich auch, sie erinnern mich an andere Zeiten, andere, gelebte Leben. Ruth Oberschmied teilt meine Leidenschaft. Sie sie Kunstlehrerin, sammelt Knöpfe und stellt Knopfringe her. Ruth liebt Geschichten, sie ist eine Sammlerin. Von Kindesbeinen an.

Neue Welten mit altem Flair

Ich erkunde WiaNui und stoße auf alte, umgemodelte Fässer. Und ich finde auch die Vintage Tennisschläger, des bekannten Südtiroler Designers David Duzzi. Alte Möbel neu zusammengesetzt, aus der Produktion der Bozner Sozialgenossenschaft AKRAT stehen neben Papierkreationen der CLAB, einer anderen Südtiroler Sozialgenossenschaft. Platz ist im WiaNui auch für Produkte aus der Ultner Wollmanufaktur Bergauf – und: WiaNui zeichnet Objekte auch selbst, hergestellt werden sie über das Projekt REDO von der Sozialgenossenschaft Alpi di Trento.

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Wege sind verschieden

Ein Jahr nach Gründung von WiaNui macht sich Michela auf zu neuen Ufern. Sie widmet sich voll und ganz ihrer Leidenschaft: dem Design und Schneidern von Kleidern. Doris und Camilla gehen mit WiaNui weiter, verstehen sich auch als Mediatorinnen zwischen Künstlern und Handwerkern einerseits und den Schulen andererseits. Für Museen organisiert Doris schon länger kindgerechte Führungen und Parcours. Der Schritt in die Schulwelt lag somit nahe und begeistert sie sehr.

Unterstützung erfährt die Optimistin, so bezeichnet sich Doris selbst, von Renato Brito, einem portugiesischem Künstler, der in Südtirol lebt und futuristische Lampenschirme aus Joghurtbechern kreiert. Nora Bendo Eurfragio hat sich ebenfalls in Südtiroler niedergelassen. Sie ist Philippinin und lässt filigrane, asiatische Papierschachteln entstehen. Nora lebt in Klausen und ist ebenso wie Renato in Schulen unterwegs. Gemeinsam mit Renato erschaffen Südtirols SchülerInnen wundersame Lampenschirme - ihre Joghurtbecher leuchten. Aus Wegwerf wird ein Hingucker – ein Mehrwert für alle!

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Ein Jahr ist vorbei

Doris und Camilla sind zufrieden. Bei der Messe Arredo 2016 in Bozen landen sie mit ihren Obstkisten aus recycelbarem Material unter den fünf bestplatzierten Ständen. Träume haben die zwei Frauen jede Menge: Einer ist die Eröffnung eines kleinen Kaffees im WiaNui. Wo man bei Cappuccino und Kuchen sitzen, lokale, biologische Produkte kaufen und über Gott und die Welt diskutieren kann. Themen gäbe es en masse – zum Beispiel wie jeder von uns, jeden Tag, die Welt ein Stück gerechter machen kann. Die Kreativität ist jedem Mensch zu eigen, die Liebe zum Nächsten auch. Beides ist die Basis des Upcyclings. 

Text, Video, Fotos: Elisa Nicoli
Übersetzung: Ursula Lüfter

Upcycling

Upcycling wertet auf! Scheinbar Nutzloses wird sinnvoll umgestaltet, Upcycling haucht Abfallstoffen Leben ein. Reduziert den Inhalt unserer Mülltonne. Dabei ist das Upcycling nur das Ende des Anfangs, der im „Precycling“ liegen sollte. Übermäßige Verpackungen, die in unserer Wegwerfgesellschaft immer noch hoch im Kurs stehen, sollten uns innehalten lassen. Precycling ist einfach: lieber offene Äpfel kaufen, als abgepackte, besser offenes Mehl, als das aus der Papiertüte. Und: Fangen wir wieder an Salat, Tomaten oder Zucchini selbst anzubauen. Denn bloßes Recycling reicht nicht! Wussten Sie, dass Plastik nur vier bis fünf mal wiederverwertet werden kann? Dass sich die Qualität von Altpapier nach einigen Recycling-Zyklen reduziert und nur mehr als Bau- und Verpackungsmaterial oder Tierstreu verwendbar ist?

Precycling Tipps

#1 Überrasche den Verkäufer im Dorfladen und bring ihm einen Glasbehälter mit. Damit kann er jene Produkte wiegen, die er offen verkauft. Und: Verpackungsmaterial wird vermieden!

# 2 Stelle Dein Putzmittel selbst her!
Wenn Du Dein Fensterputzmittel aufgebraucht hast, wirf den Behälter nicht weg. Fülle 100 ml Trinkalkohol ein, etwa 20 Tropfen ätherisches Öl Deiner Wahl.....schüttle....reichere 400 ml Wasser an (evtl. destilliertes Wasser wenn Deines zu kalkhaltig ist). Fertig!

#3 Omas Nachtkästchen sind eine wahre Fundgrube. Stofftaschentücher oder Tischdecken findest Du garantiert. Papiertaschentücher adieu – Precycling ist einfach, oder?

Das ist Elisa Nicoli

Die Boznerin Elisa Nicoli sammelt gerne, was am Wegrand wächst, wirft ungerne Dinge weg und probiert Neues aus. Auf ihrem Blog www.elisanicoli.it teilt sie ihre Geheimtipps. Reinschauen lohnt sich. 

elisa nicoli