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Oktober 2016

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Viel Lärm um nichts

Wir haben die Pausen im Leben abgeschafft. Jetzt wollen wir sie wieder einführen. Wo finden wir die neue Stille?

Heute fange ich bei mir an. Ich habe ein Zimmer. Es gehört nur mir. Es ist mein Zimmer für mich allein. Wenn ich drinnen bin, bleibt die Welt draußen, als hätte ich Stöpsel in meine Ohren gesteckt. Ich mache einfach die Tür zu. Andere schalten ihr Smartphone aus. Oder schweigen einen Tag in der Woche. Oder gehen drei Tage ins Kloster wie Alexander Schiebel im Film. Wo ist es wirklich still? Wir haben uns in Südtirol umgehört.

Mein Zimmer habe ich vor eineinhalb Jahren eingerichtet. Viel Platz ist nicht darin. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Sessel, das Regal mit meinen Lieblingsbüchern, ein kleiner „Altar“ mit den Liebesbezeugungen meiner Töchter. Dann steht da noch meine Stereoanlage. Ich dachte, Musik tut mir gut in der Stille. Jetzt höre ich keine Musik mehr in dem Zimmer. Es passt nicht. Das Zimmer hat einen eigenen Klang. Ich höre ihn, wenn ich nichts tue. Was ich tue? Ich sitze im Zimmer und lasse die Welt sein. Ein paar Minuten, eine Stunde. Danach kann die Welt wieder kommen.

Ich habe keine Angst mehr vor der Stille. Es ist mir nicht langweilig. Das wundert mich selber. Ich bin. Ich sage mir, das ist genug. Und es gelingt mir immer öfter, es sogar zu glauben. Ich habe diese Sehnsucht in mir. Bin ich allein?

Allein im Kreuzgang von Karthaus wandeln? So sanft hallt es...

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Am Montag hält Michil Costa seinen Schweigetag

Wir haben jemanden gefunden, der noch ausgiebiger die Stille sucht als ich. Oder besser: der sich jede Woche einen ganzen Tag nimmt, um mit niemandem zu sprechen. Am Montag schweigt Michil Costa 24 Stunden lang. Das ist umso verwunderlicher, als Costa Hotelier ist, das Sprechen ist sozusagen in seinem Erbgut eingenistet.

Angefangen hat er mit dem Schweigemontag vor sieben acht Jahren. Er kann sich noch erinnern, wie aufgeregt er jedes Mal am Abend vorher war: „Ich konnte gar nicht einschlafen. 24 Stunden Stille einzuhalten ist ja viel schwieriger als man denkt.“ Kein „Guten Morgen“, keinen Kaffee bestellen, nichts brauchen, nichts loben oder tadeln, schlicht nichts wollen. Zu schweigen heißt wohl, einen Tag auch zu verzichten. „Diese Stille tut mir gut. Sie hilft mir, die Dinge aus der Distanz zu betrachten, ohne mich in Emotionen zu verfangen. Es ist, als ob die Dinge nichts mit mir zu tun hätten. Ich warte, bis die Stille mich erfasst. Dann öffne ich mich und lasse sie ein.“

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Seit acht Jahren schweigt Michil Costa montags 24 Stunden lang. „Lange konnte ich am Vorabend gar nicht einschlafen vor Aufregung."

Es ist eine innere Stille, die Michil Costa sucht. Im Hotel La Perla in Corvara rund um ihn herum geht der Betrieb derweil weiter. Selbst Michil legt Wert darauf, uns wissen zu lassen, dass er am Montag nicht immer wie ein Eremit lebt. „Manchmal geh ich auch mit meinen Freunden etwas trinken.“ Lässt er dann einfach die anderen reden? Ja und nein, sagt er und zeigt auf sein Notizbuch: „Da schreibe ich auf, was ich zu sagen habe. Das sind natürlich nicht die alltäglichen Dinge wie Was für ein Wind heute oder so...“ Wenn Michil Costa nicht spricht, müssen auch seine Freunde überlegen, worüber sie sich unterhalten. „Mir fällt dann erst auf, wie viel Überflüssiges wir sagen. Sobald Wörter geschrieben werden, haben sie ein anderes Gewicht.“

Ist ein Schweigetag auch etwas für Sie? Bevor Sie entscheiden, sollten Sie ein Dorf kennenlernen, das aus der Stille entstanden ist und das nun zur Stille zurückkehrt.

Im Dorf Karthaus wollen die Bewohner, dass die Stille überlebt

Es ist früh am Abend, als wir in Karthaus ankommen. Die Sonne geht gerade unter. Kälte legt sich über das kleine Dorf auf dem Hügel im Schnalstal. Wir sind auf 1.300 Meter Höhe, da ist der Frühling gerne spät dran. Irgendwo geht eine Tür. Sonst ist es still. Das wissen wir, weil wir auf das kleinste Geräusch warten. Verlassen wirkt das Dorf nicht. Es ist nur still. Als wollte es uns beweisen, dass hier die Ruhe wohnt. Wir folgen den Schildern Silentium und sind bald im Kreuzgang, wo es Türklingeln gibt, und Fahrräder, die an der Wand lehnen, und eine verhalten hallende Stille, wie sie nur dicke alte Mauern erzeugen können.

Karthaus war einmal ein Kloster. Allerengelberg. Schon der Name verrät, wer hier das Sagen hatte und wie schwierig es war, dorthin zu gelangen. Die Mönche des Kartäuserordens lebten abgeschieden. Eine Straße gab es nicht, die nächsten Bauernhöfe waren weit entfernt. Wegen des Schweigegelübdes verbrachten die Mönche die meiste Zeit am Tag mit sich allein, in der asketischen Suche nach Gott oder beim Gebet für den Landesgrafen Heinrich von Tirol, der das Kloster 1326 gestiftet hatte, weil er um sein Seelenheil fürchtete. In den besten Zeiten beteten zwölf Mönche für ihn. Ich frage mich, wo er jetzt wohl ist, der glücklose Heinrich. 

1782 wurde das Kloster aufgelöst. Der Kaiser in Wien hatte keine Sympathie für kontemplative Ordensmänner und -frauen. Und hier wird die Geschichte interessant. Niemand wollte das Kloster. Stück um Stück wurde es so an Handwerker und Bauern aus dem Tal verkauft, die in den Zellen nun ihre Wohnhäuser, Stadel und Werkstätten einrichteten. Im Klostergarten weidete fortan das Vieh. Aus der Kartause wurde ein Dorf. Karthaus. Geblieben ist diese besondere Stille.

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Im Kreuzgang von Karthaus wohnen heute Menschen wie du und ich. Trotzdem ist es, als hätte die Stille sich wie ein Kissen über die alten Mauern gestülpt.

Vielleicht wird man leise, wenn man im Kreuzgang wohnt und morgens auf die Wiese eines ehemaligen Klostergartens schaut? Das ist eine Frage, die mich beschäftigt. Und ich beschließe, sie Maria Ancilla Hohenegger, der Äbtissin des Klosters Säben oberhalb von Klausen im Eisacktal, zu stellen.

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discover In der Paternküche

Wie ein riesiger pyramidenförmiger Kamin ragt die ehemalige Klosterküche in einem Hinterhof in die Höhe. Heute ist sie das Haus Nummer 20 im Dorf. Bis 1956 befand sich hier ein großer offener Herd.

Äbtissin Maria Ancilla findet, dass der Stille manchmal eine Störung gut tut

Mein Gott, ist es laut, als wir uns auf dem steilen Fußweg dem Kloster nähern. Und wir dachten hier die Stille zu finden. Nun begegnen uns Arbeiter, die eine Mauer befestigen. Sie zeigen auf einen Klingelknopf, und schon begehen wir den ersten Fehler. „Klausurpforte“ steht da. Wir läuten. Die Äbtissin öffnet selber. Freundlich und milde, ohne es auszusprechen, gibt sie uns zu verstehen, dass wir hier nichts zu suchen haben.

Im Gästehaus des Klosters treffen wir uns wieder. Hier ist es tatsächlich still. Platz für zehn Gäste gibt es in Säben. „Die Menschen sagen, dass sie hier zur Ruhe kommen. Ohne Fernsehen, ohne Auto, mit einem Buch im Garten“, erzählt Äbtissin Maria Ancilla Hohenegger. „Und da tun wir gar nichts dazu.“ Fünf Schwestern leben noch im Kloster, das lange das geistliche Zentrum im Süden Tirols war. „Säben ist ein durchbeteter Ort“, sagt die Äbtissin. Um die Gäste kümmert sich eine Mitarbeiterin. Die Schwestern bleiben unter sich, wie es die Klausurregel vorsieht. In den Gebets- und Arbeitszeiten vermeiden sie es, einander anzusprechen. „Das kann sich draußen niemand leisten“, lächelt die Äbtissin.

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Äbtissin Maria Ancilla Hohenegger wählte die Stille, um näher bei Gott zu sein. Das heißt nicht, dass sie die ganze Zeit beten muss.

Wenn es leise ist am Telefon

Nur noch fünf Nonnen leben heute im Kloster Säben. Dennoch nehmen die Klausurschwestern immer wieder Gäste auf, die die Stille suchen. Suchen Sie bitte nicht nach einer Website oder einer Email-Adresse. Wer sich für einige Tage ins Kloster zurückziehen will, wählt einfach folgende Telefonnummer: +39 0472 847 587.

Die Stille, die wir ersehnen, in Säben ist sie Alltag. Kann man denn so viel beten? „Als Novizin war ich voll Elan und Enthusiasmus. Da dachte ich, oh Stille, jetzt muss ich viel beten, Rosenkranz, Kreuzweg und die Psalmen. Das hört mit der Zeit ganz auf“, sagt die Äbtissin. „Es braucht nicht immer die Worte. Es genügt, einfach still zu sitzen.“ Ihre Stille hat mit Gott zu tun. Sie beschreibt es: „Zu wissen, er ist da, er kennt mich, er führt mich. Das passt.“

Zugleich hat die Äbtissin einen straffen Terminkalender. Auch wenn sie es nie so nennen würde. Das große Haus, wenige Schwestern, die Verwaltung der Güter, dazu die Sorge um den Fortbestand des Klosters. „Manche Störung ist ganz sinnvoll, man kann nicht immer um sich selber kreisen in der Stille.“ Am Abend ist sie dann froh, wenn sie die Tür hinter sich schließen kann. „Es gibt kaum Leerlauf im Kloster. Ich weiß, dass man das draußen denkt. Aber langweilig finde ich es nie.“

Das will sie auch den jungen Frauen mitgeben. Auf Säben wartet man händeringend auf Nachwuchs. Die Äbtissin ist vorsichtig, aber sie verrät uns: Zwei haben sich jetzt gemeldet, und sie seien ernsthaft interessiert.

Vielleicht auch Sie? Sonst schlage ich vor, Sie lassen einfach die klösterliche Stille auf sich wirken. Oder verraten Sie uns, wo Ihr Ort ist, an dem Sie still sein dürfen, nur hören, ohne zuzuhören, nur sitzen, ohne an Ihrem Stuhl zu kleben?

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Dora Vannetiello

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