April 2015

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Sonnenzeit

Wissen Sie, dass Ihre Uhr vor oder nach geht? Die wahre Ortszeit zeigt nur die Sonnenuhr an. Und das ohne Minuten und Sekunden.

Wir stehen vor dem Haus von Roland Moroder in Gröden und schauen an der Mauer nach oben. Gleich mehrere Sonnenuhren an der Fassade zeigen an, es ist ungefähr elf Uhr. „Genauer mussten es die Leute ja gar nicht wissen“, winkt der Kunstmaler ab. Mit seinem Bruder Simon berechnet und entwirft er seit 35 Jahren Sonnenuhren.

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Roland (li.) und sein Bruder Simon. Der eine malt, der andere rechnet.

Beide sind zum Scherzen aufgelegt. „Eine Sonnenuhr zu bauen ist wie Meditation“, verrät Simon Moroder. „Du machst einen Strich an die Wand, dann wartest du bis zur vollen Stunde und machst den nächsten Strich.“ Eine Zeitlang wird das Linienwerk an der Mauer auf seine Richtigkeit beobachtet, dann rückt Roland an und malt ein schönes Bild an die Wand. Alles zu seiner Zeit.

Einst war die Zeit eine Sache von Tag und Nacht. Oder sie kam von Gott. Sobald die Glocke vom Kirchturm erklang, wussten die Bauern auf dem Feld, dass es jetzt Zeit war, eine Pause zu machen. Wen interessierte es, ob die Turmuhr im Nachbardorf vor oder nach ging? Es wurde Nacht und es wurde Tag. Und in der Mitte lag Mittag. Nur das war wichtig. 

Alles änderte sich vor 600 Jahren, als die mechanische Uhr erfunden wurde. Jeder Tag, jede Nacht wurde jetzt vermessen. In der Westentasche war die Zeit sogar griffbereit. Handgriffe selber wurden fortan in Zeit gemessen, Waren im Akkord produziert, und im Transportwesen zählte jede Minute, wenn man einen Zug nicht verpassen wollte. Über die ganze Welt wurde eine Uhr gestülpt. So herrscht heute an allen Orten einer Zeitzone jene Zeit, auf die man sich geeinigt hat, egal, wie weit entfernt die Orte voneinander entfernt sind. Zwischen den äußeren Punkten einer Zone kann die Differenz eine volle Stunde ausmachen. 

Im Land der Sonnenuhren

Meistens befinden sich die Sonnenuhren an Kirchtürmen, Pfarr- und Rathäusern. An Bürger- und Bauernhäusern zeigen die Sonnenuhren den Stolz der Tüchtigen an. Wer es zu Wohlstand gebracht hatte, ließ sein Haus von so genannten Kompassmachern bemalen, die von Dorf zu Dorf zogen. Als Dekoration oder aus Freude an der Wissenschaft. Einerlei. 
Die älteste erhaltene Sonnenuhr befindet sich im Innenhof des Benediktinerklosters Muri Gries in Bozen. Sie stammt aus dem Jahr 1492. Christoph Columbus hatte gerade Amerika wiederentdeckt, und König Maximilian sagte über Tirol, es sei „eine Geldbörse, in die man nie umsonst greift“. 

Eine besondere Form der Zeitmessung bietet in Südtirol die Landschaft. In einigen Gebirgskonstellationen zeigen die Bergschatten und Taleinschnitte den Sonnenstand an. Berühmt ist die Sextner Sonnenuhr in den Dolomiten.

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discover Die Bergsonnenuhr

Fünf Dolomiten-Gipfel bilden die Sextner Sonnenuhr: Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer, Einser. Dieses Schauspiel kann man in Bad Moos beobachten, von wo aus die Sonne zur Wintersonnenwende in den späten Vormittagsstunden genau über der gleichnamigen Bergspitze steht.

In St. Ulrich in Gröden, wo Simon und Roland Moroder leben, liegt die „wahre Ortszeit“ hinter der amtlichen Zeit zurück: „Der wahre Mittag ist hier genau 13 Minuten und 20 Sekunden später als unsere Uhren anzeigen“, sagt Simon Moroder. Wir schauen auf das Smartphone. Dann auf die Fassade. Eine Wolke ist gerade dabei, sich zu verziehen. Der Schatten gewinnt langsam an Schärfe. Simon Moroder hat Recht. Wir haben plötzlich das Gefühl, viel Zeit zu haben. Eine gewonnene Viertelstunde. Fast.

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discover Die Zeit ist eine Kugel

In ihrem Garten probieren die Brüder aus, in welchen Konstellationen die Schattenmessung funktoniert. Die dreidimensionalen Sonnenuhren, die dort stehen, sollen ihren hohen Anspruch an Präzision und das ästhetischen Empfinden erfüllen.

Wie lese ich eine Sonnenuhr?

Jede Sonnenuhr ist einzigartig. Sie wird für einen bestimmten Ort gemacht. „Eine Sonnenuhr kann man nicht versetzen“, sagt Sonnenuhrbauer Simon Moroder. Mit seinem Bruder gestaltet er seit Jahrzehnten Sonnenuhren. Es ist ein Hobby der beiden. Am längsten dauert die Sammlung der Daten und die vorausschauende Berechnung des Sonnenstrahl-Verlaufs. Sobald Roland Moroder das Bildmotiv entworfen hat, geht alles sehr schnell. „Eine Sonnenuhr wird in Freskotechnik aufgemalt. Also auf den feuchten Verputz. Nur so halten die Farben“, erklärt Roland Moroder. In einem Tag muss alles fertig sein. Das Zifferblatt entsteht aus den Linien, die der Schatten des montierten Eisenstabs beschreibt. Ein Alphabet aus Strichen, Linien, Kurven, das nur versteht, wer es zu lesen vermag:

- Die Richtung des Schattens zeigt die Stunden an. Diese werden oft in römischen Ziffern angegeben. Die Ziffernfolge zwischen 6 und 18 Uhr verläuft von Westen nach Osten, dem Sonnenlauf entgegengesetzt.
- Die Länge des Schattens zeigt die Monate an. Im Sommer fällt der Schatten kurz, im Winter lang. Oft werden diese Parabeln mit den Tierkreiszeichen verbunden.
- Die äußersten Punkte, zwischen denen die Länge der Schatten schwankt, bezeichnen Sommersonnenwende (kürzester Schatten) und Wintersonnenwende (längster Schatten)
- Tag- und Nachtgleiche im Frühling und im Herbst werden durch eine gerade Linie markiert.
- Abweichungen zwischen der wahren Ortszeit und der mitteleuropäischen Uhrzeit werden als Achterschleifen dargestellt.

Und wenn die Sonne nicht scheint, fällt die Zeit einfach aus. Sollen wir es darauf ankommen lassen?

Das Gesicht der Zeit

Die höchste Dichte an Sonnenuhren hat das Überetsch in Südtirols Süden. Hier ließen sich viele Kaufleute nieder, die in Bozen gute Geschäfte machten und an den Sonnenhängen imposante Ansitze errichteten. Von dieser Sonnenuhr aus dem Jahr 1718 am Widum in St. Pauls zeugt einzig der Schattenstab. Das Zifferblatt wird heute jeden Tag von der Sonne neu gezeichnet.

Als eine Uhr noch die Sonne brauchte, um die Zeit richtig anzuzeigen…

Ist Ihnen aufgefallen, dass auf vielen Kirchtürmen neben der mechanischen Uhr auch eine Sonnenuhr die Zeit anzeigt? Falls Sie glauben, dass man einfach vergessen hat oder gar zu faul war, die Sonnenuhr zu entfernen, irren Sie. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert war auf die Räderuhren allein kein Verlass. Oft liefen diese schon nach wenigen Wochen der Zeit hinterher. Dann beobachteten die Uhrmacher den Schattenlauf auf der Sonnenuhr und stellten die Zeiger ein, wie es von der Sonne vorgegeben war.

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discover Um die Ecke gemessen

Keine Fassade des Turmes der Pfarrkirche von Niederlana ist nach Süden ausgerichtet. Um dennoch möglichst viele Stunden anzuzeigen, wurden zwei Sonnenuhren angebracht. Wenn die Stunden fortschreiten, übernimmt die Uhr rechts die Schattenanzeige.
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discover Fröhlich-Haus in Glurns

Beim Fröhlich-Haus in Glurns, einem Ansitz aus dem 16. Jahrhundert, ist der Schattenstab der Sonnenuhr nicht mehr vorhanden. Geblieben ist ein Fresko, bei dem die senkrecht verlaufenden Linien die Stunden anzeigen und die horizontalen Parabeln auf das Datum verweisen.

Die Schattenbrüder

Wenn Werbegrafiker und Hobbyastronom Simon an seine erste Sonnenuhr denkt, wird ihm schwummerig. Peinlich war das, sagt er heute. Es muss 1983 gewesen sein, als sein Bruder Roland, ein Kunstmaler, zu ihm kam und sagte, es gebe da einen Kunden, der sich eine Sonnenuhr auf seinem Haus wünsche. „Das wird eine Kunst sein“, sagte Simon großspurig. Er inspizierte die Wand, wartete, um Punkt elf Uhr machte er einen Strich genau dort, wo der Schatten hinfiel. Fertig. Als sein Bruder die Sonnenuhr malen wollte, war der Schatten um elf Uhr jedoch ganz woanders als der Strich.  

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discover Die Farben der Präzision

Simon und Rolands Sonnenuhren unterscheiden sich durch die Farbenpracht und die Präzision von älteren Beispielen. Diese Sonnenuhr zeigt oben die tatsächliche Zeit des Standortes an und vergleicht unten die Zeit mit anderen Orten in der Welt.

„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur.“ Ladinische Inschrift bei Sonnenuhren

Simon packte der Ehrgeiz. Er wälzte Bücher, beobachtete den Sonnenstand, unterhielt sich mit Experten. Und so erfuhr er, dass man viel Zeit braucht, um eine Sonnenuhr zu bauen, die funktioniert. Der Schattenstab einer Sonnenuhr muss immer parallel zur Erdachse stehen. Die Fassaden der Häuser sind nie vollkommen glatt und selten nach Süden ausgerichtet. Die Abstände der einzelnen Stunden auf einer Sonnenuhr sind nur symmetrisch, wenn die Uhr vollkommen nach Süden ausgerichtet ist. Nur an vier Tagen im Jahr stimmt die Sonnenuhr mit der amtlichen Uhrzeit überein: am 16. April, 15. Juni, 1. September und 21. Dezember.

24 Sonnenuhren haben Simon und Roland Moroder heute in ihrem Garten stehen. Unzählige haben sie an fremde Häuserwände gemalt. Auf dem Monte Pana in Gröden steht eine Sonnenuhr von Simon Moroder, die die wahre Ortszeit von 60 Weltstädten anzeigt. Nur bei jenem Kunden, der sie auf die Idee mit den Sonnenuhren brachte, haben sich die Moroder-Brüder nicht mehr gemeldet.

Text: Gabriele Crepaz