Berge im Schaufenster

Peter Pichler gelingt es, Kultur und Baugeschichte in seine Architektur einfließen zu lassen. Doch wie inspiriert er sich für Neues?

  • September 2017

  • Lesedauer: 6'

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Berge im Schaufenster

Peter Pichler gelingt es, Kultur und Baugeschichte in seine Architektur einfließen zu lassen. Doch wie inspiriert er sich für Neues?

Ich schaue mich um. Ein Gipfelmeer von Südtiroler Bergen. Meine Beine pendeln in der Luft, während uns der Sessellift dem Bergmassiv Latemar immer näher bringt. Kurz vor der Ankunft erblicke ich rechts drei große Fensterfassaden. Wie ein Baum, der sich in drei Äste aufteilt, schlängelt sich die moderne Hütte in die Landschaft hinein; ganz natürlich und trotzdem ungewöhnlich. Vom Lift bis zur Berghütte Oberholz sind es nur wenige Meter. Im November 2016 wurde sie auf 2.096 Metern im Skigebiet Obereggen neu eröffnet. Auf der Terrasse stehend, mit lässiger Sonnenbrille im Gesicht, empfängt mich Architekt Peter Pichler.

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Die Berghütte Oberholz

Der Oberholz-Lift ist 20 Autominuten von Bozen entfernt. Auch im Sommer geöffnet, ist er der Startpunkt zahlreicher Wanderwege. Daher war es wichtig, bei der Bergstation eine Einkehrmöglichkeit zu schaffen. Durch die Architektur und das gastronomische Angebot – traditionelle, gehobene, aber nicht zu hochpreisige Küche – ist die Hütte eines der Highlights des Skigebietes.

Die magischen Drei

Wie drei kleine Häuschen wirkt der Bau von außen. Als wir ihn betreten, befinden wir uns in einem großen, behaglichen Raum – einer Mischung aus gemütlicher Stube und modernem Open Space-Wohnzimmer. Dazu kommt eine lichtdurchflutete Bar mit einladender Theke. Als ich einige Schritte hin zu einem der drei großen Fenster mache, blicke ich überwältigt hinaus. Es fühlt sich an, als stände ich auf einer Aussichtsplattform – auf Augenhöhe mit dem Weißhorn, einem nahegelegenen Berg. „Der Innenraum stellt die Natur in den Vordergrund, sie soll in gewisser Weise zur Schau gestellt werden“, erzählt Peter Pichler über das Gebäude, das in Zusammenarbeit mit dem Architekten Pavol Mikolajcak entstand.

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Berühmte Lehrmeisterin

Peter Pichler sieht ein wenig so aus, wie ich mir einen jungen Architekten vorstelle: Jeans, dunkles Hemd, Sakko, schöne Uhr. Smart und zugleich ernsthaft. Sein Vater betreibt das Südtiroler Erfolgsunternehmen Stahlbau Pichler, das derzeit durch den spektakulären Bau der Zugspitzbahn Schlagzeilen macht. Jedoch war Peters Einstieg dort nie ein Thema: „Mir war immer schon klar, dass ich meinen eigenen Weg gehen möchte.“ Gibt es denn ein Rezept für den Erfolg in der Familie? „Ich denke, es ist ganz einfach: Man muss das tun, was man liebt, dann kann man darin auch gut werden“. Aus seinem Mund klingt es einfach. Ich hänge dem Gedanken nach, dass es gerade in unseren Zeiten der unbegrenzten Möglichkeiten oft schwierig ist, zu wissen, was man will.

Seine Anfänge an der Technischen Universität Wien waren wenig vielversprechend. Nach dem Wechsel an die Universität für angewandte Kunst Wien, in die Meisterklasse der britischen Stararchitektin Zaha Hadid und ihres kongenialen Partners Patrick Schumacher, entdeckte er seine kreative Seite. Bald war klar: Architektur ist sein Feld, sein Anspruch war und ist sehr hoch. Aufenthalte in Los Angeles, Rotterdam, London und Hamburg sah er als Zwischenschritte. „Es war spannend, in renommierten Architekturbüros an großen Projekten zu arbeiten und zu sehen, wie Bauvorhaben bewältigt werden. Doch mir war bereits seit meinem Studium klar, dass ich mich irgendwann selbständig machen werde.“ 

In der Enge liegt die Weite

Sein Umfeld prägt ihn. Peter Pichler sieht sich als jemand, der die Großstadt ebenso braucht wie die Stunden in der Natur. Alles bringt wichtige Impulse. „Wenn ich hier Skifahren gehe oder auch einfach von der Terrasse in die Bergwelt blicke, dann ist das Inspiration pur. Aber auch die Stadt mit ihrem Rhythmus, ihren Bauwerken, den immer neuen Angeboten regt mich täglich an.“ Sein Büro befindet sich in Mailand. Als wichtigstes norditalienisches Geschäftszentrum ist die Stadt mit zwei Flughäfen an die Welt angebunden. Südtirol ist nur drei Autostunden entfernt. Mal kurz nach Hause fahren ist also möglich. Menschenleere Natur und von Menschen erschaffene Städte sind wertvolle Gegensätze. 

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Sauerstoff für die Seele

Peter Pichlers größte Inspirationsquelle ist der Austausch mit anderen Menschen – nicht mit irgendwelchen, sondern mit jenen, die sich mit Leidenschaft einer Sache widmen. Seine Freunde sind weit verstreut. Der Kontakt mit ihnen ist jedoch sehr wertvoll für Peter Pichler. 

Er erzählt von einem kultivierten Geschäftsmann aus Abu Dhabi. Als er die E-Mail des Geschäftsmannes, der durch eines seiner Projekte in Süditalien aufmerksam wurde, erhielt, dachte er, es sei Spam. War die E-Mail jedoch nicht. Die beiden lernten sich kennen – und schätzen. Derzeit baut Peter Pichler seine Privatvilla inmitten der Wüste. Einige wenige Quadratmeter sollten es sein, 4.000m² sind es schlussendlich geworden. Auch die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur gehört dazu. „Unendlich spannend“, findet Pichler. 

„Ich rede selten mit Architekten über Architektur, viel lieber rede ich mit begeisterten Leuten aus anderen Branchen.“ Peter Pichler

Aus den Geschäftspartnern sind mittlerweile Freunde geworden. Fast scheint es, als wäre die Architektur etwas, das nebenbei geschieht. Vielleicht ist der Austausch sein wahres Rezept für den Erfolg?

Vollständig eintauchen

Peter Pichlers größte Genugtuung ist es, ein Gebäude wachsen zu sehen – von der Skizze am Papier bis hin zum fertigen Bau. Irgendwann möchte er ein Konzerthaus planen, denn er mag Orte, an denen sich verschiedene Kulturen treffen. „Zu solchen Aufträgen kommt man erst, wenn man länger im Geschäft ist“, betont er. 

Doch was ist für ihn grundsätzlich gute Architektur? „Die Herangehensweise ist das Entscheidende“, erzählt er, „es braucht eine detaillierte Recherche.“ Dabei stellt er sich viele Fragen: Wie ist es vor Ort? Wie ist das Klima? Handelt es sich um ein öffentliches Gebäude oder ein Privathaus? Welches Gefühl soll im Gebäude entstehen? Und in welchem Stil wurden die umliegenden Gebäude gebaut? Auch die Bewohner spielen eine wichtige Rolle.

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„Eigentlich ist es ganz einfach“, sagt Peter Pichler. Ich nicke. Hier und heute, auf der modernen und gemütlichen Terrasse der Oberholz Hütte, wo der kühle Wind mir durch die Haare fährt und die warme Wintersonne mich gleichzeitig wärmt, wirkt alles ganz einfach und leicht.

Text: Barbara Prugger und Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film und Andreas Pichler