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September 2017

Berge im Schaufenster

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Berge im Schaufenster

Peter Pichler gelingt es, Kultur und Bauweise in seine Architektur einfließen zu lassen. Doch wie inspiriert er sich für Neues?

Zeitgenössische Architektur begeistert durch außergewöhnliche Formen und neuartige Materialien. Und sorgt gleichzeitig für Gesprächsstoff. Bei mir weckt sie das Gefühl, in Gebäude hineinsehen zu wollen; mein Gesicht dicht an die Scheibe zu drücken. Doch manchmal ist es anders, ja genau umgekehrt. So wie heute, wo ich sehnsüchtig nach draußen blicken möchte.

Ich schaue mich um. Ein Gipfelmeer von Südtiroler Bergen. Meine Beine pendeln in der Luft, während uns der Sessellift dem Bergmassiv Latemar immer näher bringt. Kurz vor der Ankunft erblicke ich rechts drei große Fensterfassaden. Wie ein Baum, der sich in drei Äste aufteilt, schlängelt sich die moderne Hütte in die Landschaft hinein. Ganz natürlich, aber auch ungewöhnlich. Meine Neugier ist geweckt. Vom Lift bis zur Berghütte Oberholz sind es nur wenige Meter. Im November 2016 wurde sie auf 2.096 Metern im Skigebiet Obereggen neu eröffnet. Auf der Terrasse stehend, mit lässiger Sonnenbrille im Gesicht, empfängt mich der Mann, der jeden Winkel der Hütte kennt: Architekt Peter Pichler.

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discover Von der Idee zum Plan

Peter Pichler auf dem Dach der Berghütte. Die Ideen für seine Projekte entstehen nicht im Büro. „Die kommen am Pool, beim Betrachten eines Werkes in einem Museum oder in der Natur“, erklärt er mir, „im Büro geht es darum, die Ideen zu verwirklichen.“

Die Berghütte Oberholz

Der Oberholz-Lift ist 20 Autominuten von Bozen entfernt. Auch im Sommer geöffnet, ist es der Startpunkt zahlreicher Wanderwege. Daher war es wichtig, bei der Bergstation eine Einkehrmöglichkeit anzubieten. Durch die Architektur und das gastronomische Angebot (traditionelle, gehobene, aber nicht zu hochpreisige Küche) ist die Hütte eines der Highlights des Skigebietes.

#1

Die magischen Drei

Wie drei kleine Häuschen wirkt der Bau von außen. Als ich hineingehe, befinde ich mich in einem großen, behaglichen Raum –  einer Mischung aus gemütlicher Stube und modernem Open Space Wohnzimmer. Dazu kommt eine lichtdurchflutete Bar mit einladender Theke. Doch dann, als ich einige Schritte hin zu einem der drei großen Fenster mache, blicke ich überwältigt hinaus. Es fühlt sich an, als stände ich auf einer Aussichtsplattform; auf Augenhöhe mit dem Weißhorn, einem naheliegenden Berg. „Der Innenraum stellt die Natur in den Vordergrund, sie soll in gewisser Weise zur Schau gestellt werden“, erklärt mir der Architekt über den Bau, der in Zusammenarbeit mit dem Architekten Pavol Mikolajcak entstand.

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discover Zeitgenössische Stube

Behaglichkeit ohne Einengung. Die großen Fenster machen es heutzutage möglich – und bieten einen atemberaubenden Ausblick auf die drei umliegenden Berge, dem Zanggen, Weißhorn und Schwarzhorn.

#2

Berühmte Lehrmeisterin

Peter Pichler sieht ein wenig so aus, wie ich mir einen jungen Architekten vorstelle. Jeans, dunkles Hemd, Sakko, schöne Uhr. Smart und ernsthaft. Sein Vater betreibt das Südtiroler Erfolgsunternehmen Stahlbau Pichler, das derzeit durch den spektakulären Bau der Zugspitzbahn Schlagzeilen macht. Jedoch war Peters Einstieg dort nie ein Thema: „Mir war immer schon klar, dass ich meinen eigenen Weg gehen will.“ Gibt es denn ein Rezept für den Erfolg in der Familie? „Ich denke, es ist ganz einfach: Man muss das tun, was man liebt, dann kann man darin auch gut werden“. Aus seinem Mund klingt es einfach. Ich hänge dem Gedanken nach, dass es gerade in unseren Zeiten der unbegrenzten Möglichkeiten oft schwierig ist, zu wissen, was man will.

Seine Anfänge an der TU Wien waren nicht vielversprechend. Nach dem Wechsel an die Universität für angewandte Kunst, in die Meisterklasse der britischen Stararchitektin Zaha Hadid und ihres kongenialen Partners Patrick Schumacher, entdeckte er seine kreative Seite. Bald war klar: Architektur war sein Feld und sein Anspruch war und ist sehr hoch. Aufenthalte in Los Angeles, Rotterdam, London und Hamburg sah er als Zwischenschritte. „Es war spannend, in renommierten Architekturbüros an großen Projekten zu arbeiten und zu sehen, wie die Bauvorhaben bewältigt werden. Doch mir war bereits seit meinem Studium klar, dass ich mich irgendwann selbständig machen werde.“ 

#3

In der Enge liegt die Weite

Sein Umfeld prägt ihn. Peter Pichler sieht sich als jemand, der die Großstadt ebenso braucht wie die Stunden in der Natur. Alles bringt wichtige Impulse. „Wenn ich hier Skifahren gehe oder auch einfach von der Terrasse in die Bergwelt blicke, dann ist das Inspiration pur. Aber auch die Stadt mit ihrem Rhythmus, ihren Bauwerken, den immer neuen Angeboten regt mich täglich an.“ Ich nicke. Doch wieso ist sein Büro genau Mailand? Als wichtigstes norditalienisches Geschäftszentrum ist es mit zwei Flughäfen an die Welt angebunden und Südtirol ist nur drei Autostunden entfernt. Mal kurz nach Hause fahren ist also möglich. Menschenleere Natur und von Menschen erschaffene Städte sind wertvolle Gegensätze – auch für den Architekten. 

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discover Die tragenden Strukturen

Holz ist das dominierende Material und spielt im wahrsten Sinne des Wortes eine tragende Rolle: Außen sind es Lärchenholzlatten, die Tragstruktur und die Innenverkleidung besteht aus Fichtenholz, der Boden im Inneren ist aus Eiche.

#4

Sauerstoff für die Seele

Peter Pichlers größte Inspirationsquelle ist der Austausch mit anderen Menschen. Nicht irgendwelche, sondern jene, die sich mit Leidenschaft einer Sache widmen. Seine Freunde sind weit verstreut. Der Kontakt mit ihnen ist jedoch sehr wertvoll für Peter Pichler.

Und dann beginnen seine Augen zu leuchten, als er von einem kultivierten Geschäftsmann in Abu Dhabi erzählt. Er dachte an Spam, als er die E-Mail des Geschäftsmannes, der durch ein Projekt in Süditalien auf Peter Pichler aufmerksam wurde, erhielt. War sie doch nicht. Die Beiden lernten sich kennen – und schätzen. Derzeit baut Peter Pichler seine Privatvilla in mitten der Wüste um. Einige wenige Quadratmeter sollten es sein, 4.000m² sind es schlussendlich geworden. Auch die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur gehört dazu. „Unendlich spannend“, findet Pichler. 

„Ich rede selten mit Architekten über Architektur, viel lieber mit begeisterten Leuten aus anderen Branchen.“ Peter Pichler

Aus den Geschäftsmännern sind mittlerweile Freunde geworden – auf zwei verschiedenen Kontinenten. Fast scheint es, als wäre die Architektur etwas, das Nebenbei geschieht, gehen tut es aber um einen wertvollen Austausch. Wahrscheinlich ist das das wahre Rezept für den Erfolg.

#5

Vollständig eintauchen

Seine größte Genugtuung ist es, ein Gebäude wachsen zu sehen; vom Papier bis hin zum fertigen Bau. Irgendwann mal möchte er ein Konzerthaus planen, denn er mag Orte, an denen Kultur und verschiedene Kulturen zusammenfließen. „Zu solchen Aufträgen kommt man jedoch erst, wenn man länger im Geschäft ist“, betont er. Ja, er ist noch am Anfang.

Doch was ist für ihn grundsätzlich gute Architektur? Die Herangehensweise ist das Entscheidende. Es braucht eine detaillierte Recherche und dabei stellt er sich viele Fragen: Wie ist es vor Ort? Wie ist das Klima? Handelt es sich um ein öffentliches Gebäude oder ein Privathaus? Welches Gefühl soll im Gebäude entstehen? Und in welchem Stil wurden die umliegenden Gebäude gebaut? Auch die Bewohner spielen eine wichtige Rolle.

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discover Keine Grenzen

Peter Pichler befasst sich mit deren Kultur und Tradition, saugt alle Informationen auf, um sie dann neu zu interpretieren.

„Eigentlich ist es ganz einfach“, sagt Peter Pichler. Ich nicke. Hier und heute, auf der modernen und gemütlichen Terrasse der Oberholz-Hütte, wo der kühle Wind mir durch die Haare fährt und die warme Wintersonne mich gleichzeitig wärmt, ist alles ganz einfach und leicht.

Text: Barbara Prugger und Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film und Andreas Pichler