Natürlich gefärbt

Früher galt das Färben mit Pflanzen als ein Armutszeugnis, heute ist es genau umgekehrt.

  • August 2016

  • Lesedauer: 4'

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Natürlich gefärbt

Früher galt das Färben mit Pflanzen als ein Armutszeugnis, heute ist es genau umgekehrt.

Seit Jahren bin ich von der unglaublichen Vielseitigkeit der Pflanzen fasziniert. Damit kochen kann fast Jeder. Einige wenige kennen deren heilende Wirkungen, noch seltener hören wir von den traditionellen Anwendungen, überliefert von Erzählungen unserer Großmütter. Mir gefällt es, Kräuter und Pflanzen zu sammeln, sie zuzubereiten und anschließend zu essen. Darüber habe ich ein Buch geschrieben, „L'erba del vicino” (zu Deutsch: Das Gras des Nachbarn).

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Ich lasse meine Gedanken schweifen. Wie war es im Mittelalter möglich, Kleidung rot und blau zu färben? Die ersten synthetischen Färbemittel entstanden viel später, so um 1856. Bunte Stoffe waren zuvor ein Zeichen von Reichtum. Oder doch nicht? Diejenigen, die wenig hatten, färbten auch damals schon – eben nur mit dem, was sie in der Natur fanden.

Blumen, Wurzeln, Blätter, Holz, Rinde und sogar Parasiten, all diese Zutaten sind zum Färben geeignet. Bei einigen verrät dies bereits der lateinische Namenszusatz „tinctoria“, wie beispielsweise bei der Isatis tinctoria (zu Deutsch: Färberwaid). Meine Neugier ist geweckt. Aber welche Pflanzen in meinem Heimatland Südtirol eignen sich überhaupt zum Färben? Mit der Fotokamera ausgerüstet mache ich mich auf die Suche. Es dauert nicht lange und ich finde bei meinem Spaziergang geeignete Pflanzen am Wegrand. Bestimmt habt auch ihr viele davon bereits unzählige Male gesehen, ohne jedoch ihre Geheimnisse zu kennen: Erika, Frauenmantel, Flechte, Farnkraut und auch Salbei. 

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Jetzt wo ich einige Pflanzen gesammelt habe, frage ich mich, was ich damit färben kann. Die ersten Ergebnisse meiner Recherche probiere ich bei meiner großen Leidenschaft, der Herstellung von Seife, aus. Vom Ergebnis könnt ihr auf der Seite „Il laboratorio dell'Autoproduzione" lesen.

Erneut schweifen meine Gedanken, ins Mittelalter – und wieder zurück. Wie färben wir heute wohl Stoffe mit denselben Pflanzen? Ich frage Rachele, eine echte Kräuterhexe, um Rat. Sie zeigt mir einen Ort, an dem ich niemals nach Färbzutaten gesucht hätte: den Stadtpark. Auf dem Weg dorthin hält sie immer wieder kurz an, um Mispeln und versteckte Pflaumen entlang des Fußgängerweges zu sammeln. Lecker!

Das Einfärben von Stoffen und Seifen mit Pflanzen funktioniert also bestens. Aber was ist noch möglich? Ich erinnere mich an meine Reise nach Marokko zurück. Als ich eines Tages auf der Hochebene der marokkanischen Berge entlangfuhr, sah ich am Straßenrand einige Berber-Kinder. Auf einem Tuch auf dem Boden stellten sie ihre Ware aus. Zwischen einigen Vasen fand ich ein militär-grünes Pulver.

Das Henna (Lawsonia inermis), von Berber-Familien des Hinterlandes angebaut und getrocknet, wird für Tattoos verwendet, die nach einiger Zeit wieder verschwinden. Außerdem eignet es sich auch zum Haare färben.

Inmitten des Suqs, einem großen arabischen Markt, im Chaos der Stadt, fand ich einige Tontöpfe, die innen braun und rot gefärbt waren (Aker Fassi). Also strich ich mit meinem nassen Finger über den Topf und anschließend über meine Lippe, die sich wie roter Wein färbte. Niemand wollte mir jedoch dieses Geheimnis verraten. Anscheinend stammt die Färbung von den Blüten des Mohns und des Granatapfels. Mir wird klar, dass die Pflanzen nicht nur für Seifen benutzt werden können, sondern auch für Kosmetikprodukte.

betulla

Zurück in Südtirol mache ich mich erneut auf die Suche – dieses Mal nicht nach Zutaten zum Färben, sondern nach Menschen, die ‚mit Natur‘ färben. Ein schwieriges Unterfangen, bis ich Franziska von der Winterschule im Ultental kennenlerne. Ich erreiche sie nach einer steilen Anfahrt, fast am Ende des Tales. Freundlich begrüßt sie mich und bringt mich zu den bunten Blumen des Wegleit-Hofes. Dieselben Blumen sehe ich wenig später im herrlich duftenden Labor wieder, wie sie gerade getrocknet werden. Es ist das erste Mal, dass ich jemandem beim Erstellen von Kosmetikprodukten zusehe. Franziska erklärt mir die einzelnen Schritte, die sich bekannt und heimisch anfühlen. Normalerweise bin ich diejenige, die den anderen zeigt, wie das geht. Unser Treffen habe ich gefilmt und seht her, so könnt auch ihr lernen, wie man Kosmetikprodukte mit Pflanzen färbt. 

Dieses Thema fasziniert mich. Euch auch? Dann könnt ihr ganz einfach Pflanzen zum Färben finden –  und zwar in eurer Küche. Beispielsweise ergibt die Außenschale der goldenen Zwiebel einen gelb/orangen, der Rotkohl einen blau/violetten Farbton. Auch der Rhabarber, den ihr bei unseren Bauern im Frühling findet, färbt das Haar gelb, Seife hingegen rosa. Spinat tönt, wie vermutet, grün und Karotten orange. Das Beste daran ist, dass die Farbe auch nach mehreren Waschgängen nicht auswäscht.

Falls ich eure Neugier geweckt habe, ihr aber keine Seifen, Kosmetikprodukte oder Stoffe färben möchtet, könnt ihr die natürlichen Zutaten in der Küche verwenden. Mit Ringelblumen, die gelb/orange in Südtirols Gärten erstrahlen, wird euer Risotto im Nu gelb. Ein bisschen wie mit Safran. Am besten ihr stattet Siegi, der Kräuter und Sträucher am Nationalpark Stilfser Joch anpflanzt und sammelt, einen Besuch ab. Er kann euch Kreationen von süßen Färbungen mit Pfefferminze empfehlen. Und falls ihr eure Gäste überraschen möchtet, probiert es doch mit der violetten Malve.

Text, Fotos und Video: Elisa Nicoli
Übersetzung: Katja Schroffenegger

Die Autorin

Die Boznerin Elisa Nicoli sammelt gerne, was am Wegrand wächst, wirft ungerne Dinge weg und probiert Neues aus. Auf ihrem Blog www.elisanicoli.it teilt sie ihre Geheimtipps. Reinschauen lohnt sich. 

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