% extra alt % % extra alt % % extra alt %

Dezember 2016

Teile diese Geschichte

Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien

Hosen wie damals

Norman Ventura kündigt seinen Job und widmet sich einem antiken Handwerk: der Schneiderei. Er näht nun Lederhosen, so wie früher.

Der Zug hält am Salurner Bahnhof. Als ich aussteige, bemerke ich sofort, wie breit das Tal hier ist. Hohe Berge ragen auf beiden Seiten in die Höhe. Ich schaue mich kurz um. Das Dorf liegt weiter hinten, direkt am Berg. Ich folge der Hauptstraße, immer geradeaus, über eine Brücke und die Etsch hinweg. Nach wenigen Minuten erblicke ich das Schild „Trientner Straße“ und biege rechts ab. Einige Schritten noch und ich stehe ich vor der „Salurner Lederhosenschneiderei“. Hier liegt also Normans Reich, seine Werkstatt, die er vor kurzem eröffnet hat.

Norman begrüßt mich höflich und zurückhaltend. Er spricht fließend Deutsch. Ich lächle, als er einen vorbeigehenden Passanten auf Italienisch begrüßt. Klingt ebenfalls einwandfrei. Auch das Dialekt aus dem Trentino versteht und spricht er fließend, erklärt er mir.

norman e lo steg

discover Norman in seiner neuen Schneiderei

Trotz seines jungen Alters – Norman ist 25 – gab er die Festanstellung in einem Ingenieurbüro auf, um sich voll und ganz der Näherei von Lederhosen zu widmen.

Eine Treppe führt in den ersten der zwei Räume seiner Werkstatt. Meine Hand gleitet über ein elegantes schmiedeeisernes Geländer, das sein Großvater angefertigt hat. Bei einer Tasse Kaffee setzen wir uns an den Holztisch in die Stube, einem für Südtirol typischen und mit Holz getäfelten Wohnzimmer. 

#1

Die Stilfser Hirschen

Lederhosen sind typisch für Südtirol, Tirol, der deutschen Schweiz und Bayern. Doch wo bekommt Norman das Leder her? Es ist Hirschleder. Die Tiere werden nach einem Auswahlverfahren im Nationalpark Stilfserjoch geschossen und anschließend zum letzten Gerber Südtirols gebracht. In seiner Werkstatt hütet dieser die Geheimnisse dieses jahrhundertealten Handwerks.

suedtirol altoadige lederhosen 12

discover Leder aus Stilfs

Das Hirschleder wird mit traditionellen Methoden des letzten Gerbers in Südtirol gegerbt.

Meine Neugier ist geweckt. Es ist an der Zeit, dass mir Norman erklärt, wie er eine Lederhose herstellt. Wir betreten den zweiten Raum seiner Schneiderei, der um einiges größer ist; viel größer auch, als es der Raum bei ihm zu Hause war. Ich war vor einigen Monaten dort, wo Norman seine ersten Versuche startete. Zwei Jahre lang arbeitete er von zu Hause aus, bevor er diese Räume im Sommer 2016 erwarb.

Mittlerweile ist jede Maschine an ihrem Platz, auch die drei Nähmaschinen. Lederstücke, Schablone, Kleber und Fäden füllen die Regale. Es gibt mehrere Tische, jeder für einen Arbeitsschritt angedacht. Neben der Wand steht eine Presse. Norman benutzt sie, um verschiedenste Elemente präzise auszustanzen.

suedtirol altoadige lederhosen 14

discover Die Presse

An der Maschine schneidet Norman Lederstreifen, um anschließend einen Zopf am Latz, dem sogenannten „Steg“, zu flechten.
suedtirol altoadige lederhosen 15

discover Die Schablonen

Die Schablonen werden in die Presse eingesetzt und garantieren einen sauberen Ausschnitt der Lederelemente.

#2

Kurze Hose mit langer Geschichte

Hunderte Jahre lang galten Lederhosen als resistente Hosen für Bergarbeiten. Da sie wasserabstoßend und geruchsabweisend sind, mussten sie nur selten gewaschen werden. Norman fühlt sich mit seiner Heimat und deren Geschichte sehr verbunden. Bereits die Schützenkompanien, die im 19. Jahrhundert vom Freiheitskämpfer Andreas Hofer aus dem Passaiertal geleitet wurden, trugen Lederhosen.

Mit Leder nähte Norman bereits früher gerne. Den Schützen verdankt er nun seinen Beruf. Sie brachten ihn auf die Idee, es mit der Schneiderei zu probieren. Näh uns doch eine Lederhose, baten sie ihn. Und so entstand Normans neue Leidenschaft. 

suedtirol altoadige lederhosen 13

discover Der Latz

Auf dem „Steg“ werden verschiedene Elemente, wie beispielsweise das Ortswappen oder die Anfangsbuchstaben des Namens aufgenäht, damit sich die Lederhosen voneinander unterscheiden.

Lederhosen sind aufwendig in der Herstellung. Dies genügte wohlhabenden Urlaubern aber nicht. Sie ließen sie mit zusätzlichen Details, wie beispielsweise dem Ortswappen, besticken. Schnell wurden sie somit zu einer „Identitätskarte“. Heutzutage werden sie vor allem bei regionalen Festen von Musikkapellen, Chören, Tanzgruppen und den Schuhplattlern getragen.

Die Lederhosen

Zwei verschiedene Modelle
- „Kniebundhosen“ reichen bis zu den Knien
- „Seplhosen“ trugen früher nur Kinder

Viele Feinheiten
- „“Himmelstor“ oder „Sautirl“: eine größere Öffnung an der Hosenvorderseite, um bei Harndrang diese nicht vollständig ausziehen zu müssen  
- „Messertaschl“: kleine Tasche für das „Fuhrmannsbesteck“, bestehend aus einem Messer, einer Gabel mit zwei Spitzen und einer Stecknadel … oder heutzutage für das Smartphone.

Herstellungsdauer
- 3-4 Tage für einfache Modelle
- eine Woche für komplexere Modelle

suedtirol altoadige lederhosen 9

discover Das "Messertaschl"

In dieser seitlichen Tasche wird traditionell das „Fuhrmannsbesteck“, ein Kit für alle Fälle, aufbewahrt.

#3

Der auszubildende Bruder

Während ich mit Norman immer mehr in die Geschichte und die traditionellen Bekleidungen versinke, kommt sein Bruder Thomas herein. Ein offener, lächelnder Typ, der wie Norman zielstrebig ist. Obwohl er jünger ist, hatte er bereits einige Arbeiten, wie Türsteher, Basketballspieler und Knecht. Nun lernt er von Norman, um dasselbe Handwerk ausüben zu können. 

suedtirol altoadige lederhosen 11

discover Die Gebrüder Ventura

Norman (vorne) und Thomas (hinten) an ihren Nähmaschinen in der neuen Werkstatt.

Bald schon werden die Brüder gemeinsam das Nähen von Lederhosen fortführen – ein Handwerk, das es so in Südtirol nicht mehr gibt. Alle historischen Schneider sind mittlerweile in Rente gegangen. In Bekleidungsgeschäften finden wir viel zu oft Lederhosen aus Pakistan und Bangladesch, angefertigt von Menschen, die ausgenutzt und giftigen Chemikalien ausgesetzt werden. Dadurch kosten sie wenig, halten aber auch nicht lange. Normans Lederhosen hingegen überstehen die Zeit und können von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Text, Fotos und Video: Elisa Nicoli
Deutsche Fassung: Katja Schroffenegger