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Dezember 2016

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Lawinen im Schlepptau

Der Schnee glänzt in der Mittagssonne. Das verlockt – doch verbergen sich darin Gefahren: die Lawinen. Vorsorgen ist möglich.

Die Sonnenstrahlen schimmern in der Scheibe des Helikopters - und in meinen Augen. Ich kneife sie zusammen; nur ganz kurz, um keinen Augenblick dieses fantastischen Ausblickes zu verpassen. In 3.500 Metern Höhe fliegen wir über die mit Schnee bedeckte Bergspitzen hinweg. Mein Herz schlägt schneller. Gabriel und Marco Kostner kennen dieses Gefühl. Sie bleiben nicht gerne auf dem Boden, weder im Sommer, noch im Winter. 

screenshot kostner brueder

discover Gabriel und Marco Kostner

Früher flogen die Brüder aus Leidenschaft, heute ist es ihr Beruf; ebenso, wie Menschen in Not zu helfen.

#1

Könige der Lüfte

Alles fing mit dem Drachenfliegen an. Gabriel war 13, als er erstmals abhob. Bruder Marco war 18. Eine Leidenschaft, die ihnen ihr Großvater, ebenfalls Pilot, vermittelt hat. Ihr älterer Bruder Raffael, Mitglied der Bergrettung, flog ebenfalls. Aus der Berufung wurde bald ihr Beruf. Raffael gründete Aiut Alpin, die Flugrettung in den Dolomiten. Marco und Gabriel, auch ausgezeichnete Piloten der Bergrettung, gründeten 1998 das Unternehmen Elikos, das sich auf Privatflüge und Materialtransporte in schwer erreichbaren Gebieten spezialisiert hat.

#2

Lawinen als große Herausforderung

Lawinen sind furchteinflößend, unberechenbar und gefährlich. Das wissen auch Marco und Gabriel. Sie wollten helfen – und erfanden „Daisy Bell“. Sie enthält Sauer- und Wasserstoff. Beim Vermischen der Gase kommt es zur Explosion. Die dabei entstandene Druckwelle löst, wenn nahe genug an der Schneedecke, eine Lawine gezielt aus. Der erste Prototyp entstand 2008 und wurde anschließend in Zusammenarbeit mit einem französischen Unternehmen verbessert. Heutzutage wird das System der Grödner Brüder europaweit verkauft. 

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discover "Daisy Bell"

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discover "Daisy Bell"

Die glockenförmige "Daisy Bell" wird mit einem Seil am Helikopter angebracht.

#3

Eine Idee aus dem Nichts

Oft entsteht eine gute Idee, wenn du es dir am wenigsten erwartest. So war es auch bei den Gebrüdern Kostner, als sie das Böllern, das Herausschießen der Brautleute am Morgen des Hochzeitstages, hörten. Dabei wurde eine Druckwelle ausgelöst. Genau das, was es für einen gezielten Lawinenabgang auch braucht.

Schau dir das Video dazu an:

#4

Vorbeugen, erkennen, reagieren

Bei Gefahrensituationen werden Straßen und Skipisten sofort geschlossen. „Mit dem Helikopter und Daisy Bell schaffen wir es anschließend, zahlreiche Lawinen gezielt auszulösen“, erklären mir Marco und Gabriel Kostner. Vor dieser Erfindung wurde Sprengstoff verwendet – mit all den dazugehörenden Gefahren. So konnte es aber nicht weitergehen. „Die heutige Kraft der Glocke entspricht fünf Kilogramm Dynamit“, fahren sie fort. 

#5

Was tun im Fall der Fälle

Die Berge sind nicht nur im Sommer atemberaubend, sondern auch im Winter. Wenn wir die weißen Bergspitzen sehen, unterschätzen wir die Gefahren gerne noch öfters als sonst. Bei 95 Prozent der Unfalllawinen löst der Skifahrer den Abgang selbst aus, egal in welcher Höhenlage er sich befindet.

Ein Gespräch mit Fabio These vom Lawinenwarndienst der Provinz Bozen und Lukas Rastner, vom Wetter- und Lawinenwarndienst, hat mir geholfen, Lawinen besser zu verstehen… und wie sie vermieden werden können.

suedtirol altoadige lawinen valanghe 21

discover Die Lawinenexperten

Lukas Rastner und Fabio Gheser.

Welche Regeln sollen im Winter in den Bergen eingehalten werden?
Fabio Gheser und Lukas Rastner: Es gibt keine Regeln, nur Ratschläge. Die Verhältnisse am Berg verändern sich dauernd, und müssen deshalb stets überwacht werden. Es ist lebenswichtig sich zu informieren, bevor man losgeht. Einschätzungen vor Ort sind aber ausschlaggebend. Du solltest über die Einflüsse, die die Stabilität der Hänge verändern, Bescheid wissen. 

Wann besteht die größte Lawinengefahr?
Nach einem starken Schneefall, sobald die Schneedecke noch nicht stabil. Und wenn starker Wind weht, auch in Kombination mit wenig Schnee. Der in Mulden und Rinnen eingeblasene Schnee ist zum Teil leicht als Lawine auszulösen.

Lukas‘ und Fabios Ratschläge

#1 Gehe niemals alleine in die Berge
#2 Lass dich von einem Bergführer begleiten
#3 Informiere dich gut, bevor du aufbrichst
#4 Trage Schutzausrüstung und ein Erste-Hilfe-Kit bei dir
#5 Genieße die Berge, bleibe aber stets vorsichtig und konzentriert

suedtirol altoadige lawinen valanghe 4

discover Der Lawinenwarndienst

Der Lawinenwarndienst der Provinz Bozen bereitet die Informationen auf.

Wie schützt man sich gegen Lawinen?
Der beste Schutz ist die Vorsorge. Lawinen sollen absolut vermieden werden, denn sie bergen etliche Gefahren.

Wie sollte man reagieren, wenn eine Lawine ausgelöst wird?
Je besser du vorbereitet bist, desto richtiger wirst du im Notfall reagieren. Wenn du dich am Auslösepunkt befindest, kannst du versuchen, von der Lawine seitlich „herauszuspringen“ oder auf der Oberfläche zu bleiben. Es ist entscheidend, ob du bereit. Es ist besser, eine Gefahr herbeizusehen und über mögliche Fluchtwege bereits nachzudenken. In seltenen Fällen kommen Personen unter eine weiter oben ausgelöste Lawine. Die Überlebenschancen sind dabei gering, da keine Zeit zum Weglaufen besteht und die große Menge an Schnee schnell auf einen zukommt. 

Überlebenschancen

Wer von einer Lawine erfasst wird, hat statistisch gesehen eine Überlebenschance von 90 Prozent, wenn er in den ersten 15 Minuten gefunden wird. Die Wahrscheinlichkeit sinkt nach 45 Minuten auf 25 Prozent. Um eine Person auszugraben, die in den oberen 50 Zentimetern verschüttet ist, bedarf es etwa zehn Minuten. 

Was tun, wenn man trotzdem verschüttet wird?
Eine Lawine ist zwischen 50 und 100 km/h schnell. Die herunterkommende Schneemasse hat eine enorme Kraft. Die meisten Personen, die unter eine Lawine kommen, erleiden schwere Verletzungen. Wer das Glück hat und trotzdem überlebt, muss auf Hilfemaßnahmen von Freunden hoffen und, dass rasche alpine Rettung oder ein Hundeführer kommt.

Überlebenswichtige Geräte bei Lawinenverschüttung

- Lawinensonde: Suchgerät zur genauen Lokalisierung des Verschütteten.
- Schaufel: Hilfe für das schnellere Befreien eines Verschütteten aus dem Schnee.
- LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät): Suchgerät zur schnellen Ortung von Verschütteten.
- AvaLung-Rucksack: Ermöglicht dem Lawinenopfer, über 50 Minuten frischer Luft aus der Schneemasse zu atmen.
- Lawinenairbag-System: ein oder zwei in den Rucksack integrierte Airbags. Erhöht die Möglichtkeit, dass der Betroffene während des Lawinenabganges auf der Oberfläche bleibt.

Daisy Bell wird diesen Winter wieder einige Lawinen auslösen. Gabriel und Marco freut dies… und zahlreiche Skifahrer und Wanderer in den Dolomiten auch. Für mich hingegen steht eines fest: Ich möchte bald schon wieder mit den Beiden mit dem Helikopter abheben.

Text: Katja Schroffenegger
Foto: Alex Filz, Ivo Corrà
Video: Martin Hanni