Januar 2016

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Kuhle Hörner

Warum bleiben die Bergbauern auf ihren Höfen, obwohl die Arbeit hart und der Ertrag karg ist? Ein Besuch am Oberfahrerhof.

Sonja und Sebastian Zöggeler sind keine Biobauern, aber sie geben ihren Kühen Heu zu fressen und pressen ihre Euter nicht bis zum letzten Tropfen aus. Noch etwas gönnen sie ihren Kühen: einen echten Stier.

Es ist dunkel im Stall. Wir gehen durch die Reihen. Wo ist denn der Stier? An den Hörnern muss man ihn erkennen, dachten wir. Aber am Oberfahrerhof in Flaas oberhalb von Jenesien tragen alle Kühe Hörner. „Das war schon immer so“, sagt Bauer Sebastian Zöggeler. Und an der Art, wie er es sagt, ist klar, das wird auch so bleiben. Während er spricht, kratzt er mit einem Schaber Mist von den Liegeplätzen in die Kotrinne. Ganz außen im Mittelgang tritt er einem Tier mit der Fußspitze leicht in die Flanken. Fleisch zittert, nichts passiert. Er probiert noch einmal, dann zieht er das Tier an einem Seil am Hals in die Höhe. Der Stier. Nimbo, zwei Jahre jung, geboren und aufgewachsen am Oberfahrerhof. Als einziger hat er keine Hörner. Mutter Erika liegt gleich in der nächsten Reihe. „Ohne Stier ist man kein Bauer”, sagt Sebastian Zöggeler. Wenn das stimmt, gibt es in Südtirol nur mehr sehr wenig Bauern.

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Bauer Sebastian Zöggeler und sein Stier Nimbo. „Einen Stier muss man erziehen“, sagt die Bäuerin.

Sebastian Zöggeler ist ein Bauer, wie man ihn sich vorstellt. Hager, der Körper zäh von schwerer Arbeit, im ersten Umgang zurückhaltend, fast spröde, genau wie die Hände, die sich rau anfühlen; wenn er redet, sagt er nur das Nötigste. Mit 20 hat er den Hof übernommen, das war vor 33 Jahren. „So früh soll man nicht Bauer werden“, sagt er heute. Damals hatte er keine Wahl. Obwohl er „nur“ der dritte Sohn war. „Er war der Geeignetste“, ergänzt seine Frau. Sonja Zöggeler spricht, wo ihr Mann längst wieder schweigen will. Sie ist selbstbewusst, eine Bäuerin neuer Generation, die ihren Hof auf Vordermann bringen und, wenn es sein soll, auch neue Wege gehen will. „Man hat den Hof gekriegt und muss ihn weiterbringen“, sagt der Bauer. „Ich bin einfach glücklich mit dem, was ich tue“, sagt die Bäuerin.

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Marende mit Aussicht: Das Ehepaar Zöggeler mit drei seiner sechs Kinder.

Alles andere als eine Turbokuh

Pflicht und Leidenschaft halten den Berghof auf 1.500 Meter Meereshöhe am Leben. 20 Kühe, zehn Jungrinder, Stier Nimbo und zehn Haflingerpferde stehen im Stall. „Wie es immer war“, sagt Bauer Sebastian. Seine Kühe geben im Schnitt 17 Kilo Milch am Tag und werden mit Heu, Grummet, also dem Ertrag des zweiten Schnitts, und einer Getreidemischung gefüttert. Würde er ihnen Kraftfutter geben, könnten sie auch mehr Milch geben. Aber das will er nicht: „Ich will keine Turbokuh.“ Im Sommer schickt er die Kühe auf die Alm, weil dort der Boden besser ist und das den Knochen guttue, die Kühe seien dann im Winter besser im Stall zu haben.

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Die Oberfahrer-Kühe fressen Heu. Würde der Bauer ihnen Kraftfutter geben, könnten sie mehr Milch geben.

Eigentlich ist es wie im Bilderbuch. Der Oberfahrerhof liegt abgeschieden, umgeben von 13 Hektar Grund, die zum Hof gehören, zumeist sind es Wiesen. Das Land liegt steil hier oben, im Winter bleiben die Kühe im Stall, sie können sich auf dem abschüssigen Boden nicht halten. Im Sommer wird einmal gemäht, das nachwachsende Gras weiden die wenigen Tiere ab, die nicht auf die Alm dürfen.

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Der Oberfahrerhof in Flaas liegt steil am Hang auf 1.500 Meter Meereshöhe.

Jedes Jahr geben 100 Milchbauern auf

Bauersein ist ein Lebensmodell, das in vielen Gegenden im Alpenraum langsam wegbricht. „Wegen der Milch hätt’s der Bauer längst schon lassen müssen“, sagt Sebastian Zöggeler. 46 Cent zahlt die Genossenschaft aktuell für einen Kilo Milch, da ist die Gewinnspanne gering. 100 Südtiroler Bauern haben im vergangenen Jahr die Milchproduktion aufgegeben.

Die Zöggeler denken nicht daran. Seit vier Generationen führen sie den Hof. Sie gehören hierher und nirgendwo anders hin. Deshalb lassen sie ihre Tiere im Stall und haben einen Nebenerwerb begonnen, drei Ferienwohnungen eingerichtet und für den Sommer ein Angebot für Kinder-Reiterurlaub geschnürt. Vom Milchpreis und dem Fleischerlös allein könnten auch sie ihre sechs Kinder nicht studieren lassen.

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Morgens und abends wird gemolken: 20 Kühe stehen beim Oberfahrer im Stall.

Jeden Morgen um halb sechs steht Sebastian Zöggeler auf und geht in den Stall, „er ist ein Morgenmuffel“, sagt Sonja Zöggeler. Gemeinsam melken sie die Kühe, geben Heu, räumen den Mist weg und machen den Stall sauber. Dann werden die Kälber getränkt, es wird frisch eingestreut, die Maschinen müssen geputzt werden, jederzeit könnte die Genossenschaft einen Kontrolleur schicken. Drei bis vier Stunden arbeiten die Zöggeler morgens im Stall. Abends um 18 Uhr fangen sie wieder von vorne an. Zwischendurch weckt Sonja die Kinder und Sebastian bringt die Milch weg, die anschließend in die Molkerei gebracht wird. Der Milchwagen der Molkerei Mila steht um halb acht in Flaas. „Der fährt nicht zu uns herauf. Dafür ist es zu steil.“

Kinder wollen Kühe melken

Gute Milchabnehmer sind die Feriengäste. Als erste stürmen die Kinder den Stall. Eimerweise tragen sie die Milch zum Frühstück in die Wohnung. Für sie ist es „die Milch vom Sebastian“, erzählt Sonja Zöggeler. Alle wollen melken lernen. Sebastian Zöggeler lacht, wenn er von dem Fotomodel erzählt, „die noch nie einen Tutt‘n angegriffen hat.“

Die Gäste sind nett. Einige haben Lust mit Hand anzulegen. Die Zöggeler sagen dann nicht nein. Sie können Hilfe gebrauchen. Wenn sie gemeinsam zu den Wiesen hinaufsteigen, geht vielen zum ersten Mal die Puste aus. „Manche kommen kaum hinauf und hinunter“, lacht Sonja Zöggeler. Und es kämen gleich die Blasen auf den Händen. Daniele aus Mailand sei der Einzige gewesen, der es wirklich geschafft habe. „Der Marathonläufer, erinnerst du dich?“, fragt Sonja Zöggeler ihren Mann. Ja, nickt er und lächelt. Mit den Fingern trommelt er leicht auf dem großen Küchentisch. Er müsse allmählich hinaus, sagt er vorsichtig.

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Leben mit der Natur: Mist auf den Wiesen ausbringen, Zäune flicken.

Bei abnehmendem Mond wird der Mist ausgestreut

Sebastian Zöggeler muss heute unbedingt den Mist auf den oberen Wiesen ausbringen. Heute sei der letzte Tag im abnehmenden Mond, sagt er. Angefangen habe er schon vor Tagen, dann sei man nicht fertig geworden, weil es geregnet hat. „Jetzt ist es höchste Zeit“, sagt er. Es seien ja auch noch die Zäune zu flicken. Sonja Zöggeler versteht ihn. Sie hat sich vorgenommen, heute die Weide aufzuräumen, im Gemüsegarten wachse das Gras, am Nachmittag seien die Kinder abzuholen, und um 17 Uhr wollen die Gäste reiten.

Es ist später Vormittag geworden. Die Zöggeler-Kinder sind in der Schule, die Gäste schon früh zu einem Ausflug aufgebrochen. Aus dem Stall dringen müde Muh-Laute zum Haus hinauf, sonst ist es ruhig. Sebastian Zöggeler schaut zum Küchenfenster hinaus, so, wie er es wohl oft tut. „Was tut die denn da?“, fragt er überrascht. Eine Stute und ein Fohlen erscheinen im Blickfeld. „Sie muss das Tor zu ihrer Box selber geöffnet haben“, sagt der Bauer. Es klingt amüsiert.

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Ferien auf dem Reiterhof: Seine Haflinge-Pferde beschlägt Bauer Zöggeler selber.

Zwei Tage Wien sind das Höchste

Die Stute hat gewagt, was sich Bauern in Südtirol oft versagen. Sonja und Sebastian Zöggeler schauen sich lange an, als sie nachdenken, ob Urlaub für sie je in Frage kommt. „Manchmal gehen wir einen halben Tag Skifahren“, sagt Sonja Zöggeler schließlich. Im vergangenen Jahr waren sie zwei Tage in Wien. Sie haben ihre älteste Tochter Anna besucht, die dort Veterinärmedizin studiert. Die jüngeren Kinder haben inzwischen die Tiere versorgt, ein Nachbar hat in der Früh die Milch zur Sammelstelle gefahren. Es war alles organisiert. „Wir haben nur nicht damit gerechnet, dass wir in Österreich ins Hochwasser kommen“, erzählt Sonja Zöggeler. Sie seien viel zu spät nach Hause gekommen. „Dabei haben wir den Kindern eh schon eine Höchstleistung abverlangt.“

Als Sebastian Zöggeler jetzt aufsteht, denken wir, er geht hinaus auf die Wiese. Doch er kommt zurück, mit einem abgegriffenen Foto in der Hand. Es zeigt ihn auf einer Kuh. Oder einem Stier? „Den Denim bin ich sogar geritten“, erzählt er. Bei Nimbo hat er es auch versucht. „Aber der ist kitzlig“, sagt Sebastian Zöggeler. Im Gegensatz zu Nimbo kann er warten. Bald wiegt der Stier eine Tonne. Dann wird er für die Kühe zu schwer und muss zum Metzger. Dann wird es Zeit für einen neuen Stier am Oberfahrerhof.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz

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Haflinger-Pferde hat es am Oberfahrerhof schon immer gegeben. Früher transportierten sie Lasten, heute werden sie für Feriengäste an die Zügel genommen.