Januar 2016

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Blättere mal um, Alfred!

Der Tischler Alfred Stoll hat die Bonner Hütte gerettet. Jetzt schaut er mit Blogger Johannes Klaus da oben sein Fotoalbum an.

Alfred Stoll lächelt leicht. „Zwei Jahre habe ich mit der Bürokratie gekämpft. Zwischendurch hätte ich beinahe aufgegeben, das wird nichts mehr, dachte ich. Es ist ein kleines Wunder, dass wir hier sitzen.“

Der Apfelstrudel auf der Theke dampft noch etwas, gerade ist er aus dem Ofen gekommen. Wir sitzen in der warmen, gemütlichen Stube, drei Holztische, Bänke an den Wänden, ein paar Stühle, alles aus hellem Fichtenholz gefertigt. Der Hüttenwirt hat sie alle selbst gebaut – wie eigentlich fast alles hier. „Als gelernter Schreiner konnte ich das Meiste selbst machen. Sonst wäre es nicht möglich gewesen. Aber wenn man so etwas macht, muss man sich noch in vielen anderen Bereichen einarbeiten, und immer noch habe ich ständig etwas zu reparieren oder zu verbessern.“

Alfred Stoll steht auf und zeigt auf eine uralte Fotografie, die gerahmt an der Wand hängt. 1897 wurde hier die gerade fertiggestellte Bonner Hütte abgelichtet. Der Hüttenwirt steht vor der Tür, auf der Veranda im Vordergrund ist ein Fernrohr installiert. Es hängt jetzt neben dem Foto an der Wand.

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Erstes Foto der Bonner Hütte, 1897. Das Foto wurde als Grundlage für die Panoramascheibe benutzt, die 1898 hergestellt wurde.

„Viele deutsche Alpenvereine bauten damals Hütten. Hier am Pfannhorn entschloss sich die Bonner Sektion, gemeinsam  mit der österreichischen Hochpustertal-Sektion, eine Schutzhütte zu errichten. Damals gehörte Südtirol ja zu Österreich.“

Man kann verstehen, warum sie diesen Ort wählten: Da die Hütte selbst nicht in den Dolomiten liegt – aber auf einer ähnlichen Höhe, auf 2340 Meter – hat man einen perfekten Blick auf das Gebirge.

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Postkarte mit dem Panorama der Bonner Hütte. Bis 1904 wurden die Karten auf der Vorderseite beschriftet, erst später kam Text und Adresse auf die Rückseite.

Doch dann kam der 1. Weltkrieg. Zwar lief die Dolomitenfront nicht direkt hier, aber trotzdem musste die Hütte 1914 verlassen werden. Nach dem Krieg wurde Südtirol Teil Italiens, und alle deutschen Sektionen verloren ihre Hütten – über vierzig. Die meisten wurden von italienischen Alpenvereinen übernommen, doch da die Bonner Hütte direkt an der neuen Grenze zu Österreich lag, wurde sie zu einer Kaserne der Finanzwache.

„Damals wurde sehr viel Schmuggel betrieben. Lebensmittel wie Zucker und Wein, italienische Kleidung, ja ganze Tierherden wurden über die Grenze getrieben. Es war sehr hart, die Schmuggler trugen fünfzig, sechzig Kilo an Waren in Nacht und Nebel über die Berge. In den 1960ern wurden die Finanzer aber auch zur Zielscheibe – die Separatisten wollten Südtirol von Italien loslösen. Das waren wilde Zeiten! Die Zollbeamten hatten Angst, da wurde sehr schnell geschossen“, erzählt Alfred.

Doch der Schmuggel verlagerte sich bald an andere Orte, und 1971 wurde die Hütte von der Wache verlassen. Über dreißig Jahre war sie dem Verfall preisgegeben.

Alfred Stoll zieht aus dem Bücherregal neben der Terrassentür ein Fotoalbum und schlägt die erste Seite auf.

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Glücklicherweise hatte die Hütte während der Zeit als Kaserne ein Blechdach bekommen – das alte Schindeldach hätte die lange Zeit nicht überstanden.

2004 schenkte das Land der Gemeinde Toblach die Hütte. Alfred Stoll meldete bei der Gemeinde Interesse an, die Hütte zu übernehmen und wieder als Schutzhütte zu betreiben. Damit begann ein zwei Jahre währender Spießrutenlauf zwischen den zuständigen Behörden in Bozen und Toblach. Unterstützer kamen und gingen, Konkurrenten gaben auf, und neue traten auf die Spielfläche.

„Es war ein ermüdender Weg“, sagt Alfred Stoll, „die Hütte war gar nicht mehr als Schutzhütte im Register eingetragen, nur als Ruine. Doch eine private Hütte war für mich nicht interessant. Eine Schutzhütte hat ganz bestimmte Rechte und Pflichten: Sie muss das ganze Jahr durchgehend Wanderern Schutz bieten, auch wenn sie nicht geöffnet hat. Auch dürfen hier Gäste übernachten, und ich darf eine Küche führen, ohne ausgebildeter Koch zu sein.“

Am 4. März 2006 war es soweit. Alfred Stoll bekam mit seinem Konzept den Zuschlag für den Betrieb der Bonner Hütte.
„Gleich am 5. März habe ich mit den Fenstern begonnen. Es war wichtig, bis zum Winter alle Außenarbeiten fertigzustellen. Beim Trockenlegen und vielen anderen Arbeiten haben mir Freunde und Familie geholfen, ich hätte das ohne sie nicht hinbekommen.“  Er blättert durch das Fotoalbum.

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Freunde und die Familie helfen, die Bonner Hütte wieder instand zu setzen. Alfred Stoll: „Das hätte ich ohne sie nicht hinbekommen.“

Sechzehn Monate Sanierung. Ende Oktober, bevor der Berg für Fahrzeuge nicht mehr passierbar war, wurde alles für den Innenausbau geliefert – selbstverständlich eigenhändig in der Schreinerei im Ort hergestellt. „Das hab ich im Winter montiert. Mit den Skiern bin ich morgens hoch, abends wieder runter. Minus sechs Grad hatte es, auch in der Hütte, ich hatte keine Zeit zu heizen. Aber ich hatte Glück: Die Erbauer haben hier meisterhafte Arbeit geleistet. Ganz ohne moderne Maschinen! Die Stube hier beispielsweise: Die Steine der Mauern wurden wunderschön aneinandergefügt. Die Winkel sind nahezu perfekt – selbst bei vielen Neubauten heutzutage wird nicht so genau gearbeitet."

Die alte Verputzung der Fassade, Anfang des 20. Jahrhunderts war so etwas besonders nobel, schlägt er ab, die Steinmauer gefällt ihm besser. Ende April 2007 wird der Weg wieder frei, mit dem Auto transportiert er die im Frühjahr gebauten Möbel zur Hütte.

Am 1. Juli 2007 eröffnet Alfred Stoll die Bonner Hütte, 93 Jahre nachdem sie vom Bonner Alpenverein geräumt werden musste.

„Und dann war ich plötzlich Kellner.“ Alfred Stoll lächelt, immer noch ein wenig verwundert.

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Bereit für die Eröffnung: Die Veranda mit Panoramablick wartet auf die ersten Gäste.
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Die Bar der Bonner Hütte auf 2.340 Meter Meereshöhe.

In den letzten Jahren baute Alfred Stoll immer weiter, der Weg wurde renoviert, und mittlerweile wird der Strom fast komplett durch Solarpanels erzeugt. Fünfundzwanzig Betten stehen im Obergeschoß für Gäste bereit, und in den betriebsamen Zeiten wird er von seiner Familie unterstützt.

Und kochen, das kann er jetzt auch. „Einmal die Pressknödel mit Kraut!“, sage ich. Lecker.

Text: Johannes Klaus
Fotos: Johannes Klaus und Bonner Hütte

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discover Die Bonner Hütte am Pfannhorn

Seit 1897 heißt die Bonnerhütte hungrige und schlafsuchende Wanderer willkommen. Die Hütte ist benannt nach der Sektion Bonn des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, die das Schutzhaus vor mehr als 100 Jahren gemeinsam mit der Sektion Hochpustertal gebaut hat.
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Das ist Johannes Klaus

Blogger, Grafiker, Reisender. Sein Blog Reisedepesche wurde 2011 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Seit 2013 ist Johannes Klaus Herausgeber von Reisedepeschen, seit 2015 von The Travel Episodes. Er mag Apfelschorle in 0,5 Liter-Flaschen und lebt in Berlin.