August 2015

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Es musste einfach Kaltern sein

Tim Frohwein war zu einer Münchner Hochzeit in Südtirol eingeladen. Und meinte in Babylon anzukommen. Das gefiel ihm ziemlich gut.

Ich schreibe diesen Text als Freund. Als enger Freund jenes Brautpaares, über dessen Hochzeit ich hier berichten möchte. Den Bräutigam, Andreas Groll, kenne ich seit rund 20 Jahren, was zwei Drittel meiner Lebenszeit ausmacht.

Wir besuchten dieselbe Schule, wir spielten und spielen mit- und gegeneinander Fußball, wir feierten und feiern gemeinsam. Seine Frau Jasmin Abedieh, die auch nach der Heirat noch ihren persischen Nachnamen trägt, bekam ich vor rund sieben Jahren das erste Mal zu Gesicht. Seinerzeit waren die Dinge zwischen den beiden noch nicht geklärt. Andi warb massiv um Jasmin und musste immer wieder Rückschläge hinnehmen. „Zum Glück hat er damals nicht aufgegeben“, sagt Jasmin heute.

Im August 2014 schließlich, nach fünf gemeinsamen Jahren, wurden die beiden am Starnberger See standesamtlich getraut. Im Juni 2015 folgte die offizielle Hochzeitsfeier, zu der das Paar über 100 Gäste nach Kaltern in Südtirol eingeladen hatte. Genau von dieser Feier möchte ich hier erzählen, steht sie doch in vielen ihrer Facetten für das, was das Brautpaar und mit ihm eine ganze Generation auszeichnet.

In den vergangenen Jahren durfte ich glücklicherweise zahlreichen Hochzeiten beiwohnen. Rund um das 30. Lebensjahr hat sich die Mehrheit der Paare in meinem näheren Umfeld dazu entschieden, „Ja“ zu sagen – und sie feierten diesen Einschnitt auf ganz unterschiedliche Weise: im Winter, inklusive nächtlichem Schneespaziergang, im Sommer mit einer nicht-kirchlichen Trauungszeremonie unter freiem Himmel, in der Abgeschiedenheit pazifischer Inseln und in kleinstmöglichem Kreis, inmitten einer pulsierenden Großstadt mit einer Hochzeitsgesellschaft von Kompaniestärke.

Andis und Jasmins Hochzeit wird mir aus anderen Gründen in Erinnerung bleiben.

Die beiden hatten also ihre Gäste nach Kaltern geladen, jenen Ort, an dem sie 2009 ihren ersten gemeinsamen Urlaub als Paar verbrachten und an den sie seitdem fast jedes Jahr zurückkehrten, um dort zu wandern, zu baden, die kulinarischen Vorzüge der Region zu genießen oder einfach ungestört Zeit miteinander zu verbringen.

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Das Brautpaar mit Gästen, im Hintergrund der Kalterer See.

Bei ihrem ersten Aufenthalt vor sechs Jahren wohnte Andi noch bei seinen Eltern im Münchner Osten. Er hatte gerade sein Mathematik-Studium hinter sich gebracht und eine Doktorandenstelle an der Ludwig-Maximilians-Universität München angetreten. In einer seiner Übungen lernte er Jasmin kennen, die zu dieser Zeit noch mitten im Studium steckte und sich in einer WG in Uni-Nähe eingemietet hatte. Dem ersten gemeinsamen Urlaub ging damals eine monatelange emotionale Berg- und Talfahrt voraus, über die Andi viel mit seinen engsten Freunden sprach. Jasmin, gerade eine längere Beziehung hinter sich, zögerte, wo er sich doch so sicher war. Schließlich jedoch räumte sie ihre Zweifel, eine feste Bindung käme vielleicht zu früh, beiseite und ließ ihre Gefühle für Andreas zu.

Heute sind die beiden sehr glücklich und leben in ihrer gemeinsamen Wohnung in München, er lehrt und forscht an der LMU München, sie ist nach ihrem Masterabschluss in verschiedene berufliche Projekte involviert.

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Beliebtes Ritual: In die schwülwarme Luft ließ die Hochzeitsgesellschaft Heliumballons aufsteigen, mit Grußkarten an das Brautpaar, die hoffentlich von einem Finder an die entsprechende Adresse geschickt werden.

Das Durcheinander von Farsi, Türkisch, Russisch - und Bayerisch

An insgesamt 120 Personen hatten Andi und Jasmin Einladungen ausgegeben, 114 erschienen schließlich – was viel aussagt über die Beliebtheit des Paares. Denn die meisten Gäste mussten sich mindestens einen Tag Urlaub nehmen, fand die Trauung doch an einem Freitagmittag statt. Viele reisten schon Mitte der Woche an und nahmen das Fest zum Anlass, um ein paar Tage Urlaub in der Region zu machen.

Und so kam es, dass die Hochzeitsgesellschaft nicht nur am Tag der Trauung zusammentraf, sondern in kleineren und größeren Gruppen diverse Aktivitäten miteinander unternahm. Die größte Zusammenkunft ergab sich am Vorabend des Hochzeitstages, an dem das Brautpaar auf Schloss Boymont zu einem großen Grillfest geladen hatte. An diesem Abend, an dem rund zwei Drittel der Hochzeitsgäste anwesend waren, konnte man sich zum ersten Mal ein Bild von der Zusammensetzung der Hochzeitsgesellschaft machen.

Da waren zum Leidwesen der wenigen anwesenden Singles viele Paare, mit Ausnahme der Verwandten fast alle im Alter des Brautpaares. Und da waren die Kinder dieser jungen Paare, mindestens ein Dutzend. Kinder im Baby-, Krippen- und Grundschulalter, die – und das war auffällig – von ihren Eltern oder Teilen davon in den verschiedensten Sprachen angesprochen wurden. Auf Schloss Boymont lag an diesem Abend ein Durcheinander aus Farsi, der Sprache von Jasmins persischen Eltern, Türkisch, Russisch, Italienisch, Spanisch und Bayerisch in der Luft. Ich befand mich inmitten der multilingualsten Hochzeitsgesellschaft, die ich bisher erlebt hatte.

Bei 22 der 32 anwesenden Paare im Alter von 25 bis 35, so fand ich später heraus, hatte mindestens einer der Partner einen Migrationshintergrund. Bei einigen lag die Familiengründung schon zurück, bei anderen stand sie unmittelbar bevor. Und, das habe ich in Gesprächen erfahren: Die meisten haben mit München den Ort gefunden, an dem sie ihre Kinder aufwachsen sehen wollen. Weil dort ihre Heimat ist. Für die einen – egal ob mit oder ohne familiäre Migrationsgeschichte –, weil sie selbst dort aufgewachsen sind. Für die anderen, die Zugezogenen, weil sie sich mit der bisweilen folkloristischen bayerischen Landeshauptsstadt identifizieren können, dort ein neues Zuhause gefunden haben. 

Warum stelle ich diesen Aspekt hier so in den Vordergrund?

Nun ja, weil in den Großstädten Europas eine Generation junger, gebildeter Menschen heranwächst, für die es – auch und vor allem dank der rätselhaften Pfade der Liebe – ganz selbstverständlich ist, dass sich in ihrem näheren und weiteren sozialen Umfeld Personen anderer kultureller und nationaler Herkunft befinden. Menschen, für die der Begriff „Heimat“ aber dennoch keine leere Hülle ist; die, wie in unserem Fall, in Lederhosen und Tracht auf Feste und Hochzeiten gehen, um ihre Verbundenheit mit der bayerischen Heimatregion zur Schau zu stellen.

Für die Generation der Eltern und Großeltern muss dies an jenem Abend auf Schloss Boymont eine seltsame Erkenntnis gewesen sein.

Am nächsten Tag, dem Tag der Trauung...

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Persisches Hochzeitsritual unter Südtiroler Weinreben: Das Brautpaar vor der „Tafel der Ehe“.

Am nächsten Tag, dem Tag der Trauung, wurde die multikulturelle Geschichte dieser Hochzeit weitergesponnen. Die Zeremonie – sie fand bei schwülwarmen Temperaturen unter Schatten spendenden Weinreben nahe des Kalterer Sees statt – verband Elemente der persischen und der bayerischen Kultur: Jasmins Schwester Sahar hatte nach persischem Hochzeitsbrauch die „Tafel der Ehe“ gedeckt. Dort fanden sich Gegenstände, die symbolisch für die Ereignisse und Phasen des Ehelebens stehen, wie zum Beispiel Nüsse und Eier, die dem Bräutigam Fruchtbarkeit und dem Paar viele Kinder bescheren sollen.

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Von Andreas' Großmutter empfing das Brautpaar am Ende der Zeremonie den christlichen Segen.

Nach der Erläuterung der Symbole und der Durchführung der Vermählung las Sahar aus dem Diwan des Hafis vor, jenem berühmten persischen Gedichtband, der nach den Ausführungen der Trauzeugin im Bücherregal eines jeden iranischen Haushalts steht. Und „weil Liebe tausend Sprachen spricht“ rezitierte sie zum Abschluss auch noch Goethe mit einem Gedicht aus dessen West-östlichem Divan, zu dem er sich einst von Hafis inspirieren ließ.

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Jasmin herzt ihre Schwester Sahar nach der Trauung.

Den letzten Akt der Trauung überließ das Hochzeitspaar Andis Großmutter: Sie durfte den beiden – ganz im Sinne bayerisch-katholischer Tradition – den christlichen Segen erteilen. Ein Bild, das viele der Anwesenden zu Tränen rührte.

Auf der Terrasse des Seehofkellers

Wir gingen zum informellen Teil der Hochzeitsfeierlichkeiten über – auf der Terrasse des Seehofkellers, die einen traumhaften Blick auf den in der Talsohle liegenden Kalterer See bereit hält, wurde bis tief in die Nacht gegessen, getrunken und gelacht, zu persischer wie zu deutscher und bayerischer Musik ausgelassen getanzt.

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Ein Highlight des Tages: der Brauttanz.

„Du hast mich zu einem offeneren Menschen gemacht, mir die kulinarischen Freuden des Lebens näher gebracht, meinen Horizont erweitert!“, hat sich Andreas in seiner Hochzeitsansprache gegenüber seiner Frau dankbar gezeigt. Besser hätte man die Wirkung dieser Liebe nicht in Worte fassen können.

Und was auf Außenstehende zunächst als unfallartiger Zusammenprall unvereinbarer Kulturen wirkte – ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch an die nach Jasmins Einzug plötzlich völlig umgestaltete Wohnung: elganter deutscher Minimalismus traf mit Wucht auf persische Verspieltheit –, erscheint heute in Harmonie vereint. Es ist verschmolzen, was anfangs noch nicht zusammengehört hatte – und dennoch haben beide ihre Eigenheiten bewahrt.

Deshalb ist Südtirol der richtige Ort für diese Hochzeit

Und genau deshalb ist Südtirol der richtige Ort für diese Hochzeit gewesen. Auch dort kamen unterschiedliche Kulturen – wenn auch nicht aus Liebe – miteinander in Berührung. Beide Seiten haben über die Zeit ihre Identität behalten und sind doch aufeinander zugegangen. Ein Nebeneinander, das von Außenstehenden heute als Miteinander empfunden wird. Und vielleicht auch von den Beteiligten selbst.

Text: Tim Frohwein
Fotos: Benjamin Cepiga

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War mit dem Bräutigam in der Schule und konnte bei der Hochzeit nicht fehlen: Autor Tim Frohwein hat die persisch-bayerische Hochzeit für uns festgehalten.

Der Autor

Tim Frohwein lehrt an der Media School der Hochschule Fresenius München und betreut dort den Wissenschaftsblog adhibeo. Nebenbei ist er als Autor und Journalist für verschiedene Print- und Online-Magazine tätig.