Ist das noch ein Joint?

Hanf. Ist der nicht verboten? Schon. Und nicht. Alexander und Christoph sind süchtig danach. Aber ganz anders als Sie denken.

  • November 2015

  • Lesedauer: 6'

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Ist das noch ein Joint?

Hanf. Ist der nicht verboten? Schon. Und nicht. Alexander und Christoph sind süchtig danach. Aber ganz anders als Sie denken.

Das erste Mal habe ich von ihnen auf Facebook erfahren. Freunde von Freunden haben ein Foto gepostet: Alex und Christoph in einem Hanffeld, im Hintergrund Pustertaler Berge. Zu sehen, dass in Südtirol Hanf angebaut wird, hat mich verblüfft. Das Land der Äpfel, Kühe und des Weins – nie hätte ich gedacht, dass für Hanf Platz sein könnte. Dabei ist diese Pflanze wertvoll: sie braucht weder Herbizide noch Düngemittel noch Pestizide. Wo sie hingesetzt wird, reinigt und belebt sie den Boden. Cannabis taugt fürs Bauwesen wie als Lebensmittel, als Textilie wie zur Körperpflege. Alexander Erlacher und Christoph Kirchler bauen wieder Hanf an in Südtirol. So wie früher. Und legal…

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Wenn ihr jetzt an Marihuana denkt, habt ihr eine andere Cannabis-Art im Kopf, eine mit einem hohen Gehalt an berauschendem Tetrahydrocannabinol (THC). Der Hanf von Alex und Christoph ist ein Nutzhanf mit einem THC-Gehalt, der unter 0,2 Prozent liegt, und er wird seit einigen Jahrzehnten wieder zaghaft in Europa kultiviert. Derzeit genügt es, den Anbau bei der Polizei anzumelden, und schon kann man Hanfsamen aussäen.

Das Verbot: So wurde der Hanf aus dem Verkehr gezogen

Bis in die 1930er Jahre war Italien der zweitgrößte Cannabisproduzent der Welt und der größte Hanfgarn-Hersteller. Wie in Südtirol wurde Hanf in Italien vor allem wegen seiner starken Faser angebaut. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Anbau fast weltweit verboten, die Felder verschwanden: Hanf wurde offiziell als Droge eingestuft; unter der Hand jedoch wird gemunkelt, dass Hanf dem massiven Druck der Baumwollproduzenten und der Hersteller synthetischer Fasern geopfert wurde. Bald könnte sich die Lage ändern: In Italien wurde im November 2015 ein Gesetzentwurf zur Legalisierung von Nutzhanf angenommen.

Hype oder High?

Nutzhanf und Rauschhanf sehen gleich aus und riechen identisch. Aber: Als Nutzhanf werden alle Hanfsorten bezeichnet, die für die kommerzielle Nutzung abseits der Verwendung als Rausch- oder Arzneimittel angebaut werden. Die Pflanzen unterscheiden sich vor allem im Gehalt der berauschenden Substanz THC. Im Nutzhanf ist davon weniger als 0,2 Prozent enthalten.
Der Nutzhanf (Cannabis sativa) ist eine einjährige Pflanze, die je nach Sorte und Standort zwei bis sieben Meter hoch werden kann. Sie wird im Mai ausgesät, 90 bis 120 Tage später kann bereits geerntet werden: erst die Blätter, dann die Blüten, später die Samen und zuletzt die Stängel.

Der Neuanfang: ein Hanffeld auf Facebook

2013. Das war das Jahr, in dem Alexander Erlacher und Christoph Kirchler ihr erstes Hanffeld in Percha, Pustertal, anlegten. Es ist genau das Feld, das ich auf Facebook sah. Als ich die beiden kennenlernte, haben sie mich mit ihrem Enthusiasmus und Erzählungen überschüttet. Zwei Träumer, die felsenfest an den Wert der Rückkehr des Cannabis nach Südtirol und an den Aufbau einer lokalen Wertschöpfungskette glauben. Deshalb haben sie am 22. Dezember 2012, einen Tag nach dem im Maya-Kalender prophezeiten Weltuntergang, ihre Firma Ecopassion gegründet. „Als die ersten Pflänzchen sprießten“, sagt Christoph, „haben uns ein paar Ältere angesprochen, die noch wissen, wie Hanf aussieht. Sie haben seit 50 Jahren keinen Hanf mehr gesehen, und jetzt haben sie sich erinnert, wie sie früher daraus Kleider und Seile gemacht haben.“

Die Wunderpflanze

● stärkste Naturfaser, die es gibt. Früher wurden Seile, Segel und Stoffe aus Hanf hergestellt. ● antibakteriell und krampflösend: Hanf gilt u.a. als Heilmittel bei Hautinfektionen, chronischen Entzündungen und Asthma. ● feuchtigkeitsregulierend und schädlingsresistent: Hanf ist als Dämmstoff im Bauwesen geeignet. ● extrem schnell wachsend: Cannabis-Pflanzen gedeihen in fast jeder Erde gut. ● Tiefwurzler: Hanf lockert den Boden, zieht Mineralstoffe aus tiefer Erdschicht und ist so die ideale Wechselfrucht.

Die Offenbarung: Ein Ziegelstein aus Kalk und Hanf

Zum Hanf kam Alexander über einen Ziegelstein. „Ich habe im Baugewerbe gearbeitet“, sagt er, „aber ich konnte mich schon seit längerem nicht mehr mit den Baumaterialien identifizieren, die normalerweise verwendet werden.“ Alexander gab seine Arbeit auf und half fortan seiner Familie im Hotel in St. Vigil im Gadertal.

In seiner Freizeit machte er sich auf die Suche nach Produkten, die Mensch und Natur gut tun. „Dieser Ziegelstein hat mir die Leidenschaft für das Bauwesen zurückgegeben: er enthielt zwei wesentliche Elemente der Südtiroler Bautradition, Kalk und Hanf. Und er zeigte außergewöhnliche Eigenschaften als Baustoff.“ Mit dem Ziegelstein unter dem Arm kreuzte Alexander bei Christoph auf, der damals als Vertreter von Baustoffen arbeitete. Es sei eine Offenbarung für ihn gewesen, sagt Christoph heute. „Plötzlich sah ich im Hanf eine Chance für mich, aus einem System auszubrechen, das nur auf Profit aus war.“ Zusammen stürzten sie sich ins Pioniergeschäft mit dem Hanf.

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Das Experiment: Alles am Cannabis ist verwertbar!

In wenigen Jahren nahmen Alexander und Christoph die Hanfpflanze vollständig auseinander. Am Anfang experimentierten sie nur mit den holzigen Teilen des Stängels für das Baugeschäft, bauten „Iglus“, die immer wieder auf Facebook auftauchten.

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Sie nannten die Iglus „Climadome“ und nutzten sie als Sauna oder Wohnmodul, kleine Häuschen aus lokalem Holz, Kalk und französischem Hanf; sie sind „fast klimaneutral“, sagen die Männer, weil es in Südtirol noch keine Anlage gibt, die die Hanffasern vom Holz trennen kann. „Die Iglus schaffen ein sehr angenehmes Raumklima“, sagt Alexander, „Hanf und Kalk sind atmungsaktive Stoffe, sie regulieren die Feuchtigkeit und isolieren gut gegen Hitze, Kälte und Geräusche. Sie werden nicht von Tieren angeknabbert und sind Baumaterial, das CO2-negativ ist, da es mehr Kohlendioxid absorbiert als bei seiner Herstellung ausgestoßen wird.“

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Die Sucht: Ravioli, Klamotten, Papier, Schuhe...

Auch wenn Nutzhanf nicht süchtig macht, waren Christoph und Alexander es bald dennoch. Auf ihre Weise. Mit lokalen Schneiderinnen entwarfen die neuen Hanfzüchter einige Kleidungs-Prototypen. Mit Stoffen aus Rumänien. „Das ist das einzige Land in vernünftiger Entfernung, wo Textilien aus Hanf für den Verkauf hergestellt werden“, sagt Alexander. „In Südtirol gibt es noch alte Geräte zur Faserverarbeitung, aber sie wurden nur für den Eigengebrauch gebaut, für die industrielle Produktion sind sie ungeeignet.“

Und weiter flattert der Pioniergeist. Einige Handwerker fanden Gefallen daran, Hanfpapier herzustellen und eine Brillenfassung aus Hanfpapier und Olivenbaumholz. Aus den Samen ließen Christoph und Alexander Öl pressen, das reich an Mineralien ist und in einem ausgewogenen Verhältnis essentielle Omega 3- und Omega 6-Fettsäuren enthält. Aus dem „Abfall“ filterten sie Mehl und regten verschiedene Lebensmittelhersteller in Südtirol an, daraus Backwaren, Pasta und Ravioli zu machen.

„Blühende Hanfpflanzen erkennt man sofort am Geruch, der sehr stark ist. Sie riechen nach Marihuana." Elisa Nicoli, Filmemacherin und Autorin

Christoph selber ist von der Destillation begeistert: er tüftelt an einem Öl für Kosmetik und Aromatherapie. „Aus den getrockneten Blüten und Blättern könnte man auch noch Arzneimittelbestandteile herausfiltern.“ Zum Beispiel das Cannabidiol (CBD), ein Cannabinoid, das entkrampfend und entzündungshemmend wirkt und gerade in verschiedenen Studien auf den Einsatz bei Krankheiten wie Epilepsie und Krebs erforscht wird.

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Der Rausch: Auch dieser Hanf bringt Menschen zusammen

Viel Rauch haben Alexander und Christoph mit ihren Hanfexperimenten schon aufgewirbelt. „Allmählich verstehen die Leute den Wert dieser Pflanze.“ Das ist wichtig. Die Hanfpioniere wollen eine „Community“ aufbauen. „Wir suchen Menschen, die gemeinsam mit uns eine ganze Wertschöpfungskette vom Anbau über die Produktion bis zum Verkauf bilden wollen. Daran arbeiten wir seit Jahren. Es soll ein Modell werden, das überall funktionieren kann, das die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen befördert, und dabei in Harmonie mit der Natur und deren Gesetzen steht. Wir wollen eine Werteallianz schaffen, die für das Gemeinwohl steht, nicht dem Profit einzelner dient.“

Text, Fotos und Video: Elisa Nicoli
Übersetzung: Gabriele Crepaz

Auch in Wien und Berlin wird der Hanf rehabilitiert

In Wien wurde im September 2015 die erste österreichische "Hanfbotschaft" eröffnet: Gezeigt wird in der Hemp Embassy Vienna eine Ausstellung blühender Hanfpflanzen; dazu gibt es Infos über Nutzen und Wirkung von Cannabis.
Keine Geheimnisse um die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Hanf macht das Hanfmuseum in Berlin.