Feuer und Flamme

Einmal in der Woche ist das kleine Dorf Afers im Ausnahmezustand. Dann probt die Feuerwehr für den Ernstfall. Und für Gottes Lohn.

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 8'

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Feuer und Flamme

Einmal in der Woche ist das kleine Dorf Afers im Ausnahmezustand. Dann probt die Feuerwehr für den Ernstfall. Und für Gottes Lohn.

Wer am Berg lebt, braucht gute Nachbarn. In Südtirol sind 23.000 Menschen Mitglied in einem Rettungsverein. 13.000 gehören der Freiwilligen Feuerwehr an. So sind im Bergdorf Afers im Eisacktal 35 Männer Tag und Nacht einsatzbereit. Manche schon ein Leben lang.

Die Fenster bleiben geschlossen. Niemand rennt auf die Straße. Draußen arbeiten die Männer leise und konzentriert. Knappe Kommandos ertönen, Motoren heulen auf, aus Funkgeräten näseln Stimmen. Ein Scheinwerfer fährt unterhalb der steil gelegenen Kirche aus dem Dach eines Feuerwehrautos, im Nu ist der Ort taghell, und es zeigt sich, am Hang steht ein Gefährt Kopf. „Traktorunfall unterhalb des Messnerhofs mit eingeklemmter Person“, sagt Vizekommandant Josef Frener. Noch immer keine Schaulustigen. Irgendwo probt die Musikkapelle. Als wäre alles in Ordnung in Afers, dem 650-Menschen-Dorf oberhalb von Brixen, einem jener Orte, an denen man glaubt, die Welt sei zu Ende.

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Es ist alles in Ordnung, wenn die Feuerwehr Afers pünktlich um 20 Uhr ausrückt. „Männer, antreten!“, ruft Einsatzleiter Gottfried Frener mit klarer Stimme. „Melde 23 Mann heute zur Übung angetreten!“, sagt er zum Vizekommandanten, seinem Bruder. Vor der Feuerwehrhalle setzen die Männer ihre Helme auf, zurren die schweren Monturen fest und machen sich auf zum Messnerhof. Der Unfallort ist hinter der nächsten Kurve.

Jeder weiß, was er zu tun hat. Mit Greifzügen wird das Fahrzeug im steilen Hang gesichert. Anstatt es zu verschrotten, hat ein Bauer es der Feuerwehr für Übungen zur Verfügung gestellt. Hebekissen werden in Position gebracht. Immer wieder kehren einzelne Männer auf die Straße zurück, um Lampen, Seile und weiteres Gerät zu holen. Sie bewegen sich ruhig. Ernst. Auch wenn nur geübt wird, ist das hier kein Spiel. Einer hat das Kommando. Heute ist es Gottfried Frener. „Es ist wichtig, dass nicht alle durcheinanderlaufen“, erklärt Josef Frener. „Gerade bei den Übungen arbeiten wir langsam. Da soll ja Wissen weitergegeben werden.“ Ein Unfall wie der hier vorgetäuschte kommt am Berg häufig vor. Immer wieder probiert ein Bauer, ob er sein steiles Feld nicht doch maschinell bearbeiten kann. „Gleichzeitig wissen wir alle, dass im echten Leben der Traktor nie so liegen wird wie bei der Übung“, sagt Josef Frener.

13.000 Männer und Frauen sind bei der Freiwilligen Feuerwehr

Alle sind freiwillig hier. Auch wenn es zum richtigen Einsatz kommt, kriegen sie keinen Cent. Sobald der Alarm piepst, müssen sie ihren Arbeitsplatz verlassen. So ist das Rettungswesen in Südtirol organisiert. Und viele Arbeitgeber lassen sich darauf ein, wenn sie die fast 13.000 Männer und Frauen einstellen, die in 306 Freiwilligen Feuerwehren aktiv sind. Das macht bei 116 Gemeinden knapp 3 Feuerwehren pro Gemeinde. Einzig die Landeshauptstadt Bozen verfügt über eine Berufsfeuerwehr. Jedes Jahr erhebt das Landesinstitut für Statistik ASTAT die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden der Feuerwehrleute: 580.000 Stunden waren es 2012. Dafür müsste das Land Südtirol 280 Vollzeitangestellte in Lohn und Brot nehmen. So hingegen stattet es die Feuerwehren mit neuen Hallen, Fahrzeugen, Geräten und Ausbildungsangeboten großzügig aus und setzt auf die Hilfsbereitschaft seiner Bürger. Flächendeckend. Bisher funktioniert es. „Wir sind im Dorf sehr geschätzt“, sagt Josef Frener. „Die Aferer sind spendabel, wenn wir etwas brauchen.“

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Freiwillig. Obwohl. Gottfried Frener ist ehrlich, wenn er sagt: „Nur der Eintritt und der Austritt sind freiwillig. Der Rest ist Pflicht.“ Seit 40 Jahren ist Frener bei der Freiwilligen Feuerwehr Afers, bei seinem Bruder Josef werden es heuer 34 Jahre, 20 davon ist er Vizekommandant. Der eine war 18, der andere 16, als sie angefangen haben. So lange hält kaum mehr eine Ehe. Viele wechseln in dieser Zeit mehrmals den Beruf. Eine Weile machte auch Josef Freners Tochter bei der Freiwilligen Feuerwehr Afers mit. Sie war bislang die einzige Frau. Jetzt kümmert sie sich um ihr Kind. „Sie hat sich tapfer geschlagen“, sagt ihr Vater anerkennend, „die Männer haben sie geschätzt.“ Rundum nicken die anderen: „War nicht einfach, als Frau allein“. Sie hat alles mitgemacht, in einer nach wie vor stark männlich geprägten Realität. Eine neue Frau ist in Afers nicht in Sicht.

Tür auf, Wasser rein, Schlauch raus, Tür zu. Warten.

Die Männer haben den Verletzten unterhalb des Messnerhofs inzwischen geborgen. Zu viert tragen sie die Puppe vorsichtig auf die Straße, wo jetzt eigentlich der Rettungswagen warten müsste. „Die Männer wissen, dass sie verletzte Personen erst befreien dürfen, wenn der Notarzt eingetroffen ist“, erklärt Josef Frener. Er ist zufrieden. Seine Männer räumen inzwischen auf. Scheinwerfer, Seile, Kissen, Karabiner. Alles wird im Wagen verstaut, in Fächern und an Halterungen, die genau beschriftet sind. Normalerweise haben sich die Männer jetzt ein Bier verdient. Doch an diesem Abend drängt ein weiterer Einsatz. Brand mit vermisster Person in der Garage des Sportvereins am Kirchplatz.

Die Löschleitung ist schon aufgebaut. Drei Feuerwehrleute mit Gasmasken vor dem Gesicht lauern vor dem Eingang. Einer hält den Wasserschlauch. Dann geht es blitzschnell. Tür auf, Wasser rein, Schlauch raus. Tür zu. Warten. Drei Mal wiederholen die Männer den Vorgang. Josef Frener erklärt: „Wenn da plötzlich viel  Sauerstoff in den Raum kommt, fliegt das Ganze in die Luft. So kühlen die Männer die Rauchgase.“ Sie tasten die Tür auf Wärme ab, dann sind sie im Rauch verschwunden. Draußen überprüft ein Kollege die Sauerstoffmenge in den Gasmasken. Man muss sich aufeinander verlassen können.

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Die meisten Männer der FF Afers arbeiten nicht im Dorf

In den entlegenen Berggegenden Südtirols sind die Menschen seit jeher aufeinander angewiesen. Auch in Afers kennt man dieses Gefühl noch gut. Die FF Afers wurde erst 1956 gegründet, heute ist sie 35 Mann stark. Vorher haben die Bauern sich ohne Organisation zur Seite gestanden, wenn es nötig war. Und wenn heute die Feuerwehrleute gerufen werden, wissen sie genau, dass einer ihrer Nachbarn gerade Hilfe braucht. Das schweißt zusammen.

Trotzdem ist heute alles komplizierter. Die meisten Männer der FF Afers arbeiten nicht im Dorf. Bei einem Notruf müssen jene herbeieilen, deren Arbeitsstelle am nächsten liegt. Oder es wird die Nachbar-Feuerwehr in St. Andrä auf Halbweg zwischen Brixen und Afers alarmiert. Oft sind es nicht mehr als zwei oder drei, die gleich zur Stelle sein können. Die anderen fahren 20 Minuten lang von Brixen auf steilen Kurven durch den Wald ins Dorf zurück. Umso wichtiger ist, dass alle Feuerwehrleute in Afers gleich gut ausgebildet sind. „Bei uns kann jeder Einsatzleiter sein, und fast jeder kann den großen Löschwagen fahren“, sagt Josef Frener. Obwohl dieser über eine Haarnadelkurve aus der Halle manövriert werden muss.

Eine Frage der Ehre

Wehrmänner

35

Einsätze

26

Übungen

22

Geleistete Arbeitsstunden

1.020

Die Jungen sind heiß

Das ist auch der Anreiz für die Jungen. Wenn sie mit 17 der Feuerwehr beitreten, tun sie das nicht aus Nächstenliebe. „Sie sind heiß“, sagt Gottfried Frener. Die Jungen kommen, weil ihre Freunde da sind, sie wollen mit dem Feuerwehrauto fahren, finden die Geräte spannend, spitzen darauf, den Führerschein für Lastwagen machen zu dürfen oder in der Wettkampfgruppe mitzumachen. Gottfried Frener schaut Aaron Winkler an. Nicht fragend. Und Aaron grinst. Er ist der Jüngste hier, seit einem Jahr dabei, Sohn des Kommandanten, und mit der Feuerwehr aufgewachsen: „Ich habe ja schon alle gekannt, als ich kam."

„Die große Motivation, Menschen zu helfen, kommt erst später“, erklärt Josef Frener. Wenn die Burschen verstehen, dass sie mit ihrem Wissen Leben retten können. Am Ende bleiben sie deshalb dabei. Manche ein Leben lang. „Wenn das ein bezahlter Job wäre, ginge dieser Gedanke verloren“, ist sich Josef Frener sicher.

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Beim Einsatz steigt das Adrenalin

Das technische Wissen lernen die Südtiroler Wehrleute in der Landesfeuerwehrschule in Vilpian bei Meran. Josef Frener allein hat schon 28 Mal die Schulbank in Vilpian gedrückt. Bruder Gottfried sagt: „Je höher das technische Niveau, desto größer ist der Zusammenhalt innerhalb der Truppe.“ Das hilft im Notfall. „Beim Einsatz ist das Adrenalin hoch“, erklärt Josef Frener, „da muss jeder Teil der Kette sein.“

Aus der Garage des Sportvereins haben die Feuerwehrleute gerade einen Verletzten geborgen. Diesmal ist es ein echter Mensch. Ein Feuerwehrkollege, dem sie ein paar Rußspuren ins Gesicht gemalt haben. Der Brand ist gelöscht, die Garage bald wieder nebelfrei. Über der Bergkette der Aferer Geisler steht der Mond. Über viele Stiegen geht es vom Kirchplatz zurück zur Feuerwehrhalle. Afers ist ein abschüssiges Dorf. Aus dem Probelokal der Musikkapelle dringen noch Töne. Für die Feuerwehrleute ist Feierabend. Es gibt Bier.

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Diese Männer packen zu

Es sind handfeste Männer, die jetzt ohne Uniform und Helm beisammen stehen. Praktiker, die zupacken können. Josef Frener arbeitet in der Schatzerhütte weiter drinnen im Tal, Gottfried Frener bei der nahen Seilbahn. Andere sind Gabelstaplerfahrer in der Fabrik oder bei der städtischen Müllabfuhr in Brixen angestellt. Aaron Winkler ist Kfz-Mechaniker. „Wir sind am Berg aufgewachsen. Wir wissen uns zu helfen.“

Im ersten Halbjahr 2014 haben die Männer der FF Afers 37 Einsätze absolviert. Normalerweise sind es 20 bis 30 im Jahr. Heuer wurden viele Dächer im Dorf vom Schnee befreit. Eine Katze mussten die Männer hingegen noch nie retten. Diese Geschichte, die in allen Büchern steht, halten die Aferer für einen Witz. Eine Stadtanekdote. Gottfried Frener schüttelt den Kopf: „Wenn man weg geht, kommt die Katze von selber wieder herunter.“ Alle nicken.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz