August 2016

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Etappe 7

12. August.
Sagen, Legenden und Mythen dienen als Erklärungen für Geschehnisse, die sich rational nicht erklären lassen. Gleichzeitig geben sie Erfahrungen, Lebensweisheiten und Traditionen an kommende Generationen weiter. Die Mystik der Alpenwelt mit ihren lebensfeindlichen Gletschern, menschenarmen Regionen und beeindruckenden Naturphänomenen scheint die Phantasie der Menschen in vergangenen Jahrhunderten besonders angeregt zu haben.

Die Mythologie ist aber auch die erstgeborene Schwester der Geschichtskunde. Und die „richtige“ Auslegung historischer Ereignisse war vor allem den deutschen Nationalsozialisten wichtig, um ihre völkische Ideologie zu unterfüttern. Nachdem Hitler und Mussolini sich darauf verständigt hatten, mit der „Option Südtirol“ die deutschstämmige Bevölkerung Südtirols ins Deutsche Reich umzusiedeln, wurde der Volkskundler und SS-Mann Willi Mai während des 2. Weltkriegs beauftragt, das kulturelle „Volksgut“ in Südtirol zu sichern. Im Auftrag der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.“ der SS zog Mai durch das Land, um Sagen, Schwänke und Legenden von lokalen Erzählern und Erzählerinnen aufzuzeichnen. Entstanden ist eine umfangreiche Sammlung an Erzählungen und Überlieferungen, die dem geneigten Leser heute in zwei Bänden vorliegt.

Immer wieder taucht in diesen Überlieferungen das „Nörgele“ auf. Dabei handelt es sich um eine zwergenhafte Erscheinung, von zwielichtiger Gestalt. In einigen Erzählungen helfen diese Sagenwesen, den lokalen Bauern, etwa beim Getreidemahlen. In anderen Überlieferungen treiben sie aber auch ihren Schabernack mit den Menschen, wenn etwa Werkzeuge plötzlich verschwinden oder die Milch schlagartig sauer wird. Allen Geschichten gemein ist, dass das Nörgele ein eher scheuer Zeitgenosse ist, der sich nur selten blicken lässt. Somit bleibt ihnen viel Zeit im Verborgenen, und warum sollten sie diese nicht nutzen, um in den Bergen steinerne Mandln aufzuschichten?

Auch wenn die These vom steinernen Mandl-bauenden Nörgele reine Spekulation ist, eines ist sicher: Ein wenig Mystik verzaubert unseren meist allzu rationalen Alltag. Darüber hinaus ist es doch viel befriedigender, den Ärger über einen unauffindbaren Wandersocken an einem Nörgele auszulassen oder den anhaltenden Dauerregen einer Wetterhexe in die Schuhe zu schieben, als ein unpersönliches Tiefdruckgebiet dafür verantwortlich zu machen. 

Text: Andreas Münzinger