August 2016

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Etappe 6

Hochfügen – Mayrhofen: Von Wegelagerern, Stahlrössern und dem Sueskanal

11.August.
„Und das soll ein Transitland sein?“ Meine Stimme zittert ein wenig – teils vor gespielter Empörung, teils von der Anstrengung, die mich der letzte Anstieg gekostet hat. Ich stütze mich entkräftet auf meine Wanderstöcke, der Schweiß rinnt über Stirn und Augenbrauen, sammelt sich an der beschlagenen Sonnenbrille und tropft über den Nasenrücken auf den Boden. Die sechste Etappe unserer Alpenüberquerung ist angebrochen: 900 Meter rauf, 400 Meter runter, verteilt auf pittoresque elf Kilometer.

Alles andere als malerisch präsentiert sich jedoch unser Startpunkt, das Wintersportzentrum Hochfügen im Zillertal. Diese kleine Ansammlung von Hotels und Après Ski Bars versprüht jetzt im Sommer den Charme eines in die Jahre gekommenen Gewerbegebiets. Endlose Reihen leerer Parkplätze, stillgelegte Lifte und betonierte Garagen für Pistenraupen und Schneekanonen runden das Bild ab.

Ganz anders sieht es wenige Gehminuten später aus. Unser Weg führt den Finsingbach folgend in ein schmales Tal hinein. Wir passieren dabei eines der größten Almdörfer Europas, überqueren heldenhaft einen über die Ufer getretenen Bergbach und steigen über Wiesen und Weiden immer weiter in den Nebel hinauf. In den dichten Wolken haben wir zwischenzeitlich kaum mehr als 20 Meter Sicht, die Welt auf dem Sidanjoch scheint in dicke Watte gepackt. Kurz vor der Rastkoglhütte auf 2200 Meter stoßen wir auf den ersten Schnee der Saison. Sommer ist, was du draus machst!

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Die Nebelfelder ziehen oben auf dem Grat schneller vorbei. Tim wirft einen Blick auf die umliegende Bergwelt. Felsen, Gipfel, Gletscher soweit das Auge reicht!

Und das soll ein Tansitland sein? Angesichts des Ausblicks auf die zerklüftete Landschaft, kommen Zweifel in uns auf. Und doch: Tirol ist seit eh und je eines der wichtigsten Transitländer für den Austausch von Waren, Dienstleistungen und Menschen zwischen Nord- und Südeuropa. Mehrere Routen mit wichtigen Alpenpässen führen seit Jahrhunderten durch die Region. Bereits die Römer trassierten ihrer Zeit eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen durch das unwegsame Gebiete: die Via Claudia. Dass diese Straße bis ins Mittelalter genutzt wurde, zeigt ein Reisebericht des Dichters Venantius Fortunatus aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. Er ist zudem der erste, der das Volk der Bajuwaren namentlich erwähnt – wenn die Beschreibung auch etwas unrühmlich ausfällt: „Wenn Dir der Baiuware am Lech nicht den Weg versperrt […]“, dann gelangt man auf der via Claudia auch im frühen Mittelalter noch in den Süden.

Komfortabler wurde die Reise über die Alpen erst mit dem Bau der Eisenbahnstrecken im 19. Jahrhundert. 1858 wurde die Strecke von Kufstein bis Innsbruck in Betrieb genommen, ein Jahr danach die Trasse von Ala bis Bozen. Knapp zehn Jahre später konnten die beiden Teilstücke über den Brenner miteinander verbunden werden. Für die damalige Zeit eine Meisterleistung des Ingenieurwesens. Hatte der Pferdepostwagen bis zu diesem Zeitpunkt noch knapp 15 Stunden für die Strecke zwischen Innsbruck und Bozen benötigt, so halbierte sich dadurch die Reisezeit. Bis zur Jahrhundertwende konnte diese Zeit nochmals auf 3 Stunden 25 Minuten verkürzt werden.

Die nächste Revolution im Transportwesen brachte um die Jahrhundertwende das Automobil mit sich. Zu den ersten Touristenstraßen zählt dabei die Dolomitenstraße, die 1909 fertiggestellt wurde und mit ihren 109 Kilometern Bozen mit Cortina d’Ampezzo verbindet. Hohen Bekanntheitsgrad bei Italienreisenden hat bis heute die Brennerautobahn, die 1971 als eine der ersten Gebirgsautobahnen der Welt freigegeben wurde und Innsbruck mit Modena verbindet.

Es ist beeindruckend, welche Anstrengungen die Menschen trotz der widrigen geographischen Umstände unternahmen, um die Verbindung zwischen Nord- und Südseite der Alpen auszubauen. Vielleicht waren es aber auch gerade diese Herausforderungen, die Menschen zu technischen Höchstleistungen und kreativen Ideen angetrieben haben. So lässt es sich erklären, warum es gerade ein Österreicher aus Primör war, Alois Negrelli Ritter von Moldelbe, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Pläne für den Suezkanal mitentwickelte und damit entscheidend zum Bau der Schifffahrtspassage zwischen Mittelmeer und Rotem Meer beigetragen hat. Verbindungen zu schaffen, scheint in der DNA der Bergbewohner zu liegen.

In Europa zählt der Weg durch die Alpen bis heute zu einer der wichtigsten Verkehrsadern. Gleichzeitig stellt das Bergmassiv Ingenieure und Architekten auch weiterhin vor große Herausforderungen. Das zeigen nicht zu Letzt die großen Anstrengungen, die der Bau des Brenner-Basistunnels zwischen Innsbruck und Franzensfeste mit sich bringt. Wenn dieses Bauwerk bis 2025 fertiggestellt wird, handelt es sich mit 63 Kilometern um die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt.

Der technische Fortschritt – von Pferden, über Stahlrösser bis zur Benzinkutsche – hat seinen Teil dazu beigetragen, die Mobilität im Alpenraum schneller, sicherer und bequemer zu machen. Allerdings sind auch die von Fortunatus beschriebenen Wegelagerer in der Moderne angekommen: Sie stehen heute in Form von Mauthäuschen an den Straßen. „Wenigstens ein Problem weniger für uns Fußgänger“, denke ich, als wir zum Abstieg vom Sidanjoch nach Mayrhofen aufbrechen.

Text: Andreas Münzinger