Etappe 5

Maurach - Rattenberg - Hochfügen: Rattenberg – klein(st)er Ort mit großer Geschichte

  • August 2016

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Etappe 5

Maurach - Rattenberg - Hochfügen: Rattenberg – klein(st)er Ort mit großer Geschichte

10. August.
Bevor wir von Fügen aus mit der Seilbahn auf das Spieljoch hinauffahren, wo unsere ca. vierstündige Tagesetappe beginnen wird, machen wir per Bus und Bahn einen kurzen Abstecher nach Rattenberg am Inn. Der Ort liegt rund 20 Kilometer von unserem Übernachtungsort Maurach entfernt und kann in vielerlei Hinsicht mit Besonderem aufwarten. Zunächst mit seinem Stadtbild, das von romantischen Gässchen und vererkerten Häusern geprägt ist. Zudem ist Rattenberg mit nur 414 Einwohnern ganz offiziell die kleinste Stadtgemeinde Österreichs.

Das war allerdings nicht immer so: Vor rund zweihundert Jahren noch, das belegt eine Statistik der damaligen bayerischen Verwaltung, hatte Rattenberg fast 20.000 Einwohner und zählte mit Innsbruck oder Schwaz zu den größten im tirolerischen Inntal. Der Grund für diese Blütezeit: Die Stadt war über Jahrhunderte ein Mittelpunkt des mitteleuropäischen Bergbaus. 1463 stieß man in Rattenberg, das damals politisch zum Herzogtum Bayern-Landshut gehörte, auf eine Silberader, die in der Folge Unternehmer und tausende Arbeiter anzog. Während heute im Zusammenhang mit der Entdeckung von Goldvorkommen im 19. Jahrhundert in den USA vom „Goldrausch“ die Rede ist, sprechen deutschsprachige Geschichtsschreiber vom „Silberrausch“, von dem Rattenberg damals erfasst wurde.

Die Profiteure dieses Rausches waren – neben den Unternehmern, zu denen damals auch das Augsburger Handelshaus Fugger gehörte – die in Landshut regierenden bayerischen Herzöge: ein Teil der in den Minen erwirtschafteten Erträge floss schließlich in Form von Abgaben in ihre Hände. Nicht umsonst trugen gleich mehrere Landshuter Herzöge der damaligen Zeit den Beinamen „der Reiche“. So auch Herzog Georg, dessen Hochzeit mit der polnischen Königstochter Jadwiga im Jahr 1475 vor allem aufgrund der Einnahmen aus dem Bergbau so prunkvoll ausfallen konnte. An diese Vermählung, die Landshuter Hochzeit, wird übrigens auch im Landshut der Gegenwart noch alle vier Jahre mit einem großen historischen Fest erinnert.

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Als wir beim Rundgang durch die Stadt die Pfarrkirche besichtigen, fällt uns auf, dass die Kirche im Innern ungewöhnlicherweise zwei Chöre und zwei durch eine Reihe Säulen voneinander abgegrenzte Schiffe aufweist. Die Zweiteilung ist ein Relikt aus der Bergwerksvergangenheit: Während in dem einen Schiff die Unternehmer und Bergknappen von außerhalb Platz nehmen durften, war das andere für die Einheimischen reserviert.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte kehren wir wieder zurück in die Gegenwart: Auf Schienen und per Seilbahn geht es in knapp einstündiger Fahrt auf das rund 2.000 Meter hohe Spieljoch. Beim Gipfelkreuz angekommen, machen wir sofort ein Erinnerungsfoto – schließlich wohnt einer unserer besten Freunde in der Spieljochstraße in München. Den grandiosen Ausblick auf die umliegenden Zillertaler Berge, den man eigentlich von dieser Stelle aus hat, dokumentiert die Aufnahme leider nicht: zu dicht sind die grauen Wolken, die der Wind an uns vorbeitreibt.

Bei leichtem Regen und teilweise weniger als 50 Metern Sicht geht es für uns nun einen Gratwanderweg entlang. Der Ausblick wäre allerdings wohl auch bei Sonnenschein nicht viel schöner gewesen: Aus dem Nebel tauchen immer wieder Ski-Lifte, Wartungshäuser oder künstliche Lawinenverbauungen auf – der Wintersport lässt grüßen!

Nach rund vierstündiger Wanderung erreichen wir Hochfügen, ein Ort, der ausschließlich aus wenig charismatischen Hotelblöcken besteht. In einem davon werden wir übernachten. Die Siedlung Hochfügen entstand erst in den 1960er Jahren – sie bildet den Kontrapunkt zum Städtchen Rattenberg, mit seiner beschaulichen Idylle und langen Geschichte.

Text: Tim Frohwein