August 2016

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Etappe 4

Achenkirch – Maurach: Tirol, das Land der Kanarienvögel

9. August.
Morgens früh um halb neun starten wir von unserer Unterkunft in Achenkirch. Die erste Tagesetappe, die komplett in Tirol verläuft, liegt vor uns. Auf dem Mariensteig oberhalb des Achensee-Westufers präsentiert sich uns das Tiroler Land – trotz Nieselregens und eher herbstlichen Temperaturen – in seiner ganzen Pracht: Unter uns der türkisfarbene See, über uns kantige Berggipfel, von denen schäumende Wassermassen hinabstürzen. Tirol – Land der Seen, Flüsse und Berge! Tirol – Land der Kanarienvögel? 

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Man glaubt es kaum, aber es gab eine Phase in der Geschichte Tirols, da war diese Region weniger für seine Landschaften, als vielmehr für seine ausgezeichneten Kanarienvogelzüchter berühmt.

Anfang des 15. Jahrhundert von den Kanaren nach Europa eingeführt, entwickelte sich der Kanarienvogel wegen seines fröhlichen und wohlklingenden Gesangs zu einem echten Verkaufsschlager, gerade an den europäischen Adels- und Königshäusern war die Nachfrage groß.

Rund zweihundert Jahre später erkannten die Tiroler, die zu dieser Zeit vor allem in den Bergwerken des Inn- und Ahrntals ihren Lebensunterhalt verdienten, in der Kanarienvogelzucht eine lukrative Zusatzerwerbsquelle. Sie betrieben diese Nebenarbeit mit Leidenschaft und Einfallsreichtum. Tiroler Züchter kamen unter anderem auf die Idee, Nachtigallen als Vorsänger für die jungen Kanarienvögel einzusetzen, sodass die in Tirol gezüchteten Exemplare schon bald besonders begehrt waren. Von nun an sah man in ganz Europa Tiroler Kanarienvogelhändler umherziehen: in kleinen Holzkäfigen, die sie in Kiepen auf ihren Rücken trugen, stellten sie ihre singenden Produkte zur Schau. Angeblich sollen diese Wanderhändler Mozart zur Figur des Papageno aus seinem berühmten Stück „Die Zauberflöte“ inspiriert haben.

Da der „Bergsegen“, die Zeit des florierenden Bergbaus in Tirol, Mitte des 17. Jahrhunderts vorüber zu sein schien, wanderten in den Folgejahren viele Tiroler Bergleute in den Harz aus, wo sie in den dortigen Kohlegruben besser bezahlte Arbeit fanden. Ihre Kanarienvögel und auch ihre Leidenschaft für die Zucht hatten die Tiroler dabei natürlich mit im Gepäck. Und so entwickelte sich der Harz in den nachfolgenden Jahrhunderten zu einem Zentrum der europäischen Kanarienvogelzucht –berühmtestes Zuchtprodukt: der Harzer Roller!

„Was für ein Käse!“, werden Sie jetzt denken. Doch Sie haben Unrecht. Denn zwar ist auch Harzer Käse unter diesem Namen bekannt. Ursprünglich bezieht sich der Begriff Harzer Roller aber auf einen im Harz gezüchteten gelbgefiederten Kanarienvogel, der es wegen seiner „rollenden“ Gesangstöne zu einiger Berühmtheit gebracht hat: Im 19. Jahrhundert verkauften Harzer Händler den Vogel in die ganze Welt.

Als ich Andreas diesen komplizierten Sachverhalt auf unserer Wanderung entlang des Achensees näher zu bringen versuche, steigt in uns beiden ein Hungergefühl auf. Wir beschließen, in Pertisau, auf halber Strecke zwischen Achenkirch und unserem Übernachtungsort Maurach, eine Mittagspause einzulegen. Schnell haben wir auf der Karte das passende Gericht für diesen Tag gefunden: Wir teilen uns eine Käseplatte. Sie schmeckt vorzüglich. Einen Harzer Roller suchen wir darauf allerdings vergeblich.

Text: Tim Frohwein