August 2016

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Etappe 3

Bad Wiessee – Achenkirch: Grenzerfahrung: Bis hier hin und noch weiter!

8. August.
„Jetzt homs vergessen, an meiner Station zum holtn“ beschwert sich die Dame mittleren Alters neben mir in kratzigem Tiroler Dialekt. Der angesprochene Busfahrer, leicht untersetzt, Schnauzer, Vokuhila, entgegnet ihr in tiefstem Bayerisch: „Wissens wos, wenn i mir bei jedem Passagier merka kunt, wo a austeign mecht, dann warad i Ingenieur wordn und ned Busfahrer.“ Er lenkt seinen roten Bus des Regionalverkehrs Oberbayern schwungvoll in die nächste Ausbuchtung der Bundestraße zwischen Achenwald und Achenkirch. Ein Zischen und die Tür öffnet sich. Mit einem „Merci Dir“, steigt die Dame hinaus auf den Asphalt. Ein „Hobe die Ehre“ beendet die Unterhaltung seitens des Busfahrers.

Wir sind auf der dritten Etappe unserer Reise von München nach Bozen. Knapp acht Stunden liegen zwischen der Unterhaltung im Bus und unserem Start in den Tag. Früh am Morgen sind wir in Bad Wiessee am Tegernsee aufgebrochen. Mit dem Shuttle-Bus ging es über kurvige Landstraßen, durch tiefgrüne Nadelwälder und vorbei an taubenetzten Wiesen. Kurz hinter der Dorfgrenze von Wildbad Kreuth entlässt uns der Bus in die Wildnis. Die körperlich anspruchsvollste Etappe, der Einstieg in die Bergwelt steht bevor.

Grenze! Das ist das Leitmotiv unseres Tages. Zum einen, weil wir an diesem Tag die Grenze zwischen Bayern und Tirol überschreiten, zum anderen weil ich mit Blick auf Topographie und Wanderstrecke mit einer körperlichen Grenzerfahrung rechne. 

Die kühle Morgenluft erweist sich aber als gnädiger Verbündeter. Rasch nehmen wir den ersten Anstieg und sind nach etwa zwei Stunden bereits unterhalb des Schildensteins. Knapp über der Baumgrenze erstreckt sich vor uns das weitläufige Panorama der Alpen. Nachdem von der körperlichen Grenzerfahrung bis zu diesem Zeitpunkt nur Ansätze zu spüren sind, konzentrieren wir uns von nun an auf die Suche nach der Landesgrenze. Grenzen sollen ja angeblich die Wunden der Geschichte sein. Auch wenn diese Aussage in vielen Teilen der Erde ihre Berechtigung hat, scheinen die Wunden hier auf 1600 Höhenmeter lange verheilt. Nicht einmal Narben sind sichtbar. Unsere Suche nach einem Schlagbaum, Grenzstein oder einer Gedenktafel bleibt somit vorerst erfolglos. Erst kurz vor der Blaubergalm werden wir fündig. Fest verwachsen in einem Fichtenstamm wird das weiße, an den Ecken bereits verrostete Blechschild sichtbar. Darauf in schwarzer Schrift: „Landesgrenze“. Ein unscheinbarer Eindruck: Die Landesgrenze wird zum Nebenschauplatz, das große Tamtam macht hier die Natur. 

Aber wer will den Grenzziehern diese schlichte Aufmachung verdenken? Hier oben, wo der Blick weit über die Täler, Wälder und Berggipfel schweift, wirkt eine Grenze surreal. Weder die Natur, die grasenden Kühe oder die wenigen Bewohner dieser Regionen scheinen Notiz von ihr zu nehmen. Warum auch?

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Wir folgen einem kleinen Rinnsal, der mit jedem zurückgelegten Höhenmeter mehr Wasser führt, breiter und wilder wird.

Während wir noch über Sinn und Unsinn der Grenzziehung diskutieren, erreichen wir die Blaubergalm auf österreichischer Seite. Nach einer kurzen Einkehr beginnt der Abstieg. Unser Weg schlängelt sich in weiten Serpentinen talabwärts. Als sich die Knie langsam bemerkbar machen und unser Rinnsal zu einem ausgewachsenen Bergbach angeschwollen ist, erreichen wir die Häuser von Achenwald. Die kurze Wartezeit an der lokalen Bushaltestelle verbringen wir mit Dehnübungen. Körperliche Grenzerfahrung? Ge, bitte!

Dann taucht am Horizont der rote Bus auf, der uns zu unserem Nachtquartier in Achenkirch bringen wird. Es ist ein Fahrzeug des Regionalverkehrs Oberbayern – und das auf österreichischem Boden. Auch hier scheinen die Grenzen also zu verschwimmen. Die Bremsen quietschen, es zischt, die Tür öffnet sich. „Griaß eich! Wo miasts hie?“, empfängt uns der bayerische Busfahrer mit Schnauzer und Vokuhila.

Acht Kilometer – und einem kurzen, tirolerisch-bayerischem Schlagabtausch später – erreichen wir unsere Unterkunft. Bayerisch hören wir an diesem Tag kaum noch. Dominant ist dagegen der Tiroler Dialekt. Damit ist für uns klar, dass wir die erste Grenze auf unsere Reise überwunden haben. Gleichzeitig reift in uns die Erkenntnis, dass Grenzen nicht immer sichtbar sein müssen: Manchmal – an diesem Tag Gott sei Dank nicht – sind sie körperlich spürbar. Manchmal, wie in unserem Fall, sind sie auch schlichtweg hörbar! Das Wichtigste bleibt, dass man sich trotz unterschiedlicher Aussprache und Betonung versteht – und „verstehen“ bezieht sich hier nicht nur auf ein kommunikatives Verständnis des Gegenübers. Ist das der Fall, dann werden Grenzen ein bisschen nebensächlicher.

Ob körperliche Grenzerfahrung oder Sprachbarrieren, beides, da sind wir uns am Ende des Tages einig, ist deutlich besser als jeder Schlagbaum oder Stacheldraht! Da stimmen uns bestimmt auch der bayerische Busfahrer und seine Tiroler Passagiere zu.

Text: Andreas Münzinger