Etappe 2

Benediktbeuern - Gmund - Bad Wiessee: Therese von Bayern nimmt Rücksicht auf Tirol

  • August 2016

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Etappe 2

Benediktbeuern - Gmund - Bad Wiessee: Therese von Bayern nimmt Rücksicht auf Tirol

7. August.
Nach einem kurzen Frühstück im Kloster Benediktbeuern starten wir bei strahlendem Sonnenschein und sommerlicher Morgenfrische los in Richtung Tegernsee. Den See haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur zahlreiche Prominente als Wohnort für sich entdeckt (unter anderem haben dort Uli Hoeneß und Manuel Neuer ihre Anwesen), auch als Naherholungsort hat er sich einen Namen gemacht, wie uns gerade auf den Landstraßenstücken unserer Radtour bewusst wird: HH, K, H etc. lauten die Anfangsbuchstaben der Auto-Kennzeichen, die an uns vorbeirauschen.

In Gmund am Tegernsee verabschieden wir uns nach rund zweistündiger Fahrt von unseren Fahrrädern, die Andreas` eigens angereister Vater netterweise mit dem Auto rücktransportiert. Wir wandern in Richtung Schloss Tegernsee, das mit seinem Bräustüberl jährlich Millionen von Besuchern anzieht und schon fast den Status einer weltweit begehrten touristischen Trophäe erlangt hat.

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Über den „Tegernseer Höhenweg“ erreichen wir nach noch einmal zwei Stunden Wanderung das Schloss – ein beeindruckendes und feudales Gebäude. Man beginnt zu begreifen, warum es einst als Ort für die Hochzeitsfeierlichkeiten von Prinzessin Ludovika Wilhelmine von Bayern, einer Halbschwester des berühmten bayerischen Königs Ludwig I., und Herzog Maximilian in Bayern ausgesucht wurde. Am 9. September 1828 gaben sich die beiden hier das Ja-Wort – allerdings eher widerwillig: Beide waren über die Verbindung, zu der sie auch aus politischem Kalkül gedrängt worden waren, nicht besonders glücklich. Ludovika, die rund zehn Jahre danach ihre Tochter Elisabeth, später als die Österreichische Kaiserin „Sissi“ berühmt, zur Welt bringen sollte, soll beim Werfen des Brautstraußes ausgerufen haben: „Dieser Ehe und allem, was daraus hervorgeht, soll der Segen Gottes fehlen bis ans Ende.“

Ob dieser Satz tatsächlich gefallen ist und ob die anwesende Therese von Bayern, Gemahlin des bayerischen Königs Ludwig I., ihn gehört hat, ist nicht verbrieft. Dass Therese einst bei ihrer Hochzeit im Jahr 1810, mit der die Tradition des Münchner Oktoberfests begründet wurde, Angst hatte, ihrer Ehe könnte ebenfalls der göttliche Segen fehlen, ist mehr oder weniger belegt. Denn schließlich musste die gläubige Protestantin Therese ihrem Verlobtem, damals noch bayerischer Kronprinz, schon vor der Trauung versprechen, sich ein Stück weit von ihrer lutherischen Religion loszusagen: Sie sollte nach Ludwigs Willen während ihrer Ehe auf eine eigene protestantische Kapelle und einen eigenen Geistlichen verzichten, was eigentlich ihr frommer Wunsch und auch ihr Anrecht gewesen war.

Der Grund, warum der Kronprinz diese Glaubensunterdrückung von ihr verlangte: Zum Zeitpunkt der Trauung war Ludwig als bayerischer Gouverneur unter anderem für das Gebiet Tirol zuständig, das Bayern als Bündnispartner Napoleons im Jahr 1805 zugeschlagen worden war. Die Tiroler waren mit der bayerischen Herrschaft durchaus nicht einverstanden und rangen als überwiegend strengkatholische Landbewohner vor allem mit den Verweltlichungsbemühungen der bayerischen Verwaltung. Schon 1809 war es deswegen zu einem ersten Aufstand gekommen. Damit die Tiroler nun nicht auch noch Anstoß an der protestantischen Ehefrau des Gouverneurs nehmen konnten, sollte Therese ihren Glauben möglichst heimlich ausüben und in der Öffentlichkeit unterdrücken, was sie durchaus bekümmerte.

Dass Tirol nur wenige Jahre später wieder an das Habsburgerreich fiel, dürfte für Therese vor diesem Hintergrund zu verschmerzen gewesen sein. Andererseits blieb sie im eindeutig katholisch geprägten Bayern glaubensmäßig eine Außenseiterin.

Heute dürften sich nur die wenigsten Menschen protestantischen Glaubens im immer noch katholisch dominierten Bayern als Außenseiter fühlen. Dafür sind bekanntermaßen neue religiöse Konfliktlinien sichtbar. Den verschleierten Besucherinnen aus dem arabischen Raum, die uns auf der Bootsüberfahrt von Schloss Tegernsee zu unserer Übernachtungsmöglichkeit in Bad Wiessee gegenübersitzen, dürfte dieses Gefühl während ihres Aufenthalts vermutlich hin und wieder begegnet sein. Auch wenn sie die Äußerung eines Bootsinsassen, der im Gespräch mit seinem Sitznachbarn die Wetterangemessenheit ihrer Kleidung anzweifelt, wohl nicht verstanden haben dürften.

Text: Tim Frohwein