Etappe 1

München – Benediktbeuern: Von Drahteseln und blauen Pferden

  • August 2016

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Etappe 1

München – Benediktbeuern: Von Drahteseln und blauen Pferden

6. August.
Und dann ist er plötzlich da – ein gewöhnlicher Mittwoch im Juni 2016. Die Sonne steht hoch, die Luft flirrt über den dunklen Tannen am Ufer des Sees. Im kühlen Bauch des Franz-Marc-Museums in Kochel zieht mich ein Bild ganz besonders in seinen Bann. Der Titel des Werks: „Das arme Land Tirol“. Der Künstler: Der Münchner Maler Franz Marc, Mitbegründer der legendären Künstlervereinigung „Blauer Reiter“.

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Bei mir ist es dieser eine Tag im Juni, es ist das Bild von Franz Marc, das meine Gedanken beflügelt und den Startpunkt für meine Reise über die Alpen setzt.

Zwei Monate später, am Samstag, den 6. August 2016, ist der Tag des Aufbruchs dann tatsächlich gekommen. Unser Ziel auf dieser Reise ist es auch, einen Perspektivwechsel zu erleben. Wer aber die Perspektive verändern will, der muss sich bewegen. Sicher, das gilt vor allem für die geistige Haltung, körperliche Bewegung kann darüber hinaus aber nicht schaden. Über zu wenig körperliche Bewegung können wir uns an diesem 6. August nicht beklagen. Mit unseren Rädern starten wir morgens an der Reichenbachbrücke im Herzen Münchens. Die Pedale treten sich leicht auf den ersten Kilometern. Bei sommerlichen Temperaturen und unter blauem Himmel sind wir schnell in Grünwald. Von dort geht es die Isar aufwärts bis zum Loisach-Kanal. Nach einer kurzen Einkehr in der Nähe von Wolfratshausen erreichen wir Geretsried, Königsdorf und Kreuth. Über Schotterwege geht es weiter Richtung Süden. Und dann tauchen sie nach einer leichten Rechtskurve plötzlich am Horizont auf: die dunklen Umrisse der Alpen, die sich scharf gegen den blauen Himmel absetzen. Unbeweglich und mächtig türmen sie sich auf. Unser Tagesziel liegt an diesem Tag allerding noch diesseits der Berge: das Kloster Benediktbeuern, in dem wir übernachten werden. Nach etwa fünf Stunden im Sattel haben wir die 60 Kilometer bewältigt und erreichen die eindrucksvolle Kirchenanlage, mit ihren Gärten, Kreuzgängen und barocken Türmen. 
Dort angekommen treffen wir auf eine alten Bekannten: Zum hundertjährigen Todestag zeigt eine Ausstellung Werke von Franz Marc. Darunter das Bild vom armen Land Tirol. Ganz in der Nähe des Klosters, im Nachbardorf Ried, steht bis heute die Villa, in der Franz Marc jahrelange wirkte. Er entwickelte völlig neue Perspektiven und Techniken, Natur- und Tierwelt des Landstriches zwischen Staffel- und Kochelsee in unnachahmlicher Weise auf Leinwand zu bannen.

Einen persönlichen Perspektivwechsel erlebte Marc auf einer Tirol-Reise im Jahr 1913. Hatte er in seinen früheren Werken – etwa dem Turm der blauen Pferde – vor allem seine Hoffnungen auf einen positiven Wandel von Staat und Gesellschaft ausgedrückt, so erfüllt ihn nun Enttäuschung über die ausbleibenden Veränderungen. Gleichzeitig scheint ihm eine dunkle Vorahnung zu überkommen, eine Vorahnung auf die Katastrophe des 1. Weltkriegs. Im kleinen Land Tirol sieht Marc die Probleme des großen Kontinents wie unter einem Brennglas. Hier kristallisieren sich für den Bayern die unüberbrückbaren Probleme des alten Europas heraus.

Dunkel und beengend wirken die steilen, zerklüfteten Berghänge auf seinem Bild. Ein in rotes Licht getauchter Friedhof, zwei abgemagerte Pferde und ein bedrohlich die Schwingen öffnender Vogel vervollständigen den beklemmenden Eindruck. Ein Grenzstein in den Farben Österreich-Ungarns symbolisiert die damalige schwierige Grenzsituation in Tirol, wie auch an vielen weiteren Stellen im restlichen Europa.

Trotz aller Erosion scheint die Situation für Europa in der Gegenwart weniger dramatisch als vor hundert Jahren. Dennoch zeigt ein Blick in die Tageszeitung, mit wie vielen Problemen das heutige Europa zu kämpfen hat. Viel ist von Fragen rund um Identität, Geschichte und Kultur zu lesen. Ob wir in den kommenden acht Tagen einen Perspektivwechsel im Marc’schen Sinne erleben? Fraglich! Unbestritten ist jedoch, dass eine solche Reise Zeit zum Nachdenken bietet, gedankliche Grenzen überwinden und den Blick schärfen kann.

Acht Tage werden für einen solchen Perspektivwechsel vielleicht nicht ausreichen: Allerdings gilt für das Ende einer Reise dasselbe wie für ihren Anfang: Sie beginnt nicht mit dem Tag der Abreise und endet nicht mit dem Tag der Rückkehr. Vielmehr wirken die Erfahrungen und das Erlebte solange wir uns daran erinnern und prägen somit unsere Perspektiven – lange über die Rückkehr hinaus.

Text: Andreas Münzinger