Mai 2015

% extra alt % % extra alt % % extra alt %

Sei der erste, der diese Geschichte teilt

Artikel Artikel Galerien Galerien
Artikel Artikel Galerien Galerien

Bestnoten

Ein Land braucht neue Töne. Der junge Komponist Armin Kofler schreibt Musik für Blaskapellen. Zum Marschieren gibt's da wenig.

„Eigentlich schreibe ich selten Märsche“, sagt Armin Kofler. Selbst die Musikkapellen wollen neuerdings aus dem Gleichschritt ausbrechen. Die jungen Musikanten sind gut ausgebildet, sie können auch komplexere Stücke spielen als einen Marsch. Mit ihnen setzt sich Armin Kofler zusammen, bevor er an die erste Note denkt. „Es muss den Musikanten ja gefallen", sagt er. Demokratisch komponieren, wie geht das?

Wir treffen den Bankangestellten und Komponisten Armin Kofler in seinem Haus in Lengstein am Ritten. Das Zimmer, in dem er komponiert, ist winzig. Ein Keyboard nimmt viel Platz ein, an der Wand über dem Sofa hängt eine Gitarre. Auf dem Schreibtisch ordentlich ein paar Notenblätter. Er habe aufgeräumt, sagt der Komponist. Sein Flügelhorn hat Armin Kofler im Probelokal der Musikkapelle gelassen. Es wird ein Interview über Musik, die traditionell sein, aber modern klingen soll, über schwarze Löcher, demokratische Titel und aussterbende Instrumente.

Mit fünf hast du Keyboard spielen gelernt. Man würde dich eher in der Pop-Szene vermuten. Was ist passiert?
…dass ich bei der Musikkapelle gelandet bin? Ich bin familiär vorbelastet. Mein Vater war ewig bei der Musikkapelle und auch einige meiner Freunde waren schon dabei. Deshalb war bald klar, dass ich auch zur Musikkapelle gehen werde. Das Keyboard hat meinem Vater gehört. Ich habe einfach gedrückt und geschaut, was schön klingt. Mit zehn habe ich angefangen, Flügelhorn zu spielen.

arminkofler web 13

discover

Armin Kofler ist tagsüber Bankangestellter und abends Komponist.

…und das Keyboard war das Instrument, mit dem du nicht zur Musikkapelle kommst?
So ungefähr. Aber das Keyboard habe ich immer parallel gespielt. Für mich. Am Anfang habe ich Musikkapellen immer nur mit traditionellen Märschen assoziiert. Bis ein junger Kapellmeister bei uns anfing. Da habe ich verstanden, ok, man kann auch modernere Sachen spielen. Ich habe dann auf dem Keyboard probiert, ob ich so etwas Ähnliches machen könnte, alles im stillen Kämmerlein.

Die erste Partitur entsteht, wenn die Noten schwarz auf weiß dastehen

Und wann hast du ernst gemacht und die erste Partitur geschrieben?
Irgendwann habe ich gedacht, jetzt schreibe ich einmal etwas auf... da habe ich nie gedacht, dass das aufgeführt wird. Trotzdem habe ich die Partitur unserem Kapellmeister Manfred Gampenrieder gezeigt, und der hat gesagt, gut, das spielen wir bei der nächsten Probe. So hat es angefangen. Einmal im Jahr oder alle zwei Jahre einmal habe ich etwas geschrieben, sehr sporadisch. Dann hat mich die eine oder andere Kapelle gefragt. Mittlerweile bin ich ausgebucht. Ich mache das ja nur nebenher, am Abend meistens.

armin kofler musikkapellen suedtirol1

discover

Er setzt sich einfach ans Keyboard und probiert ohne romantischen Hintergrund.

Man muss die Kapelle kennen, für die man schreibt

Worauf kommt es an bei der Komposition für Musikkapellen?
Es gibt große Leistungsunterschiede zwischen den Kapellen, man muss die Kapelle, für die man schreibt, kennen, bei manchen sind die Trompeten stark, bei anderen das Holz, man muss wissen, wem ich wieviel zumuten kann. Ich will, dass das Stück den Musikanten gefällt. Wenn sie begeistert spielen, gefällt es auch dem Publikum. Eine Herausforderung ist das breite Altersspektrum in den Kapellen. Da muss man jeden irgendwo abholen. Ich versuche, so zu schreiben, dass jeder etwas für sich findet und jedes Instrument mindestens eine interessante Stelle drinnen hat.

Gibt es ein Hauptinstrument, an dem sich jede Komposition orientieren muss?
Nein, das gibt es nicht mehr. Früher war die Literatur sehr flügelhorn- und tenorhornlastig. Beide Instrumente sind heute vom Aussterben bedroht. Sie sind hauptsächlich im Alpenraum verbreitet, in Österreich, Südtirol, Bayern. Schade. Es ist eine Klangfarbe, die ich kompositorisch nicht verlieren möchte. Deshalb versuche ich, immer auch für diese Instrumente zu schreiben. Also gegen den internationalen Trend.

armin kofler musikkapellen suedtirol

discover

Armin Kofler spielt Flügelhorn, nicht Gitarre. Aber beim Komponieren ist jedes Ausprobieren erlaubt.

Was unterscheidet die lokalen Musikkapellen von denen in den Niederlanden oder in den USA?
Wahrscheinlich immer weniger. Aufgrund der Literatur, die sich international verbreitet, verschwinden die Grenzen zunehmend. Wir haben hier halt noch unsere traditionellen Märsche. Was wieder etwas im Kommen ist, sind die Polkas.

Armin Kofler

Armin Kofler ist seit 1996 Flügelhornist in der Musikkapelle Lengstein, eine Kapelle mit 40 Musikanten im 700-Seelen-Dorf Lengstein am Ritten; die meisten der Mitglieder sind unter 30 Jahre alt. 2004 schloss er den Kapellmeisterlehrgang des Verbandes Südtiroler Musikkapellen mit Erfolg ab. Derzeit ist er Obmann der Kapelle, im „normalen“ Leben Bankangestellter.
Das Komponieren lernte Armin Kofler als Autodidakt. Sein erstes Werk, „A New Age“, wurde 2001 beim Frühjahrskonzert der Musikkapelle Lengstein uraufgeführt. Seither sind Werke für Blasorchester, Brassband und andere Bläserformationen entstanden. Koflers Werke erscheinen im Musikverlag Frank in der Schweiz und wurden u.a. in Österreich, Deutschland, Schweiz, England, Belgien, China und Japan aufgeführt.

Abends darf ein Bankangestellter mit Noten jonglieren

Was suchen die heimischen Auftraggeber?
Hauptsächlich moderne Konzertstücke. Ich schätze, 30 Prozent Märsche, Polkas und traditionelle Musik, 70 Prozent moderne Aufführungen.

Musikkapellen sind im militärischen Kontext entstanden. Hast du Militärdienst geleistet?
Nein, ich war Zivildiener.

Aber Märsche gefallen dir?
Eigentlich schreibe ich selten Märsche. Aber ab und zu bestellt eine Kapelle einen Tiroler Marsch, der ganz neu sein soll. Das ist schwierig. Das Stück sollte wie ein traditioneller Marsch klingen, was einen einschränkt, gleichzeitig soll man neue Elemente einbauen, da kommt man leicht in Konflikt.

Wenn Musikanten den Kopf schütteln, heißt das: weitermachen im Experiment

Es gibt in Südtirol Festivals, wo Musikkapellen mit Jazzmusikern gespielt haben oder mehrere Kapellen die Musik eines zeitgenössischen Komponisten aufgeführt haben, da waren die Kapellmeister mit Knopf im Ohr verbunden. Wie wichtig ist es, dass Musikkapellen für Experimente offen sind?
Man soll sich öffnen. Experimente sind wichtig, auch wenn manche am Anfang sagen, das ist nichts für mich. Etwas nimmt man für sich immer mit an Erfahrung. Wenn die Musikkapellen sich nie weiterentwickelt hätten, würden sie heute noch dieselbe Literatur wie vor 50 Jahren spielen. Und die jungen Musikanten sind heute dermaßen gut ausgebildet, dass sie jeden Stil beherrschen. Die brauchen das auch.

„Experimente sind wichtig, auch wenn manche am Anfang sagen, das ist nichts für mich. Oder das klingt alles seltsam. Etwas nimmt man für sich immer mit an Erfahrung. Wenn die Musikkapellen sich nie weiterentwickelt hätten, würden sie heute noch dieselbe Literatur wie vor 50 Jahren spielen.“ Armin Kofler, Komponist

arminkofler web 30

discover

Armin Kofler schreibt über schwarze Löcher und schmelzende Riesen.

Komponieren bedeutet auch herumprobieren

Wie findest du eine Komposition? Gibt es eine Inspiration von außen, oder setzt du dich ans Keyboard und probierst…
Ich setze mich mit der Kapelle, für die ich schreiben soll, zusammen. Wir sprechen über den Anlass der Aufführung, oft gibt es etwas zum Feiern, oder ich frage, gibt es etwas Besonderes in eurem Gebiet, das man beschreiben kann… Dann setze ich mich ans Keyboard und beginne zu spielen. Das ist ein bloßes Herumprobieren, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Das hat wenig mit der romantischen Vorstellung von kreativen Geistesblitzen zu tun.

Deine Werke heißen dann „Alm“ oder „Tirol 2.0“… Woher kommen die Titel?
Bei Tirol 2.0 habe ich eigentümliche Tiroler Melodiefetzen hergenommen und in ein modernes Stück eingebaut. In Schmelzende Riesen wollte ich über den Gletscherschwund schreiben. Bei Jenseits des Lichts geht’s um schwarze Löcher. Ich habe halt manchmal so Themen und daraus entwickelt sich dann der Titel. Meistens beziehe ich die Kapelle mit ein und sage, schlagt einen Titel vor, manchmal stimmen sie dann ab. Das ist ein Miteinander, ich bin nicht diktatorisch und sage, ich will, dass das Stück so heißt und so klingt.

Im Fußballverein investiert man nicht weniger Zeit, oder?

Wie lange dauert es, bis eine Musikkapelle ein neues Stück drauf hat?
Oh, das hängt vom Schwierigkeitsgrad des Stücks ab und von der Leistungsstärke der Musikkapelle. Für ein ganzes Konzertprogramm wird, schätze ich, mindestens zwei bis drei Monate geprobt. In unserer Kapelle ein bis zwei Mal in der Woche mit Gesamtprobe und Teilproben für Holz- und Blechinstrumente. In der heißen Phase vor dem Konzert können es auch mehr sein. Aber geprobt wird das meistens ganze Jahr hindurch. Maximal drei Wochen, wo es keine Proben gibt. Im Fußballverein investiert man nicht weniger Zeit, oder? Wenn man eine gewisse Leidenschaft hat, tut man das.

Interview: Gabriele Crepaz
Fotos: Sebastian Stocker