Mai 2015

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Ein Netz im Anzug

Peter Paul Kainrath ist Netzwerker. Er bringt Menschen zusammen und verknüpft Kultursparten. Wann er ruht? Wir glauben: nie.

Er gibt der Südtiroler Kultur die passende Bühne und setzt sie in Szene. Seine Festivals finden an unmöglichsten Orten statt. So ist Peter Paul Kainrath, einst Pianist, heute Impresario, wie kaum ein anderer in Südtirol ein Vermittler zwischen drei Welten: Kunst, Wirtschaft und Publikum.

Kainrath steht in der Bahnhofsremise, einer Fabrikhalle im Bozner Industriegebiet, die von den italienischen Staatsbahnen noch immer für die Instandhaltung der  Zugwaggons genutzt wird. Maschinen stehen an die Hallenwand gerückt, am Boden verzweigen sich Schienen, die für Stöckelschuhe zur Falle werden, es riecht streng nach Maschinenöl. Seit Jahren gehen hier Veranstaltungen über die Bühne, die Peter Paul Kainrath eingefädelt und organisiert hat. Eigentlich war er sogar der Erste, der die Halle für die Kultur entdeckt hat. Wie es ihm gelang, auch die Staatsbahnen davon zu überzeugen, dass Industrie und Musik sich verstehen, ist nur so zu erklären: Wenn der Impresario Kainrath etwas will, von dessen Wert er überzeugt ist, ruht er nicht, bis er es hat.

Transart bringt Fabrikhallen zum Heulen

Tagtäglich schwebt Kainrath zwischen den gegensätzlichen Welten von Kunst und Kommerz, hat mit dem Schönen und dem Schöngeistigen und zur gleichen Zeit mit Veranstaltungsplänen und Finanzierungskonzepten zu tun. Und das Erstaunliche ist: Der Bozner Peter Paul Kainrath – anthrazitfarbener Anzug, leicht grau meliertes Haar, die Arme verschränkt – geht mit beiden Welten souverän um. Bescheiden, wie er sich gerne gibt, nennt er sich einfach Kulturmanager.

In der Remise proben gerade einige Musiker unter seinem kritischen Blick zum letzten Mal für ein Konzert am Abend. Kainrath wirkt zufrieden. Das Konzert wird ungewöhnlich werden. Überraschend. Wie so oft bei zeitgenössischer Performance. Publikum und Musiker werden sich nahe kommen. Einmal bilden die Musiker einen Kreis innen, plötzlich aber werden sie das Publikum von außen umzingeln. Eine Bühne im klassischen Sinn wird hier im Moment nicht gebraucht.

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Peter Paul Kainrath bringt Menschen, Künste und Schauplätze zusammen.

Südtirol, ein Stadtteil von Berlin

Peter Paul Kainrath spricht mit fester Stimme, schnell und klar, und man merkt ihm an, dass er einen straffen Terminplan hat. „Wir haben in Südtirol alle Sprachen, Generationen und sozialen Schichten, und unsere Gäste wissen, dass sie bei Kunstveranstaltungen etwas Neues erfahren“, sagt Kainrath und betont die Situation in Südtirol: „Man darf ja nicht vergessen, dass wir hier numerisch ein Stadtteil von Berlin sind. Und trotzdem haben wir heute ein ungemein vielfältiges kulturelles Angebot, und das auch im ländlichen Bereich. Ich glaube, keine einzige österreichische oder italienische Provinz kann mit uns mithalten.“ Was er nicht sagt ist, dass das auch sein Verdienst ist.

Transart, ein jährlich stattfindendes Festival für zeitgenössische Kultur, hat er 2001 mit aus der Taufe gehoben, er verantwortet den Busoni Klavierwettbewerb, und bei der Produktion der Manifesta 7, der europäischen Biennale zeitgenössischer Kunst, die 2008 Jahren in Südtirol und im Trentino stattfand, hat er die Fäden im Hintergrund gezogen. Seitdem hat ihn die Manifesta, die neben der Biennale von Venedig und der Documenta in Kassel die wichtigste regelmäßig stattfindende Kunstausstellung in Europa ist und zudem jene mit der größten Lust auf Innovation und Experiment, nie mehr losgelassen. Oder er sie? Seit 2009 gehört Kainrath zum Beraterteam der Manifesta mit Sitz in Amsterdam. Im Juni 2014 wurde Manifesta 10 in St. Petersburg eröffnet; dafür sitzt Peter Paul Kainrath, der Russisch spricht, auch im eigens gegründeten, lokalen Stiftungsrat. Und 2016 wird Manifesta in Zürich sein. In der Planung schon mit dabei: Peter Paul Kainrath.

Klavierwettbewerb und Festival Ferruccio Busoni

Peter Paul Kainrath ist auch Künstlerischer Leiter des internationalen Pianistenwettbewerbs Ferruccio Busoni. Der Wettbewerb wurde 1949 von Cesare Nordio, dem damaligen Direktor des Musikkonservatoriums „Claudio Monteverdi" in Bozen, ins Leben gerufen. Heute zählt er zu den fünf wichtigsten Wettbewerben auf der Welt. 2002 wurde die Pianistenauslese durch das Busoni-Festival erweitert, das seitdem alle zwei Jahre stattfindet.

Kunst muss das Publikum ratlos machen

Auch wenn Kainrath das nun so leichtfüßig erzählt, während im Hintergrund Instrumente gestimmt werden, war es kein leichter Weg. „Das Publikum war oft verstört, aber das gehört auch dazu“, sagt er, und ihm sei klar, dass man den Dienstleistungsgedanken nie vergessen dürfe: „Ein Festival muss genau wissen, welche Rolle es im gesellschaftlichen Gefüge spielen will und welche Ziele es hat. Wir wollen ein neugieriges und offenes Publikum erreichen, das über den kleinen Kreis der Fachwelt hinausreicht. Und die Botschaft soll sein: zeitgenössische Kultur geht uns alle an.“ Aber auch das Südtiroler Publikum hat sich mit der Südtiroler Kunst weiterentwickelt. „Auch Transart konnte erst über die Elemente des Zeitgenössischen in der Kunst entstehen“, sagt Kainrath, und seine Augen blitzen, vermutlich weil nun etwas Grundsätzliches über die Aufgabe der Gegenwartskunst folgt: „In einer zunehmend verflachenden Welt“, sagt Kainrath, „halten Künstler Begriffe wie Wahrheit, Perspektive und Tiefe hoch.“

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Die ehemalige Produktionshalle des Metallwerks Alumix in Bozen war lange fixer Transart-Schauplatz. Heute ist die Halle Teil des geplanten Südtiroler Technologieparks.

Vor die Wahl gestellt: Militärdienst oder Klavier spielen in Russland?

Als Kulturmanager, sagt Kainrath, habe er das streng Künstlerische verlassen. „Aber das Gestalterische in meinem Job ist noch sehr gefordert“, sagt er und legt die Hand an die Wange. Um das zu verstehen, muss man Kainraths Werdegang kennen und dazu bedarf es eines kurzen Ausflugs in die 80er-Jahre: Mit 23 Jahren galt Kainrath als eines der meistversprechenden Klaviertalente Südtirols. Er ging nach Russland, um bei Viktor Merschanow, Nachfolger von Samuel Feinberg am Tschaikowsky-Konservatorium, zu lernen. „Ich habe keinen Militärdienst geleistet, aber zu dieser Zeit in Russland Klavier gespielt zu haben, das war so ziemlich das Gleiche“, erzählt er und lacht bitter. Sie schliefen zwischen Kakerlaken, hatten eine Woche lang nur Orangen, und dann eine Woche lang nur Zuckergusstorte zu essen, und dann auch wieder mal gar nichts. Aber das hat ihn geprägt und abgehärtet zugleich. „Alles, was ich heute kann, habe ich zwischen 1989 und 1992 in Russland gelernt.“ Den Respekt vor dem Denken und vor dem Intellektuellen, die geistigen Werte und den Glauben an die Kunst! Heute sagt er: „Ich glaube, wenn man in meiner Generation einmal Hunger erlebt hat, dann hat man  später einen Gang mehr.“

Peter Paul Kainrat ist der Mann ohne Kompromisse

Kulturveranstalter wurde Kainrath eher „durch Zufall“, wie er sagt. In Russland habe er irgendwann gemerkt, dass sein Talent einfach nicht ausreiche. „Und ich wollte auch keinen künstlerischen Kompromiss eingehen“, sagt er ganz klar. Als ihn dann ein Freund gefragt hat, ob er ihm bei der Organisation des Festivals „Klangspuren“ in Nordtirol helfen könne, hat er zugesagt und plötzlich ganz neue Talente an sich erkannt. „Ich habe meine Fähigkeit erkannt, Unternehmer als Sponsoren zu begeistern.“ Eine Fähigkeit, die für die Südtiroler Kulturlandschaft seit 14 Jahren Gold Wert ist.

Transart

Das Festival zeitgenössischer Kultur fand erstmals 2001 in der Industriezone von Bozen statt. Mittlerweile erstreckt sich der experimentelle Kulturevent über ganz Südtirol und arbeitet mit international bekannten Künstlern zusammen. Im Vordergrund stehen Multimedia und innovative, künstlerische Projekte. Das Festival hat sich auf ungewöhnliche Veranstaltungsorte spezialisiert, wie ehemalige Fabrikhallen oder Fertigungshallen von Handwerksbetrieben oder atemberaubende Naturschauplätze.