Die Marillen-Macher

Der Vinschgau ist ein Apfelland. Warum entscheiden sich Bauern für die Marille? Sind sie lieber David als Goliath? Ein Gespräch.

  • November 2015

  • Lesedauer: 9'

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Die Marillen-Macher

Der Vinschgau ist ein Apfelland. Warum entscheiden sich Bauern für die Marille? Sind sie lieber David als Goliath? Ein Gespräch.

Marille oder Apfel. Beide gehören zum Vinschgau dazu. Trotzdem gibt es 2.000 Apfelbauern und nur 120 Marillenbauern. Wir wollen herausfinden, wer Marillenbauer ist und wer Apfelbauer. Und warum. 

Im Nu können der Marillenbauer Stephan Bachmann und der Apfelbauer Martin Innerhofer Unterschiede aufzählen. Der eine wohnt hoch oben am Hang, der andere unten im Tal. „Apfelbäume müssen in Form geschnitten werden“, sagt der eine. „Marillenbäume werden eher in Form gebunden“, sagt der andere. Im Spätsommer erntet der eine am Patscherhof in Galsaun 30 Kilo Äpfel pro Baum, der andere am Niedermairhof bringt es auf acht Kilo Marillen.

Zum Gespräch haben wir uns am Niedermairhof auf 1.100 Meter Höhe oberhalb von Tschars getroffen. Unten im Tal wäre es vielleicht wärmer gewesen. Die Marillen hätten ein bisschen Wärme vertragen. Wie wir. Aber dann wäre es für die Äpfel im Tal zu heiß geworden. Ja, wir sprechen auch übers Wetter. In der Landwirtschaft geht es nicht anders. Das weiß jeder. Und das ist gut. Jetzt verstehen wir manches einfach besser.

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Marillenbäume brauchen Licht, Apfelbäume können näher beisammen stehen.

Herr Bachmann, Sie sind Marillenbauer. Wie viele Bäume haben Sie in Ihrer Anlage? 
Stephan Bachmann: Wir haben jetzt 1.500 Bäume. Das ist schon eine Menge. Wir haben vor acht Jahren angefangen, jedes Jahr setzen wir ein paar Bäume mehr. Hier oben, auf 1.100 Meter Höhe, ist es unmöglich, Äpfel anzubauen, auch weil wir auf der Nordseite liegen. Marillen sind da die Grenze, dann ist fertig.

Aber Sie, Herr Innerhofer, haben eine ganze Menge Apfelbäume. Richtig?
Martin Innerhofer: Es sind ungefähr 30.000 Bäume. Das entspricht einer Fläche von 8,5 Hektar. Zum Teil in Hanglage, zum Teil in der Ebene. Und dann haben wir noch einen halben Hektar Weinreben, was auf der Sonnenseite typisch für den Vinschgau ist.

Und Sie haben gar keinen Marillenbaum?
Innerhofer: Doch, im Hausgarten. Zwei. Das gehört im Vinschgau zum Bauernhof dazu.

1.500 Marillenbäume und 30.000 Apfelbäume. Sind Sie große oder kleine Bauern?
Innerhofer: Eher große. In Südtirol liegt die Größe der Obstanlagen im Schnitt unter zwei Hektar, im Vinschgau sind wir bei 2,5 Hektar.
Bachmann: Und wir sind eher große Marillenbauern. Man muss bedenken, dass Apfelbäume im Abstand von 50 cm gepflanzt werden, zwischen zwei Marillenbäumen muss man 2,5 Meter Abstand lassen. Die brauchen viel Licht und Sonne, deswegen braucht man eine große Fläche. Hier sind es fast vier Hektar.

Verstehen sich Marillen und Äpfel beim Klima? Mögen die die gleichen Bedingungen?
Innerhofer: Mehr oder weniger. Entscheidend sind die Lagen. Wenn es auf dem Berg schauert, heißt das nicht, dass es dies im Tal auch tut. Bei mir kann es perfekt sein und Stephan kann oben einen totalen Ernteausfall haben.
Bachmann: Im Augenblick ist es ja recht kühl und nass. Wir brauchen jetzt kurz vor der Marillenernte die Wärme. Ideal wären nun hier oben 27 bis 28 Grad. Dann hätten die im Tal 35 Grad, was für die Äpfel nicht gut wäre.
Innerhofer: Richtig. Für uns wäre gut, wenn wir jetzt 27-28 Grad im Tal hätten…

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Marillen werden pünktlich geerntet, Äpfel dürfen nachreifen.

Ihre Nachbarn weiter unten haben wir bei der Marillenernte getroffen. Sind Sie schon durch?
Bachmann: Nein, die Marillen leuchten zwar schon gelb, aber sie sind noch nicht reif. Wir gehen immer wieder durch und nur holen  die reifen herunter, und dies bis zu fünf Mal. Das ist das Schwierige bei der Vinschger Marille, wir haben hier nur diese Sorte.
Innerhofer: …dann entwickelt sie das Aroma nicht…

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Das heißt, die Marillen muss man genau dann klauben, wenn sie reif sind? Und dann sollten sie gegessen werden…
Bachmann: Genau. Eine Marille kann man maximal zwei Tage lagern. Wir geben sie nicht in Kühlzellen, pflücken jeden Tag oder jeden zweiten. Die, die oben am Baum hängen reifen schneller als die, die unten hängen. Wir verkaufen ab Hof, auf Vorbestellung. Wenn Sie anrufen, bereiten wir eine Steige vor. Die Ernte dauert so eben 14 Tage.

Beim Apfel ist das einfacher. Die muss man ja nicht auf die Minute ernten…
Innerhofer: Das stimmt, aber die Vermarktungsorganisation schreibt uns ein Erntefenster von 14 bis 18 Tagen vor. Je nach Sorte gibt es Unterschiede. Bei den Einfärbigen, wie Golden Delicious, wird in einem Pflückvorgang alles geerntet, bei den zweifärbigen müssen wir auch drei Mal ernten.

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Den richtigen Moment für die Ernte bestimmt die Vermarktungsorganisation, nicht der Bauer?
Innerhofer: Das Obstbaugebiet ist in Reifezonen eingeteilt. Aus Erfahrungswerten weiß man, in Hanglagen oder sonnigen Lagen reifen die Früchte früher, in der Ebene etwas später, und auf der Nordseite noch einmal zwei Tage später. Dann hat man diese 18 Tage Zeit, um zu ernten. Wenn eine Frucht nicht makellos ist, wird sie als Industrieware aussortiert.

Wenn eine Frucht nicht makellos ist, wird sie als Industrieware aussortiert.

Der Vinschger „Marillenpapst“ Martin Fliri Dane sagt: „Ach die Äpfel, außer Hagel kann da nicht viel passieren.“ Sind die Äpfel wirklich so zäh, und die Marillen wirklich so empfindlich? 
Innerhofer: Der Apfel ist nicht so witterungsanfällig wie die Marille. Wenn es vor der Marillenernte regnet, ist das ein Problem.  Bei der Pflege während des Jahres und dem Pflanzenschutz machen die Äpfel aber mindestens gleich viel Arbeit.
Bachmann: Marille oder Apfel - man muss immer den Baum und die Blätter anschauen, mitfühlen. Das gilt für die Landwirtschaft allgemein. Wir setzen ja nicht die Pflanzen, gehen dann in Urlaub und kommen zur Ernte zurück. Der Konsument ist anspruchsvoll. Wenn eine Frucht nicht makellos ist, wird sie als Industrieware aussortiert. Fertig. Das ist beim Apfel extremer als bei der Marille. Die Marille ist ja ein Nischenprodukt. Da sind die Leute nachsichtiger. 

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Sie verkaufen Ihre Marillen ausschließlich ab Hof. Warum liefern Sie sie nicht an die Obstgenossenschaft?
Bachmann: Wir sind zu spät dran. Wie bei den Äpfeln gibt es bei den Marillen ein Erntefenster. Heuer sind wir früh dran mit der Ernte. Aber letztes Jahr haben wir die Marillen geerntet, da haben die Bauern im Tal schon die Gala-Äpfel in die Obstgenossenschaft gebracht. Da ist der Markt schon zu. Heuer hat die Obstgenossenschaft als letzten Liefertermin den 15. August bestimmt. Danach müssen wir entscheiden, ob wir die Marillen dennoch abliefern und einen niedrigeren Preis akzeptieren oder ob wir andere Wege gehen.

„Eine Marille kann man zwei Tage lagern. Maximal. Wir geben sie nicht in Kühlzellen. Wir verkaufen ab Hof. Wenn Sie anrufen, bereiten wir eine Steige vor, frisch vom Baum.“ Stephan Bachmann, Marillenbauer

Unreife Marillen schmecken wie ein glatzköpfiger Pfirsich.

So wie Sie mit dem Ab-Hof-Verkauf. Funktioniert das gut?
Bachmann: Ja. Durch unseren Hofschank erfahren die Leute von den Marillen. Stammkunden rufen wir direkt an. Erst heute hat mich eine Frau angerufen und gefragt, ob die Marillen reif sind. Nein, hab ich gesagt, du musst noch eine Woche warten. Sie meinte, sie wartet gerne, weil sie schön reife Marillen haben will. Dann hat sie erzählt, sie hat gerade irgendwo zwei Kilo Marillen gekauft, die zu früh geklaubt wurden. Die schmecken wie ein glatzerter Pferscha (glatzköpfiger Pfirsich, Anm.d.Redaktion). 
Innerhofer: Wichtig ist nur, dass sie schön im Regal ausschauen und dass der Konsument sie kauft.
Bachmann:  Wir waren gerade mit dem Marillenverein im französischen Rhonetal. Da gibt es Anlagen, 100 Hektar groß, voll mit Marillenbäumen. Aber die schmecken alle gleich. Das ist eine haltbarere Sorte, die reifen in der Kühlzelle und dann kommen sie auf den Markt.

Verarbeiten Sie die Marillen eigentlich auch selber?
Bachmann: Doch, aus dem, was wir nicht frisch vom Baum verkaufen, machen wir Marmelade, die geht weg wie die frischen Semmeln…

Herr Innerhofer, liefern Sie alle Äpfel ab oder verarbeiten Sie einen Teil? 
Innerhofer: Die gehen alle in die Obstgenossenschaft. Unser Betrieb ist relativ groß, da bleibt einfach nicht die Zeit für die Veredelung am Hof. Wir müssten Leute einstellen, das rechnet sich nicht…Marillen werden dort angebaut, wo keine Äpfel mehr wachsen.

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Marillen werden dort angebaut, wo keine Äpfel mehr wachsen.

Vor 15 Jahren war die Marille im Vinschgau fast verschwunden. Jetzt gibt es 120 Marillenbauern. Warum hat man entschieden, wieder in die Marille zu investieren?
Innerhofer: Hier oben kann keine Äpfel anbauen, vielleicht Beeren, was extrem intensiv ist, oder eben Marillen. Bis vor drei Jahren war der Marillenpreis am Boden. Dann ist in einem Jahr die gesamte Blüte verbrannt, es gab keine Marillen – der Preis stieg um das Dreifache, und der hält sich jetzt. Das ist auch gut so, denn vorher waren wir unterbezahlt.

„Der Apfelpreis ist gut. Aber das ist kein Zufall. Der Vinschgau ist prädestiniert für den Obstbau.“ Martin Innerhofer, Apfelbauer

Wovon hat der Niedermairhof früher gelebt?
Bachmann: Von der Viehwirtschaft…

…und das lohnt sich nicht mehr.
Bachmann: Nein. Jetzt haben wir Hochlandrinder und Schafe. Was wir halt für unseren Hofschank brauchen. Mit dem Vieh ist es wie mit dem Obst: Entweder habe ich Hunderte Kühe im Stall oder es funktioniert nicht. Ich versteh die Jungen, wenn sie sagen, ich will da oben nicht bleiben…

Wäre Getreide eine Alternative? Immerhin war der Vinschgau einmal die Kornkammer Tirols.
Bachmann: Wir haben Korn für den Eigenbedarf. Jedes Wochenende backen wir frisches Brot. Nur: Mähdrescher können hier am Hang nicht eingesetzt werden. Man muss alles von Hand schneiden. Und das muss man können. Wir machen jedes Jahr ein Fest, da kommen die Veteranen aus der Umgebung und schneiden für uns das Korn, binden die Garben... Ich könnte es nicht einmal.

Das Etschtal ist das größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas, hier im Vinschgau eine totale Monokultur. Ist der Preis so gut, dass es sich immer noch lohnt, nur Äpfel anzubauen?
Innerhofer: Der Apfelpreis ist gut. Aber das ist kein Zufall. Der Vinschgau ist prädestiniert für den Obstbau. Das Tal ist trocken, wir haben wenig Niederschlag, viel Wind und dadurch weniger Pilzkrankheiten. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sind gut fürs Aroma. Die Betriebe sind relativ klein, das heißt, der Bauer ist selbst jeden Tag in seinen Anlagen und sieht, wie es seinen Bäumen geht und was zu tun ist. Und durch die Genossenschaften sind wir am Markt mächtig genug, um zu sagen, wenn du einen Vinschger Apfel willst, musst du diesen Preis zahlen.

Also für Sie stellt sich die Frage eines Wechsels jetzt nicht?
Innerhofer: Derzeit nicht. Wenn ich einen kleinen Betrieb hätte und überlegen müsste, aus meiner kleinen Fläche mehr zu erwirtschaften, dann würde ich eine intensive Kultur pflanzen wie es die Marille oder auch die Kirsche ist. Aber Kirsche ist eher eine Kultur, die dort beginnt, wo der Apfelanbau aufhört. Und wo die Kirschen aufhören, beginnen die Marillen.
Bachmann: Wir haben früher Kirschbäume gehabt, bis vor drei Jahren. Aber die Kirschen sind so empfindlich. Man müsste alles überdachen, mit Hagelnetz und Folie, sonst erntest du keine Kirsche. Für ein Hektar kostet das 80.000 €, wie soll ich das wieder erwirtschaften? Dann hat es einmal so geschauert, dass sogar einige Bäume beschädigt waren. Da habe ich alle Kirschbäume herausgerissen und Marillen gepflanzt.

Interview: Gabriele Crepaz und Dora Vannetiello
Fotos: Alex Filz
Video: Andreas Pichler