Mai 2015

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Der Wegbereiter

80 Wegewarte halten Südtirols Wanderwege in Schuss. Damit sich keiner verirrt, sagt Martin Reichhalter. Ein gutes Argument, oder?

Haben Sie jemals überlegt, wer dafür sorgt, dass Sie sich auf dem Berg nicht verlaufen? Martin Reichhalter ist einer von 80 Wegewarten in Südtirol. Er mäht das Gras, prüft die Beschilderungen, tauscht kaputte Tafeln aus.

Etwas zu essen einpacken. Eine warme Jacke mitnehmen. Eine Unterlage zum Draufsitzen, falls die Wiesen nass sein sollten. Ein Taschenmesser, man weiß ja nie. 17.000 Kilometer an Wanderwegen gibt es in Südtirol, und wer auf ihnen unterwegs ist, denkt im Normalfall an eine ordentliche Ausrüstung. Nur um eine Sache machen sich die wenigsten Gedanken: Dass die Wege ordentlich ausgeschildert und hergerichtet sind. Weil das so selbstverständlich ist, kennt kaum jemand Menschen wie Martin Reichhalter.

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Wenn der Schnee schmilzt, geht Martin Reichhalter Kilometer um Kilometer ab und notiert, was zu tun ist.

Der 66-Jährige aus Klausen im Eisacktal ist einer von etwa 80 Wegewarten in Südtirol. Jeder von ihnen kümmert sich um ein Gebiet, in manchen Gegenden haben Familien diese Aufgabe übernommen. Reichhalter, der die Wander- und Themenwege in der Gegend um seine Heimatstadt Klausen in Schuss hält, ist alleine unterwegs. Seit über 20 Jahren schon.

Wo führen die Schilder Wanderer in die Irre?

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Reichhalter in einem Betonwerk. Mit 20 Jahren entdeckte er die Leidenschaft fürs Wandern, seither schaltet er am besten in den Bergen ab. Er wurde früh Mitglied im Südtiroler Alpenverein. Das Hobby ist mittlerweile auch Beruf geworden: Wenn er sich nicht gerade um die Instandhaltung der Wege kümmert, ist er als Wanderführer und Tourenleiter des Alpenvereins von Klausen unterwegs. Die Leidenschaft hat sich in sein Gesicht gebrannt. Sein Gesicht hat von den vielen Stunden an der frischen Luft eine gesunde Farbe angenommen.

Fünf Gebote am Berg

- gute Schuhe und wetterfeste Kleidung
- Wanderzeit und eigene Kondition einschätzen
- genügend zu trinken einpacken und Sonnenschutz nicht vergessen
- bei langen Wanderungen immer wieder Pausen einlegen
- jeder kann mithelfen, die Berge sauber zu halten

Regelmäßig schultert der Wegewart aus Klausen seinen Rucksack, um nach dem Rechten zu sehen. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt und die Wege wieder freigibt, hat Martin Reichhalter gut zu tun. Dann geht er Kilometer um Kilometer die ihm zugeteilten Wanderwege ab und macht sich Notizen. Wo stimmt die Beschilderung nicht mehr? Wo fehlen Tafeln oder sind kaputt und verwittert? Wo muss Gras gemäht oder sollen Steine aus dem Weg geräumt werden? Sein Engagement erfordert viel Einsatz. Deshalb ist es schwierig, Nachfolger zu finden. Aber daran denkt er im Moment nicht. „Diese Aufgabe ist irgendwie an mir hängengeblieben“, sagt er und lacht.

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In welche Richtung soll das Schild zeigen? Martin Reichhalter muss sich oft in die Lage der Wanderer versetzen.

Es ist wichtig, sich in die Lage der Wanderer zu versetzen.

Alleine schon die Lage seines Zuhauses erinnert ihn täglich daran. Die Berge wachsen fast bis vor seine Haustür in Klausen, wo er mit seiner Frau lebt und auch eine Ferienwohnung an Touristen vermietet. Meistens geht er zu Fuß von hier los, im Rucksack sein abgewetztes Notizbuch und den Fotoapparat, einen Pinsel und etwas Farbe, um verwitterte Tafeln wieder herzurichten. Manchmal fährt er auch mit dem Auto ein Stück hinauf, wenn er schweres Material transportieren muss, um die Schilder zu erneuern. „Um sie am richtigen Ort anzubringen, stelle ich mich dumm. Dann gehe ich ein Stück vom Weg zurück und versuche mich in jemanden hineinzuversetzen, der die Gegend nicht kennt.“ In solchen Momenten erinnert sich Reichhalter oft an einen Wanderurlaub auf den Kanarischen Inseln. Da wäre er, der geschulte Wegbereiter, ohne sein GPS-Gerät aufgeschmissen gewesen. „Den Weg musste man suchen, das war unglaublich. Da dachte ich schon, dass wir hier im Paradies leben.“

Am liebsten hier

● Über Kaseregg und die Latzfonser Almen zum Latzfonser Kreuz und weiter zur Kassianspitze: Der Ausblick zum Rosengarten, den Dolomiten und Gletschern im Norden und Westen belohnt für alle Anstrengung. ● Rundwanderung zum Peitlerkofel: Der Aufstieg zum Gipfel führt durch blühende Almwiesen, über alpines Gelände und zum Schluss über einen einfachen Klettersteig. Oben angekommen genieße ich den Rundblick. ● Wandern im Puez-Gebiet: Den Piz Duledes und Col da la Pières zu besteigen ist für mich in jedem Jahr ein Muss. Immer wieder fühle ich mich in eine Mondlandschaft versetzt.

Markierungen werden auf Steine und Bäume gemalt.

Markierungen hält er auch aus diesem Grund für das Wichtigste. In Südtirol werden sie manchmal auf Steine aufgemalt oder auf Baumrinden. Jene, die nicht nur die Richtung, sondern auch den Namen einer Hütte oder eines Gipfels anzeigen, sind auf Schildern vermerkt. Die Tafeln aus Lärchenholz, das im Laufe der Zeit so schön silbrig-grau verwittert, sind vor ein paar Jahren im ganzen Land ausgetauscht und vereinheitlicht worden. Im Frühjahr trägt Reichhalter die Farbe neu auf. Wenn Menschen die Schilder mutwillig zerstören, ärgert ihn das. „Die Wege gehören uns nicht“, sagt er ernst, „jeder muss Rücksicht nehmen“. Und dafür geht er mit gutem Beispiel voran. Reichhalter hat immer eine Tasche mit dabei, um Müll einzusammeln. Er hat festgestellt, dass es in den vergangenen Jahren besser geworden ist. „Die Leute haben mehr für Sauberkeit übrig. Wenn sie einen Weg ohne Dreck vorfinden, ist die Hemmschwelle größer, etwas wegzuwerfen.“ Und damit meint er nicht den Rest eines Apfels, sondern Papiertaschentücher, Dosen, Plastikflaschen.

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Jedes Jahr im Frühjahr pinselt Martin Reichhalter mit roter und weißer Farben die Markierungen nach.

Der 66-Jährige kennt die Wege um seine Heimatstadt wie seine Westentasche. Er weiß den Ort mit dem besten Blick zu den Dolomiten und wo die Pfifferlinge für gewöhnlich aus dem Boden schießen. Er kann berichten, dass das Jahr 2014 ein besonders enzianreiches war und dass man unbedingt einmal ein Stück vom Kastanienweg ab dem Vahrner See laufen sollte. „Ich habe ein gesundes Hobby“, sagt er. Und viel mehr als das. Nur ist Martin Reichhalter kein Mann der großen Worte. Und auch keiner, dem bewusst ist, durch seinen Beitrag etwas Besonderes zu leisten. „Warum ich das mache?“, wiederholt er erstaunt die an ihn gestellte Frage und zieht die Augenbrauen hinter seiner runden Brille hoch, „ja, aus Liebe zur Natur“. Und weil es eben schon seit einer langen Zeit so ist.

Text: Verena Duregger
Fotos: Alex Filz