Das angelehnte Haus

Der Neubau von Armin Pedevilla und Caroline Willeit hat viel von einem typischen Bauernhaus und ist doch ganz anders. Modern eben.

  • April 2016

  • Lesedauer: 3'

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Das angelehnte Haus

Der Neubau von Armin Pedevilla und Caroline Willeit hat viel von einem typischen Bauernhaus und ist doch ganz anders. Modern eben.

Südtirols viel gerühmte Kulturlandschaft ist zum guten Teil das Ergebnis bäuerlicher Baukultur. Einige Bauernhäuser sind alt geblieben, andere umsichtig saniert worden, an manchen wurde weitergebaut. So wie es die Generationen vorher auch immer getan haben.  

Wir fahren die schmale Straße entlang, immer höher. Als wir denken, wir sind falsch,sind wir richtig: in Pliscia, bei „La Pedevilla“, dem Chalet von Pedevilla Architekten. Die Architekten Armin Pedevilla und Caroline Willeit haben hier ein Haus gebaut, das im Kopf anders ankommt als die Augen es sehen. Es ist ein Hof. Es ist kein Hof. Und wenn, dann ein umgebauter.

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Ein Hof? Kein Hof!

Alles stimmt – ein bisschen. An der Stelle stand einst ein alter Hof, den Armin Pedevillas Vater geerbt hatte, ein Stall mit darüber liegendem Wohnbereich. „Das Haus war in der Substanz nicht zu retten“, sagt der Architekt. Aber er wollte die Geschichte auch nicht ganz auslöschen. Hier hatte er schließlich viele Sommer verbracht. Nur einen Stall brauchte er nicht. Jetzt erhebt sich ein Neubau am Eingang des winzigen Weilers Pliscia im Gadertal, der aus dem Wohnhaus der Familie besteht und einem leicht nach vorne versetzen kleineren Bau, früher wäre es ein Stadel gewesen, heute ist es eine geschmackvolle Ferienwohnung. Beide Häuser haben ein Satteldach, aber ohne Vordach, eine Fassade aus Holz, aber schwarz angemalt. Und innen sind sie aus erstklassigem Beton.

Armin Pedevilla hat sich viele Gedanken gemacht, als er sein Haus gebaut hat. Für ihn war klar, dass er auf 1.200 Meter Höhe im steilen Gelände nicht so bauen konnte wie im Flachland. So ließ er nicht tief in den Berg hineingraben, es gibt keine Stützmauern, keine Terrassierungen im Außenbereich. Das Haus steht heute so, als hätte es vom Berg ein Stück Platz geliehen, um sich anlehnen zu können.

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Ein sanfter Bau, der mit zwei wesentlichen Materialien auskommt: Beton und Holz, genauer Lärche außen, innen Zirbe. „Das Holz hat ein Bauer im Nachbardorf Wengen am kürzesten Tag des Jahres und bei abnehmendem Mond geschlägert“, erzählt Armin Pedevilla. Ein einziger Tischler erledigte alle Holzarbeiten im Innenraum. Der Beton wurde aus Weißzement und Dolomitgestein aus einem nahen Bruch gegossen. Bei aller Schlichtheit sind die einzelnen Materialien so stark, dass die Architekten ohne Dekor leben wollen. „Wir haben gar keine Lust, ein Bild aufzuhängen“, lacht Caroline Willeit.

Kinoqualität hat das Bild vor ihren Panoramafenstern: grüne Landschaft, in der Ferne das kleine Dorf Welschellen, über allem mächtig der Dolomitengipfel des Peitlerkofel. Wolken ziehen. Viel Sonne. Manchmal Nebel. „Dann leben wir wirklich über den Dingen“, sagt Armin Pedevilla.

Auf gute Nachbarschaft

Seine Frau hat „ja“ gesagt, als Armin Pedevilla sie gefragt hat, ob sie sich vorstellen könne, in Pliscia, einem 23-Seelen-Weiler bei Enneberg im Gadertal, zu leben. Das ganze Jahr hindurch. Die Architektin Caroline Willeit mag das Leben in der Stille, sie mag, wie die Menschen rundum sie als Neulinge aufgenommen haben, und auch, dass ihre Söhne Laurenz (5) und Valerian (4) - und bald Töchterchen Helena (1) - jeden Tag einfach zum Nachbarn in den Stall gehen dürfen. Ein zeitgemäßes Viles-Leben eben. Steil am Hang liegen die Viles im Gadertal, ursprüngliche Weiler, die aus einer Gruppe dicht gebauter Paarhöfe bestehen. Im rauen Klima, dazu auf schwierigem Gelände, gründete das Leben der Bauern jahrhundertelang auf einer einzigartigen Form gemeinschaftlicher Organisation sowie auf Selbstversorgung. In den Viles wurden gute und schlechte Böden ausgewogen auf die Höfe verteilt, ein sensibles Gleichgewicht herrschte zwischen Ackerbau und Viehwirtschaft, Wälder und hochgelegene Almweiden wurden zum Teil gemeinsam genutzt.

Noch immer rücken die Menschen in Pliscia zusammen. „Eine Nachbarin bringt immer wieder Tirschtlan (mit Spinat und Topfen oder mit Kraut gefüllte Fladen, Anm. d. Red.) vorbei“, sagt Caroline Willeit. Eier, Milch und Fleisch holen die Pedevilla gerne beim Nachbarhof. Gleichzeitig sind die Vilesbewohner längst an ein gutes Versorgungsnetz angeschlossen: Am Mittwoch zieht der Gemüsehändler durch den Ort, am Donnerstag kommt der Bäcker aus dem Tal mit dem Brot.

Text: Gabriele Crepaz