Tanz der Tasten

Große Karrieren beginnen oftmals bei renommierten Wettbewerben, wie dem Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau, dem Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau… oder dem Busoni-Wettbewerb in Bozen.

  • Mai 2018

  • Lesedauer: 5'

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Tanz der Tasten

Große Karrieren beginnen oftmals bei renommierten Wettbewerben, wie dem Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau, dem Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau… oder dem Busoni-Wettbewerb in Bozen.

Sie sind talentiert und fleißig. Stundenlang üben Jungpianisten täglich. Seit vielen Jahren. Ihre Finger tanzen mit einer Selbstverständlichkeit über die Tasten. Wieder und immer wieder, bis jeder Ton perfekt sitzt. Hoffnung haben alle dieselbe: den Durchbruch zu schaffen. Deshalb kommen sie nach Bozen, wo sich alle zwei Jahre die Elite der Nachwuchs-Pianisten trifft. 

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Wenn der Zufall zur Zukunft wird

Manche Begegnungen bleiben in Erinnerung. So erging es auch dem Pianisten und Juror des Busoni-Wettbewerbes Pietro De Maria nach einem Konzert, das er in Zagreb gab. Gerne erinnert er sich daran zurück: „Nach dem Konzert interviewte mich eine kroatische Journalistin. Im Anschluss an das Interview erzählte sie mir, dass ihr Sohn Ivan ebenfalls Klavier spielt – sehr gut sogar“. Fleißig sei Ivan. Und sie war stolz, dass ihr Sohn es beim Busoni-Wettbewerb in die Endrunde geschafft hatte. Was zu diesem Zeitpunkt nur Pietro De Maria wusste: Er würde Ivan Krpan als Juror des Busoni-Wettbewerbes in Bozen kennenlernen und spielen hören. 

Internationaler Klavierwettbewerb

Der Busoni-Wettbewerb gehört neben dem Chopin-, dem Tschaikowski- und dem Van Cliburn-Wettbewerb zu den prestigevollsten für Jungpianisten. 1949 gegründet, findet er seit 2002 alle zwei Jahre statt. Nach einer Vorauswahl im ersten Jahr, zu dem 2016 aus über 300 eingeschriebenen Kandidaten insgesamt 100 Pianisten nach Bozen eingeladen worden sind, gibt es im Folgejahr zwei Solo Prüfungen, eine Kammermusikprüfung und das große Finale mit Orchester, bei dem der Sieger gekürt wird – falls es einen solchen überhaupt gibt, wurde doch der erste Preis in 61 Ausgaben nur 29 Mal vergeben.

„Der Beste“ ist Definitionssache

Dass Ivan „sehr viel übt“, wie seine Mutter erzählt hatte, kann ich einen Tag später erleben, als ich ihn in einem Übezimmer, einer sogenannten Aula, des Bozner Konservatoriums besuche. „Du kannst bei diesem Wettbewerb, wie bei vielen anderen, nicht wirklich sagen, wer besser ist“, erläutert mir Ivan, „denn jeder Teilnehmer ist anders.“ Auch wenn es immer wieder Diskussionen und unterschiedliche Einschätzungen gibt, können die Juroren jedoch sehr wohl Unterschiede begründen, erfahre ich auf Nachfrage. Große Erwartungen hat Ivan nicht, ist er doch einer der jüngsten Teilnehmer. Sein Umfeld hingegen schon. „Jeder möchte, dass du der Beste wirst. Die Lehrer aus der Musikschule, die Freunde aus der Schule und natürlich meine Mutter“, erzählt er.

„Ich will nicht der Beste werden, sondern mein Bestes geben. Das ist ein großer Unterschied.“ Ivan Krpan, Pianist

Zu Gast bei Freunden

„Ich nehme an Wettbewerben teil, weil ich andere Herangehensweisen zu derselben Musik kennenlernen möchte“, erzählt Ivan. „Man kehrt nach jedem Wettbewerb ein Stück reifer zurück, nicht nur musikalisch.“ Der Busoni-Wettbewerb ist auch ein Ort des Austausches zwischen jungen Talenten, erfahrenen Pianisten und den Menschen vor Ort. Während des Wettbewerbes wohnen die Teilnehmer bei Bozner Gastfamilien. Zahlreiche Freundschaften sind dadurch bereits entstanden. Juror Pietro De Maria schätzt diesen Austausch: „Auch wir Juroren können jedes Mal aufs Neue durch die verschiedenen Denkweisen der Jurykollegen und von den Teilnehmern etwas mitnehmen und die Kultur vor Ort kennenlernen.“ Er kommt immer wieder gerne nach Bozen, ihm gefällt besonders die „italienische Lockerheit gepaart mit der deutschen Präzision“. 

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Die Finalissima

„Ich spiele, und dann sagt mir die Jury, ob ich erneut spielen darf.“ Ivan hat es bis in die Finalissima geschafft. Er setzt sich ans Klavier. Hoch konzentriert wirkt er, aber auch etwas angespannt. Die Plätze im Neuen Stadttheater in Bozen sind bis auf den letzten gefüllt. Als Ivan mit dem Haydn Orchester zu spielen beginnt, beobachte ich seine Finger. Minutenlang. Wie sie sicher auf den Tasten herumspringen, während er eins zu werden scheint mit seinem Instrument.

Die Spannung ist groß. Ivans Name wird bei der Preisverleihung als Letzter aufgerufen. Der Busoni-Wettbewerb hat einen neuen Gewinner, die Klavier-Welt ein neues Gesicht. Schüchtern, aber mit einem strahlenden Lächeln nimmt er die Siegerurkunde entgegen. 

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Eines habe ich noch vorenthalten: Direkt im Anschluss hatte Ivan eine ganz besondere Interviewanfrage… die seiner Mutter. 

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: International Piano Competition „Ferruccio Busoni“
Video: Miramonte Film – Andreas Pichler