November 2015

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Wie klingt die Stille am Berg?

Blogger Johannes Klaus schaltet am Berg drei Tage sein Telefon aus. Was passiert?

„Dingeliding, ding dong ding...“ Nein, dies ist kein abgedrehter Klingelton. Hier auf 2.340 Metern Höhe unterlegt nur das beharrliche Klingeln der Kuhglocken den Tag, und nachts ist es still. Drei Tage und Nächte auf der Bonner Hütte bei Toblach.

Auf den Shuttlebus wartet man vergeblich. „Der Aufstieg gehört dazu!“ findet Alfred, der Hüttenwirt. Nun gut. Das Gepäck wird gebracht, und mit unseren Koffern wären wir auch selten schlecht ausgerüstet für die knapp 800 Höhenmeter, die es zu besteigen gibt. Etwa zweieinhalb Stunden dauert das, wenn man sehr gemächlich geht, und je weiter wir hinauf kommen, desto öfter zeigt sich, zwischen dem dünner werdenden Fichtenwald, was diesen Ort besonders macht.

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Auf dem Kamm des Toblacher Pfaffhorns blickt man nach Österreich auf die Ostalpen.

Auf unserer Seite ziehen sich die Almen, von Gräsern und den letzten Sommerblumen bewachsen. Hier im Pustertal, wo sich die Granit- und Gneismassive der letzten Alpenausläufer und die Kalksteinplatte der Dolomiten ineinander und aneinander auftürmen, ist die Grenze der beiden Gebirge – und die zweier Länder. Wir steigen auf einen italienischen Berg, doch hinter dem Bergrücken geht es in Österreich hinunter.

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Das Gipfelkreuz des Toblacher Pfannhorns – mit etwas Glück hat der Wanderer einen 360 Grad Blick auf Ostalpen und Dolomiten.

Wenn der Blick in einer Wegkehre übers Tal auf die andere Seite schweift, eine monumentale Kulisse: Die Dolomiten – nicht mittendrin, sondern von außen gesehen, aus der gleichen Höhe. Wie graue Eminenzen aus einer sagenhaften Urzeit ragen die Kalkfelsen von den waldbewachsenen Bergen empor.
 
Ein gutes Stück über der Baumgrenze liegt die Bonner Hütte, vor neun Jahren von Alfred Stoll neu eröffnet, nachdem sie in einer wechselvollen, über hundertjährigen Geschichte zuletzt zur Ruine verfallen war. Ein kleines Prachtstück mit 25 Betten. Als gelernter Tischler konnte er fast alle Ausbauarbeiten selbst tätigen. Hier werden wir drei Nächte bleiben.

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Nebel verschluckt die Berge, und auf der Terrasse der Bonner Schutzhütte fühlt man sich ganz allein.

Abends beginnt es zu schneien. Für mich eine Sensation! Anfang September der erste Schnee! „Ich habe schon in jedem Sommermonat Schnee erlebt“, meint Alfred ungerührt. „Juli, August, das kommt schon vor.“ Er stellt einen dampfenden Teller mit Spinat-, Pressknödeln und Kraut auf den Tisch. Als Hüttenwirt ist er auch Koch, seine Familie hilft im Sommer mit. Gut kann er das!

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Die gesamte Verkleidung der Hütte wurde vom Wirt selbst geschreinert.

Am nächsten Morgen sind die Wiesen weiß bestäubt. Die Kühe haben sich tief in den Wald verzogen, das Kuhglockenlied wird von den Bäumen verschluckt. Die Ruhe dieses Ortes ist noch spürbarer. Es ist keine absolute Stille, eher die Abwesenheit jedes künstlichen Geräusches. Das Bächlein plätschert weiterhin, eine Biene summt, im Sonnenschein knistert der schmelzende Schnee.

Was hat die Stadt Bonn mit dem Schutzhaus Bonner Hütte zu tun?

Die Sektionen Bonn und Hochpustertal des deutschen und österreichischen Alpenvereins haben die Bonner Hütte 1897 gebaut. Nach einer wechselvollen Geschichte – viele wollten sich dem Panorama hingeben, kaum jemand wollte in der Höhe übernachten; später wurde das Schutzhaus vom italienischen Militär genutzt – war die Hütte lange dem Verfall preisgegeben. 2006 übernahm Alfred Stoll als Pächter das Schutzhaus. Zusammen mit Freunden und Handwerkerkollegen sanierte er die Ruine und machte ein kleines Schmuckkästchen daraus. So ist die Bonnerhütte heute ein äußerst komfortables Haus, das zwar dem ursprünglichen Stil und der Tradition der Bergwelt verhaftet ist, dabei aber den Erfordernissen der Moderne entspricht.

So kommt ihr hin: Anfahrt von Toblach im Pustertal durch das Silvestertal zur Straßengabelung und hinauf zum Weiler Kandellen (1580 m); Parkmöglichkeit dort oder etwas weiter neben der Kapelle von Kandellen. Jetzt beginnt ein leichter Bergweg, ca. 700 Höhenmeter im Aufstieg. Dem Schild Bonner Hütte 25 folgend, an der Gaststätte Bergrast und am Hoferhof vorbei hinan zum Wald und hinein ins Golfental bis zur Waldgrenze und zuletzt durch freie Grashänge zur Bonner Hütte (2340m); Gehzeit: ab Kandellen knapp 2 Stunden.

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Himmlischer Beistand ist auch auf dem Pfannhorn vorhanden.

Meine Schritte und mein schweres Atmen fügen sich in die sanfte Stille ein, als ich den Berg hinaufsteige. Die Wolken sind schneller, immer wieder umschließen sie mich, während sie am Hang himmelwärts treiben. Einmal rundum soll man sehen können, wenn man oben am Gipfelkreuz steht, nach Südtirol auf die Dolomiten wie auch auf die Alpen des österreichischen Osttirols.

Je höher ich steige, desto mehr gleiten meine Gedanken ins Pathetische ab, ist es die Landschaft, die Höhe? Aber was solls, andere Worte fallen mir nicht ein. Schon so mancher Wanderer fühlte sich zum Dichter berufen, und hätt’s doch besser gelassen...

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Die Sextner Dolomiten leuchten in den schönsten Schattierungen, vor allem im Morgengrauen und bei Sonnenuntergang.

Niemand begegnet mir auf dem Weg, die Stille ist wunderbar. Als ich mich dem Gipfelkreuz nähere, höre ich eine Gruppe Wanderer. Sie stehen auf dem Gipfel und lärmen, als hätten sie auf dem Weg Enziangeist statt Wasser getrunken. Auch der Blick zurück auf die Dolomiten ist mir durch Wolken verwehrt, doch nach Osttirol kann ich schauen. Eine gemütliche Berglandschaft, doch gerne wende ich mich wieder um und steige hinab, um bei Spiegelei und Speck auf die imponierenderen Berge zu schauen: Die Dolomiten, vom ersten Schnee gepudert.
 
Text und Fotos: Johannes Klaus

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Das ist Johannes Klaus

Blogger, Grafiker, Reisender. Sein Blog Reisedepesche wurde 2011 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Seit 2013 ist Johannes Klaus Herausgeber von Reisedepeschen, seit 2015 von The Travel Episodes. Er mag Apfelschorle in 0,5 Liter-Flaschen und lebt in Berlin.