Oktober 2016

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Auf einer Linie

Francesca Arra und Anton Hofer haben sich nie getroffen. Ihre Stoffmuster verstehen sich dennoch. Als gäbe es einen roten Faden.

Der eine kehrte aus Wien nach Bozen zurück, die andere tauschte Mailand gegen das Gadertal ein. Fast hundert Jahre trennen die Anfänge von Anton Hofer (1888-1979) und Francesca Arra (geb. 1962).

Trotzdem haben die Stoffdesigner viel gemeinsam. Beide lieben das Ornament, aber nicht um seiner selbst willen. Beide verabscheuen Folklore, inspirieren sich jedoch an überlieferten Erzählmustern, setzen Geometrie und geschwungene Linien gleichermaßen ein, Anton Hofer strenger, spielerischer Francesca Arra. Stilisiert wirkt aber sogar die verwobene Natur in ihren Stoffmustern wie liebliche Geometrie. Arra und Hofer tragen Kunst in den Alltag. Ihre Stoffdesigns werden auf Bestellung individuell angefertigt.

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Anton Hofer und Francesca Arra.

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Anton Hofer

Es tat dem Bozner Teenager Anton Hofer gut, dass seine Mutter ihn 1905 nach Innsbruck in die Schule schickte. Mit einem Staatsstipendium schaffte er den Sprung nach Wien, studierte dort an der späteren Hochschule für Angewandte Kunst, wurde Meisterschüler und bewegte sich im Dunstkreis der „Wiener Secession“, jener Künstlergruppe, die das Kunsthandwerk gegenüber der autonomen Kunst aufwerten wollte.
 
 
1920 kehrte Anton Hofer als Architekt, Maler und innovativer Formgestalter nach Bozen zurück und versuchte mit seinen neuen Ideen im provinziellen und seit kurzem italienisch gewordenen Südtirol Fuß zu fassen. Aufträge von Textilfirmen in Tirol, Vorarlberg, Baden-Württemberg, vom Glashersteller Lobmeyr in Wien und der Porzellanfirma Ginori in Mailand sind aus dieser Zeit bekannt. Hofer war ein Tausendsassa. Was geformt werden kann, griff er an: Schrift, Stoff, Glas, Möbel.

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Es könnten Hörner sein, genauso gut aber auch Baumstümpfe im Winter; und Blätter. Naturelemente werden bei Anton Hofer in liebliche Geometrie übergeführt. Oft erhalten Anton Hofers Zeichnungen ihre Kraft durch die serielle Wiederholung.

Vermutlich um 1923 begann Anton Hofers Zusammenarbeit mit der Weberei Ulbrich in Bruneck, in deren Verlauf zahlreiche Stoffentwürfe entstanden, u.a. zu einer Damasttischdecke für das italienische Königshaus. Hofer hielt nie viel vom äußeren Schein; sein Dekor erwächst aus der Struktur des jeweiligen Stoffs und erhält seine Schönheit aus der Nützlichkeit des Objekts. „Natürlich haben wir Hofers Entwürfe noch“, sagt Markus Frenes von der Weberei Ulbrich. Serienmäßig werden sie nicht mehr produziert, dafür auf Bestellung, denn die Maschinen haben noch nicht vergessen, wie’s geht…

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Francesca Arra vertreibt ihre Textilien unter dem Namen „D‘OO Tessuti“. D‘oo ist entstanden, als die Designerin wieder einmal mit ihren Katzen kuschelte. Aus dem Kosenamen „gatto d’oro“ (dt. Goldkatze) wurde ein abgespecktes „d’oo“. Und aus Bäumen werden abstrakte Strichmännchen.

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Francesca Arra

Es war vor 17 Jahren. Nach einem Urlaub in Südtirol ist die Architektin einfach nicht mehr nach Mailand zurückgefahren, sondern in ihrem Ferienhaus in St. Vigil im Gadertal geblieben.

Sie sei nie ein richtiger Stadtmensch gewesen, erzählt Francesca Arra. Ab und zu krempelt sie eben ihr Leben um. Früher hat sie Segelboote eingerichtet, heute entwirft sie Stoffmuster für Heimtextilien. Auch dabei hört sie nicht auf zu suchen: Ihre Zeichnungen lehnen sich genauso an schmiedeeiserne Vorlagen aus dem frühen 20. Jahrhundert an wie sie von uralten Mustern aus den verschiedenen Kulturkreisen übernehmen und am Ende wundersam mit der Südtiroler Landschaft verwoben sind. Schnörkel und Arabesken und serielle Designs: Alle Stoffe können direkt bei ihr bestellt werden und werden anschließend eigens angefertigt.

Als ich anfing, wusste ich nichts von der Welt des Webens. Klar war mir nur eines: Ich wollte diese typisch alpinen Farben auf den Kopf stellen. Francesca Arra, Stoffdesignerin

Bei all dem lässt sie die Natur den Rhythmus ihres Handelns und Denkens bestimmen. Wenn alles schief geht, dreht sie einfach eine Runde im Wald hinter ihrem Haus. Wenn eine Bestellung bei ihr eingeht und sie auf die Frage antworten soll, bis wann man mit dem gewobenen Stück rechnen könne, sagt sie: „Das hängt davon ab, ob der Weber auch noch seine Wiese mähen muss…“

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Francesca Arras Muster sind auffällig, ohne den Betrachter zu ermüden. Sie ähneln einer großen stillen Landschaft. Soweit das Auge reicht.

Francesca Arras Entwürfe werden von einem Weber in St. Vigil im Gadertal umgesetzt. So schlicht die Stoffe in der Ausführung wirken, so komplex ist ihre Anfertigung: Zehn bis 20 Stunden arbeitet der Weber allein daran, auf dem Webstuhl ein neues Muster zu programmieren. 

Ausgeführt werden die Entwürfe mit aufwändiger Jacquardtechnik, die groß gemusterte Gewebe zulässt. Dabei wird der Webstuhl so programmiert, dass die Kettfäden einzeln hochgezogen werden. Ähnlich selektiv ist die Designerin bei der Suche ihrer Muster. Ihre Stoffe inspirieren sich an uralten Mustern, konkurrieren mit dem herben Charme der Südtiroler Natur und gestalten sich im soliden Können lokaler Handwerkskunst.

Francesca Arras Farben nehmen Töne aus Südtirol auf: das Rot der Geranien, das Grün der Weiden, Löwenzahngelb, oder eben das Weiß der gekalkten Südtiroler Bauernhäuser. Immer wenn sie einen neuen Entwurf abliefert und beim Weber nachfragt, ob die Farbe gelungen sei, antwortet dieser: „Es ist vor allem eine Francesca-Farbe.“ 

Text: Gabriele Crepaz

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Jeder Schnörkel muss einen Sinn haben: Anton Hofer wollte die um 1900 zur Routine gewordene Verwendung von volkstümlichen Ornamenten unterbrechen. Nostalgie war nicht sein Ding.