Die Alpenüberquerung

In neun Tagen von München nach Bozen – zu Fuß und mit dem Rad. Der Soziologe Tim Frohwein und sein Weggefährte berichten.

  • August 2016

  • Lesedauer: 3'

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Die Alpenüberquerung

In neun Tagen von München nach Bozen – zu Fuß und mit dem Rad. Der Soziologe Tim Frohwein und sein Weggefährte berichten.

Reisen bedeutet heute für viele Menschen, sich auf touristische Trophäenjagd zu begeben: Schnell um den Erdball düsen, kurze Abstecher zu Top-Sehenswürdigkeiten machen, Fotos schießen und dann geht’s wieder zurück, um am Tag danach mit verknittertem Jetlag-Gesicht im Bürostuhl zu sitzen. Urlaubstage wollen schließlich nicht verschwendet werden.

Auch ich habe jahrelang an der Jagd teilgenommen, habe Waikiki Beach, die Verbotene Stadt oder die Pyramiden „abgehakt“. Doch diese Reisen, auf denen viele Punkte in kurzer Zeit auf dem Programm standen, haben mich gestresst. Heute möchte ich entspannter reisen – und nicht mehr so weit weg.

Deshalb stellen wir unsere Alpenüberquerung auch unter dem Motto: Nicht nur oberflächlich die Vielfalt dieser Erde kennenlernen, sondern in die Tiefe gehen und die Schätze der eigenen Region entdecken. 

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Der Weg nach Südtirol

Der größte Teil unserer Reise verlief durch Bayern und Österreich. Nachdem wir am ersten Tag die Abgeschiedenheit des Klosters Benediktbeuern – unserem ersten Etappenziel – erlebten, erschien uns der Touristenmagnet Tegernsee am Folgetag wie eine Parallelwelt. Unsere erste richtige Bergetappe führte uns am Tag drei über eine fast unsichtbare Grenze nach Österreich. Mit Regen und fast herbstliche Temperaturen ging es auf der vierten Etappe oberhalb des Achensees entlang. Am fünften Tag zog uns die Geschichte Rattenbergs, der offiziell kleinsten Stadtgemeinde Österreichs in ihren Bann, während später auf unserer Wanderung oberhalb des Spieljochs die Spuren des alpinen Wintertourismus kaum zu übersehen waren. Gleich hinter der Retortensiedlung Hochfügen, von der wir am sechsten Tag aufbrachen, drangen wir in ein wunderschönes Tal vor und überquerten bei dichtem Nebel das Sidanjoch. 

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Kurz über die Grenze

Am siebten Tag ging es vom österreichischen Mayrhofen endlich nach Südtirol. Eigentlich ist Südtirol für viele sonnige Tage und wenig Regen bekannt. Wir erwischten leider einen Regentag. Der einzige trockene Moment war der Start. Nach einem mehrminütigen Rendezvous mit der Sonne zogen Regenwolken auf, die uns von nun an die kommenden Stunden treu begleiteten.

Beim Aufstieg zum 2300 Meter hohen Pfitscher Joch erinnerten die Niederschläge an die Vorwäsche einer Waschstraße: Sprühregen in unterschiedlicher Intensität. Oben angekommen waren wir von Wolken umschlossen, die sich beim Abstieg ins Pfitschtal Richtung St. Jakob von feinen Tröpfchen in ausgewachsene Regentropfen verwandelten. Es schüttete, mal schwächer, mal stärker, während wir an einer Moränelandschaft entlang wanderten. Wer baut eigentlich diese Steinmännchen? Vielleicht die Nörgelen, eine zwergenhafte Erscheinung? Ja, das Pfitsch-Tal ist wie der Rest der Alpenwelt bekannt für Sagen, Erzählungen und Fabelwesen

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Die letzte Etappe nach Sterzing ist eigentlich nur noch ein Spaziergang – aber nach sieben Tagen Wandern müssen wir auch hierfür noch mal einiges an Anstrengung aufwenden. Die Sonne ließ Wiesen und Wälder in satten Farben erstrahlen, auf einigen schwarzen Gesteinsgipfeln der umliegenden Berge glitzerten die Tau- und Regenreste der Nacht. Der Rundum-Blick war faszinierend. Und selbst wenn wir auf unserem Weg hin und wieder kleinere Landstraßen queren mussten, begegnen uns kaum Menschen. Was für ein traumhafter Abschluss für eine Tour, auf der jedoch unser Bedürfnis nach Ruhe und Menschenleere nicht immer befriedigt wurde. Am letzten Abend saßen wir am Sterzinger Stadtplatz, wo ein großes Sommerfest stattfand. Zwischen den Bierbänken hetzten in Dirndl und Tracht gekleidete Bedienungen herum und nahmen auf Italienisch und Deutsch Bestellungen entgegen. 

Der Gegenentwurf zur touristischen Trophäenjagd

Nach neun Tagen saßen wir am frühen Vormittag des 14. August schweigend auf den kühlen Stufen des Bozner Zugbahnhofes. Erschöpft, glücklich und – ich für meinen Teil – ein klein bisschen ratlos. 192 Kilometer legten wir von München bis hierher mit dem Fahrrad und zu Fuß zurück, in acht Tagen erklommen wir knapp 8.300 Höhenmeter. Jeder ließ die Eindrücke der Reise nochmals für sich Revue passieren. Was bleibt sind eindrucksvolle Erlebnisse und wunderbare Erinnerungen: das mystisch anmutende Wolkenspiel im Hochgebirge, das Leuten der Kuhglocken im dichten Nebel. Tropfende Rinnsale, die im Tal zu reißenden Bergflüssen werden, der fantastische Ausblick ins weite Land, auf schneeweiße Gletscher und grüne Täler. Die gewaltige Ruhe im Hochgebirge, wenn nur der eigene Puls und der Wind in den Ohren sausen. Der Geruch von frischem Heu und der Geschmack einer Kaminwurz bei der Rast im Gras. Das befriedigende Gefühl, wenn nach einer langen Etappe das heiß ersehnte Ortsschild auftaucht und die warme Dusche nach einem Tag im klammen Regen.

Unsere Reise hat nicht mit dem Aufbruch am 6. August in München begonnen, sondern bereits Monate davor. Sie endet nicht hier am Bozner Bahnhof, denn die Erinnerungen an das Erlebte wirken fort.

Text und Fotos: Tim Frohwein und Andreas Münzinger