Der Zapfen-Zoch
Quelle: Karl Felix Wolff, Vom Wein im Etschland, Verlag G. Ferrari, 1926, S. 48 f.
In dem Bergdorfe Mölten oberhalb von Terlan hauste einst ein reicher, alter Bauer, der so geizig war, dass er täglich nur einen schwarzen Knödel aß. Hie und da aber gönnte er sich doch ein Glas Wein. Wieder einmal war es Herbst geworden. Rings um das sonnige Terlan standen reif die Trauben. Als der Bauer hörte, dass es in Terlan unten schon neuen Wein gebe, da dachte er, das Geld im Sack sei freilich gut, aber der Terlaner noch besser. So lud er ein Panzele (Fässchen) zu hundert Maß auf seinen Wagen, fuhr damit am nächsten Morgen hinunter bis nach Terlan und kaufte sich hundert Liter vom besten „Neuen“. Auf der Heimfahrt war es warm, die Sonne brannte auf dem steinigen Weg so heiß, so dass der Bauer immer wieder eine Pause einlegte. Als er sich gerade wieder ausruhte und mit Wohlgefallen das Panzele betrachtete, da sah er zu seinem Verdruss, dass der Zapfen locker saß und bei jedem Schlag Wein aus dem Fass tröpfelte. Der Bauer wollte den Zapfen fester hineinschlagen, allein das ließ sich nicht machen, weil der Zapfen zu kurz war. Dem Bauern blieb nichts anderes übrig, als ein Stück Holz zu suchen und einen neuen Zapfen zu schnitzen. Wie er aber so im Wald umher kroch, stand er plötzlich vor zwei Nörgelen, die ihn verschmitzt anlächelten. Der Bauer wandte sich unwirsch ab, denn er wusste, dass es den Zwergen Vergnügen bereitet, wenn jemand etwas vergeblich sucht. Da rief eines der Nörgelen: „He, Bauer, was suchst du denn?“
Als die Zwerge gar nicht nachgaben, erzählte der Möltner ihnen, er brauche ein Stück Werkholz für einen Fasszapfen. Flugs machten sich die Zwerge an die Arbeit und in wenigen Augenblicken war der schönste Zapfen fertig. Der Bauer zeigte sich sehr zufrieden und wollte den Zapfen nehmen, aber da sagten die Nörgelen, sie würden ihm den Zapfen nur geben, wenn sie dafür ein Glasl Wein bekämen.Der Bauer rang mit seinem Geiz. Nach längerem Hin und Her gab er nach: Jedes Nörgele solle ein Glas Terlaner erhalten. Also zogen die Nörgelen den alten Zapfen aus dem Fass heraus und schlugen den neuen sauber hinein, ohne ein Tröpfl Wein zu vergießen. Dabei lachten sie einander zu, denn sie freuten sich schon auf den guten Trank, der ihnen winkte. Der Bauer schaute ihnen zu, und wie er sie so lachen sah, stieg in ihm der Verdacht auf, die Nörgelen selber hätten vielleicht den Zapfen gelockert, um einen neuen Zapfen schnitzen und dafür Wein fordern zu können. Dergleichen Schelmenstreiche waren den Nörgelen schon zuzutrauen. Als sie nun mit ihrer Arbeit fertig waren und ihren Lohn verlangten, sagte der Bauer: „Sackra-Nörgelen! Schaut zu, dass ihr weiter kommt, sonst geb ich euch meine Geißl um die Ohren!“ Und drohend schwang er seine Peitsche. Die Zwerge drückten sich. Der Bauer aber schrie „hü!“ und ging mit seinem Fuhrwerk bergan. Das Pferd wollte jedoch nicht mehr so rasch vorwärts, es blieb häufiger stehen. Der Bauer merkte bald, dass etwas nicht stimmte. Als er zurückschaute, sah er einen mannshohen Stein, der an seinem Wagen angebunden war. Unter vielen Verwünschungen riss er den Stein los; das Pferd zog nun wieder an. Gleichzeitig erhob sich im nahen Gestrüpp ein höhnisches Gelächter. Der Bauer ahnte, von wem das Lachen kam, und er trieb sein Pferd vorwärts, denn die Sonne stand schon nahe neben der Laugenspitze, und wenn man die Nörgelen zu Feinden hat, muss man trachten, aus dem Wald hinauszukommen, bevor es dunkel wird. Der Bauer beeilte sich. Da fiel plötzlich das linke Vorderrad von der Achse ab und das Fuhrwerk kippte um. Das war kein Spaß für den Bauern. Während er seinen Karren notdürftig reparierte, hörte er neben sich im Dickicht wieder das Hohngelächter der Zwerge. Fluchend fuhr der Bauer wieder an. Doch er kam nicht weit, da brach der Wagen wieder zusammen. Mehrmals noch musste der Bauer das Rad aufstecken, es verdross ihn so, dass er schon überlegte, den Karren stehenzulassen und am nächsten Tag abzuholen. Nur der Gedanke, dass die Nörgelen inzwischen seinen Wein trinken könnten, hielt ihn davon ab. So schleppte er sich mühsam weiter. Die Zwerge, die ihn zu beiden Seiten des Weges über Stock und Stein begleiteten, ärgerten ihn unaufhörlich durch ihr schadenfrohes Lachen. Erst am Waldrand blieben sie zurück. In stockfinsterer Nacht kam der Bauer zu Hause an. Er war so müde, dass er das Fass nicht mehr in den Keller brachte, sondern einfach auf dem Fuhrwerk liegen ließ. Tags darauf klopfte der Bauer mit seiner Peitsche zufrieden auf das Panzele und erschrak sogleich: Das Fass klang seltsam hohl. Mit beiden Händen griff der Mann nach dem Fass, tatsächlich, im Spundloch steckte kein Zapfen mehr, und der edle Terlaner Wein war bis zum letzten Tropfen verschwunden. Auf beiden Fassböden prangte ein mit Kohle geschriebener Text. Da der Bauer aber schlecht im Lesen war, konnte er die Schrift nicht entziffern. So nahm er das Fass, trug es zum Nachbarn und ließ sich vorlesen.
Auf der einen Seite lautete die Aufschrift: „Wir baten um ein wenig Wein, er aber sprach: das soll nicht sein! Da tranken wir, es war ein Spaß, in kurzer Zeit das ganze Fass.“ Auf der anderen Seite aber stand: „Der Zapfen fiel aus dem Loch, den Wein verlor der alte Zoch.“ Als der Bauer das hörte, geriet er in unbändigen Zorn und fluchte, dass es nur so eine Art hatte. Der schlaue Nachbar dagegen lachte und fragte so lange, bis der Bauer ihm die ganze Geschichte erzählte. Darauf lachte er noch mehr, und beim Mittagessen erzählte er alles seiner Frau und seinem Gesinde. Bald wusste das ganze Dorf davon, und von Stund an hatten die Möltener Leute für den Bauern nur noch einen Namen: „Zapfen-Zoch“.
Als die Zwerge gar nicht nachgaben, erzählte der Möltner ihnen, er brauche ein Stück Werkholz für einen Fasszapfen. Flugs machten sich die Zwerge an die Arbeit und in wenigen Augenblicken war der schönste Zapfen fertig. Der Bauer zeigte sich sehr zufrieden und wollte den Zapfen nehmen, aber da sagten die Nörgelen, sie würden ihm den Zapfen nur geben, wenn sie dafür ein Glasl Wein bekämen.Der Bauer rang mit seinem Geiz. Nach längerem Hin und Her gab er nach: Jedes Nörgele solle ein Glas Terlaner erhalten. Also zogen die Nörgelen den alten Zapfen aus dem Fass heraus und schlugen den neuen sauber hinein, ohne ein Tröpfl Wein zu vergießen. Dabei lachten sie einander zu, denn sie freuten sich schon auf den guten Trank, der ihnen winkte. Der Bauer schaute ihnen zu, und wie er sie so lachen sah, stieg in ihm der Verdacht auf, die Nörgelen selber hätten vielleicht den Zapfen gelockert, um einen neuen Zapfen schnitzen und dafür Wein fordern zu können. Dergleichen Schelmenstreiche waren den Nörgelen schon zuzutrauen. Als sie nun mit ihrer Arbeit fertig waren und ihren Lohn verlangten, sagte der Bauer: „Sackra-Nörgelen! Schaut zu, dass ihr weiter kommt, sonst geb ich euch meine Geißl um die Ohren!“ Und drohend schwang er seine Peitsche. Die Zwerge drückten sich. Der Bauer aber schrie „hü!“ und ging mit seinem Fuhrwerk bergan. Das Pferd wollte jedoch nicht mehr so rasch vorwärts, es blieb häufiger stehen. Der Bauer merkte bald, dass etwas nicht stimmte. Als er zurückschaute, sah er einen mannshohen Stein, der an seinem Wagen angebunden war. Unter vielen Verwünschungen riss er den Stein los; das Pferd zog nun wieder an. Gleichzeitig erhob sich im nahen Gestrüpp ein höhnisches Gelächter. Der Bauer ahnte, von wem das Lachen kam, und er trieb sein Pferd vorwärts, denn die Sonne stand schon nahe neben der Laugenspitze, und wenn man die Nörgelen zu Feinden hat, muss man trachten, aus dem Wald hinauszukommen, bevor es dunkel wird. Der Bauer beeilte sich. Da fiel plötzlich das linke Vorderrad von der Achse ab und das Fuhrwerk kippte um. Das war kein Spaß für den Bauern. Während er seinen Karren notdürftig reparierte, hörte er neben sich im Dickicht wieder das Hohngelächter der Zwerge. Fluchend fuhr der Bauer wieder an. Doch er kam nicht weit, da brach der Wagen wieder zusammen. Mehrmals noch musste der Bauer das Rad aufstecken, es verdross ihn so, dass er schon überlegte, den Karren stehenzulassen und am nächsten Tag abzuholen. Nur der Gedanke, dass die Nörgelen inzwischen seinen Wein trinken könnten, hielt ihn davon ab. So schleppte er sich mühsam weiter. Die Zwerge, die ihn zu beiden Seiten des Weges über Stock und Stein begleiteten, ärgerten ihn unaufhörlich durch ihr schadenfrohes Lachen. Erst am Waldrand blieben sie zurück. In stockfinsterer Nacht kam der Bauer zu Hause an. Er war so müde, dass er das Fass nicht mehr in den Keller brachte, sondern einfach auf dem Fuhrwerk liegen ließ. Tags darauf klopfte der Bauer mit seiner Peitsche zufrieden auf das Panzele und erschrak sogleich: Das Fass klang seltsam hohl. Mit beiden Händen griff der Mann nach dem Fass, tatsächlich, im Spundloch steckte kein Zapfen mehr, und der edle Terlaner Wein war bis zum letzten Tropfen verschwunden. Auf beiden Fassböden prangte ein mit Kohle geschriebener Text. Da der Bauer aber schlecht im Lesen war, konnte er die Schrift nicht entziffern. So nahm er das Fass, trug es zum Nachbarn und ließ sich vorlesen.
Auf der einen Seite lautete die Aufschrift: „Wir baten um ein wenig Wein, er aber sprach: das soll nicht sein! Da tranken wir, es war ein Spaß, in kurzer Zeit das ganze Fass.“ Auf der anderen Seite aber stand: „Der Zapfen fiel aus dem Loch, den Wein verlor der alte Zoch.“ Als der Bauer das hörte, geriet er in unbändigen Zorn und fluchte, dass es nur so eine Art hatte. Der schlaue Nachbar dagegen lachte und fragte so lange, bis der Bauer ihm die ganze Geschichte erzählte. Darauf lachte er noch mehr, und beim Mittagessen erzählte er alles seiner Frau und seinem Gesinde. Bald wusste das ganze Dorf davon, und von Stund an hatten die Möltener Leute für den Bauern nur noch einen Namen: „Zapfen-Zoch“.



