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Die unredlichen Knechte

Quelle: Karl Felix Wolff, Vom Wein im Etschland, Verlag G. Ferrari, 1926, S. 37 ff.

Ein Weinbauer in Algund bei Meran hatte zwei Knechte, den Hies und den Hans, zwei Schelme, die ihren Dienstgeber bestahlen, wie und wo sie konnten. Besonders auf den Wein hatten sie’s abgesehen. Wenn der Bauer nicht daheim war, aber auch abends  begaben sie sich in den Keller hinunter und stachen ein Fass um das andere an. Manchmal wunderte es den Bauer, wie schnell die Fässer leer wurden; wenn er aber dann sagte, er begreife nicht, dass der Wein schon gar sei, so meinten die Burschen jedes Mal, den habe das Nörgele ausgetrunken. Es wohnte nämlich im Keller ein Nörgele, auf welches der Bauer große Stücke hielt; stets empfahl er seinen Leuten, das Nörgele ja nicht zu tratzen (trietzen), denn wenn das Nörgele fortzöge, ginge es mit dem blühenden Hof bergab und erst der neunte Besitzer käme wieder zu einigem Wohlstand. Die Knechte lachten über die Leichtgläubigkeit des Bauern und für jeden Streich, den sie ausheckten, schoben sie die Schuld dem Nörgele in die Schuhe. Das Nörgele aber, das in Wirklichkeit bescheiden und mäßig war, ärgerte sich darüber, dass es von den Burschen so verleumdet wurde, und beschloss, die beiden für ihre Unverschämtheit zu strafen. Der Hies und der Hans trieben’s indessen immer bunter. Eines Tages füllte der Bauer neuen Wein in Fässer ab und es wurden dabei 41 Fässer voll. Allein beim Zählen der gefüllten Fässer übersah der Bauer eines und schrieb mit Kreide einen mächtigen Vierziger an die Kellertür. Die schlauen Burschen bemerkten dies sofort; flugs beschlossen sie, eines der Fässer zu stehlen. Der Hies hatte in einem Hof bei Forst einen Vetter, der sich bereit erklärte, das Fass zu übernehmen, wenn man’s ihm ins Haus brächte. Das war nun freilich keine leichte Sache: der große und schwere Panzen (Fass) musste bei Nacht aus dem Keller geschafft werden. Die Burschen begriffen, dass sie das nicht allein zuwege brachten und sahen sich daher um einen Gehilfen um. Es lebte dazumal in Obermais ein Hexenmeister, der in der Gegend allgemein der „Moaser Student“ genannt wurde und der allerlei Kunststücke los hatte; so verstand er es z. B. sich in jedes beliebige Tier zu verwandeln. Diesen Hexenmeister baten die Knechte um Hilfe: sie boten ihm dafür den dritten Teil des Erlöses an. Als der Moaser Student aber erfuhr, dass in jenem Keller ein Nörgele wohne, machte er ein ärgerliches Gesicht: „Die Nörgelen sind vertrackte Lötter (Kerle); da heißt es verflucht aufpassen; wenn ihr das Kellernörgele getratzt habt, so ist es imstande, uns alle Weinnörgelen von Algund nachzuhetzen, sobald wir bei Nacht mit dem Panzen ausfahren. Alsdann möchten wir wohl wenig Wein nach Forst bringen; denn nicht nur, dass die Nörgelen sich bleischwer an die Radspeichen hängen, sie hupfen auch auf den Wagen hinauf, reißen Zapfen und Spund aus dem Fasse heraus und saufen Wein soviel sie können.“ Doch der Moaser Student wusste sich zu helfen. Er las in einem Zauberbuch, dass um die Nörgelen zu vertreiben man nur mit Stöcken, die im Freithofe gewachsen sind, andauernd auf das Fass schlagen müsse; ein Mann aber könnte das nicht lange aushalten, weil jeder Schlag, der ein Nörgele trifft, auf den Buckel des Schlagenden mit siebenfacher Kraft zurückgeht. Darum sollten sich die beiden Burschen abwechseln, während der Moaser Student als Ross den Wagen ziehe. Am folgenden Abend also schlichen die Knechte in den Keller, holten das Fass und warteten auf die Ankunft des Moaser Studenten. Als sie diesen leise pfeifen hörten, gingen die Burschen hinaus und sahen ihn in Gestalt eines kohlschwarzen Pferdes vor sich stehen. „Also aufgepasst,“ sagte der Student, „auf dem Wagen da hinten liegen eure zwei Stöcke; ich hab’ sie heute auf dem Freithofe geschnitten; jetzt bringt’s den Panzen her, wir müssen in Forst sein, bevor der Mond aufgeht; eine leichte Arbeit wird’s nicht werden, denn es sind Dutzende von Nörgelen um die Wege.“ Das Fass wurde verladen und der Hexenmeister vor das Fuhrwerk gespannt. Dieser ermahnte die Burschen noch einmal: „Haut’s nur fest auf den Panzen los und macht’s euch nichts draus, wenn euch auch der Buckel weh tut.“ Der Hans schwang seinen Prügel und fing mit dem Hauen an; eine Zeitlang ging es recht gut, aber plötzlich fuhr er zurück, denn er hatte einen sakrischen Schlag auf den Buckel bekommen. „Aha,“ sagte der Moaser Student, „jetzt hast ein Nörgele getroffen; aber nur weiter! Da darf man nicht verzagt sein.“ Der Hans machte sich wieder dran, doch schlug er nicht mehr so fest wie vorhin; trotz dieser Vorsicht bekam er Hiebe, dass ihm die Achseln krachten, denn mit siebenfacher Kraft war eben nicht zu spaßen. Etwa eine Viertelstunde lang hielt’s der Hans aus, dann musste der Hies weiter machen. Bums! schlug der Hies los, aber in demselben Augenblick lag er auch schon fluchend und ächzend auf der Straße, denn solch einen Mordsrüttler hatte er sein Lebtag noch nie verspürt. Eine Zeitlang gaben die Nörgelen nun Ruhe, allein auf einmal wurde der Wagen immer schwerer, so dass er schier gar nicht mehr vorwärts wollte. „Gebt acht!“ sagte der Hexenmeister, „die Nörgelen hängen sich an die Räder.“ Sofort hieben die Burschen unter den Wagen hinein. Da ertönte ein lautes „au, au, au!“, gleichzeitig aber taumelten auch die Burschen zurück, denn sie hatten wahre Keulenschläge ins Genick bekommen. „So ist’s recht!“ rief der Moaser Student, „habt ihr die Nörgelen winseln gehört? Jetzt werden die Lötterlen schon Ruhe geben.“ So war man allmählich bis zur Forster Etschbrücke gekommen. Als das Fuhrwerk über die Brücke rumpelte, rief eine Zwergenstimme aus den Uferbüschen:     „Ha, ha, ha!     Die Prügelknechte sind da!     Wenn die’s so weiter treiben, wird ihnen kein Wein mehr bleiben.“ In Forst wartete schon der Vetter vom Hies. Sogleich verwandelte sich der Hexenmeister in einen Menschen zurück und als der Vetter das sah, dachte er sogleich, das müsse der Teufel sein. Er sagte aber nichts und half das Fass abladen. Dabei schien es ihm, als sei das Fass sehr leicht, und darum fragte er, ob das der ganze Wein sei. Der Hexenmeister betrachtete das Fass von allen Seiten, dann brach er in Flüche und Verwünschungen aus. Als die überraschten Knechte näher hinsahen, gewahrten sie an der Unterseite des Fasses einen schmalen Sprung, aus dem noch Wein tropfte. „O Höllensakra!“ rief der Hies, „wir haben den Panzen aufgeschlagen und der ganze Wein ist ausgeronnen.“ Dann bemerkten sie eine Aufschrift auf dem Boden des Fasses:     „Ihr schlugt mit Stöcken, groß und schwer,     auf euren lötzen (kleinen) Panzen drauf;     wir aber fingen von unten her     den rinnenden Wein in den Hüten auf!“ „Verfluchtes Zwergengesindel!“ sagte der Hexenmeister und sich gegen die Burschen wendend fuhr er fort: „Aber es geschieht euch Recht; wenn ihr mit solcher Kraft haut, dass das Fass in Stücke geht, dann kann ich nicht helfen.“ Der Bauer in Algund, dem das Fass gestohlen worden war, wunderte sich am Morgen darüber, dass seine Knechte nicht zum Frühstück kamen. Als er nun in den Dachboden ging und die Kammer der Burschen öffnen wollte, sah er, dass Folgendes an die Tür geschrieben worden war:     „Mit’n Panzen voll Wein,     so zogen sie aus,     mit’n Buckel voll Schläg,’     so kommen’s nach Haus.“ Der Bauer ahnte, dass das Kellernörgele dieses G’satzl geschrieben haben müsse. Plötzlich hörte er Leute im Hof. Er trat in die Haustüre und sah seine Knechte vor sich. „Wo seids denn ös gewesen?“ herrschte er sie an. „In Partschins drüben, a Spielele zu machen,“ log der Hies frischweg. „Ah so! – Und wie steht’s denn mit dem Panzen voll Wein?“ Die Burschen erschraken: Sie meinten, der Bauer habe den Diebstahl bemerkt, und sahen einander betroffen an. Dem Bauern entging dies nicht; er bohrte weiter, bis die Knechte schließlich alles gestanden. So kam ihre Unredlichkeit durch das Kellernörgele an den Tag. Der Bauer aber sagte sich, da sehe man’s wieder, was ein Nörgele im Hause wert sei, und er schätzte das Mandl von nun an noch höher, als er das bisher schon getan hatte.

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